Im Erdbeben der Leidenschaften gewühlt

Dunkle Einflüsterungen mit Widersprüchen: Bettine von Arnims „Gespräch mit Dämonen“ neu erschienen

Im Erdbeben der Leidenschaften gewühlt

324.07.10|LokalFacebook
Artikel drucken|Artikel empfehlen|Schrift a / A

Von Johannes BruggaierSYKE (Eig. Ber.) · Die Konversation mit Dämonen, findet Rüdiger Görner, könne „keinem verantwortlichen Politiker schaden“.

Kreiszeitung Syke

Kreiszeitung Syke

Dämonen nämlich, so erklärt der Literaturwissenschaftler stürzen ihren Gesprächspartner in ein „Bewusstseins-Chaos“, geleiten ihn aber anschließend auch wieder heraus. Vom Verschleiß des grauen Alltags gereinigt, legt der Politiker mit frischem Mut und neuem Blickwinkel einen ungeahnten Reformeifer an den Tag.

Bettine von Arnim hatte sich einmal in der Rolle eines solchen Dämons versucht. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen sollte sich von ihren Einflüsterungen zu einer neuen Politik verleiten lassen: einer Politik ohne Todesstrafe und Repressalien gegen Minderheiten, ein quasidemokratisches Staatswesen mit hohem Mitbestimmungsanteil der Bevölkerung. „Gespräch mit Dämonen“ nannte sie das Werk, in das sie praktischerweise nicht allein ihre dämonischen Forderungen, sondern gleich auch noch die erwünschten Antworten des Königs integrierte. Für den Verlag Berlin University Press hat Rüdiger Görner das Werk nun neu herausgegeben. Inwieweit von Arnims Einflussnahme für die heutige Politik von Bedeutung sein könnte, bleibt aber auch nach der neu kommentierten Lektüre ungewiss: Zu sperrig ist das Werk, zu dunkel sein sprachlicher Duktus.

Das fängt mit der vertrackten politischen Lage nach der gescheiterten Revolution von 1848 an. Eine Zeit, in welcher der libertinäre Geist noch nachwirkte, obschon sich die Monarchie restituierte. An der Spitze Preußens ein romantisch schwärmerischer König, der sich einerseits vor den Gefallenen der März-Unruhen verbeugte, andererseits unbeirrt am Gottesgnadentum festhielt. Weil dem so ist, hütet sich auch von Arnims Dämon vor allzu deutlicher Aussprache – vielfach fallen sogar ganze Passagen der „eigenen Zensur“ zum Opfer. Und statt einer schonungslosen Bilanz der Revolution muss sich der Dämon in verquasten Formulierungen ergehen: „Den breiten Weg seiner Entwicklung hat das Volk im Erdbeben seiner Leidenschaften unterwühlt.“ Im Ergebnis steht eine im Ton kämpferische Schrift, die inhaltlich oft seltsame Widersprüche aufweist. Etwa dann, wenn der König – den die Einflüsterungen übrigens im Schlaf heimsuchen – einerseits „den Geist der Revolution“ in sich aufnehmen soll, um somit „Genius des Volkes“ zu werden, einerseits Revolutionen grundsätzlich als „Folgen von Verbrechen“ bezeichnet werden.

So sind es eher abseitige lokalpolitische oder aber auch ästhetische Äußerungen, die auch 150 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung noch das Interesse des Lesers erwecken. In einem Prolog widmet sich der Dämon zunächst dem Primas, der zur Zeit des Rheinbundes für die skandalöse Situation der Juden in der Stadt Frankfurt verantwortlich zeichnete. Mit einem reizvollen Bezug auf Goethes „Dichtung und Wahrheit“ hält von Arnim einer Gesellschaft den Spiegel vor, die einerseits im großen Gewächshaus der Stadt exotische Pflanzen pflegt, andererseits orientalische Juden in ein Ghetto sperrt.

In ästhetischer Hinsicht bemerkenswert erscheint indes der Verweis auf die Genesis, mit der unbekümmert dahingeworfenen These, wonach man das Licht, von dem letztlich der Weltenlauf eingeleitet worden sei, getrost mit dem „Gefühl“ gleichsetzen könne. Gefühl also und nicht mehr Verstand wie noch zu Zeiten der Aufklärung: Deutlicher ließe sich wohl kaum die Abkehr der Romantiker von der Klassik dokumentieren. Vor diesem Hintergrund wird auch die Absage an alles Formale verständlich. Form nämlich, befindet der Dämon, sei „nur da, wo Geist nicht ist“: eine kühne, genau genommen tollkühne Behauptung, die von einem gefährlichen Hang zur Schwärmerei zeugt.

Vor allzu finsteren Einflüssen sollte man sich also durchaus in Acht nehmen. Zwar vermögen Dämonen ihre Gesprächspartner in ein Bewusstseins-Chaos zu stürzen. Darauf, von ihnen wieder herausgeleitet zu werden, darf man sich aber nicht verlassen.

Bettine von Arnim: „Gespräch mit Dämonen“; Berlin University Press: Berlin 2010; 240 Seiten; 34,90 Euro.

zurück zur Übersicht: Lokal

  • BlinkList
  • del.icio.us
  • Folkd
  • Furl
  • Google
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • oneview
  • Yahoo MyWeb
  • YiGG
  • Webnews
Diese Seite bookmarken bei...
Schliessen

Artikel empfehlen!

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Kommentar schreiben

Letzter Kommentar zu diesem Artikel:

Keine Kommentare vorhanden.

Eintrag verfassen

Community

Schreiben Sie zum Beitrag Ihre Meinung oder laden Sie Bilder und Videos zu ihrem Profil hoch. In unserer Community lernen sie sicher auch neue Freunde kennen.

Registrieren / Login

52.913388,8.826758

Leserbriefe

Sie möchten einen Leserbrief an uns senden? Dann senden Sie bitte eine mail an:

Fotostrecke Kultur

  • Polizei sucht nach Mirco (10) aus Grefrath

    07.09.10|Deutschland|0

weitere Fotostrecken:

Ihre Veranstaltung im Internet

Veranstaltung melden

Melden Sie uns Ihre Veranstaltung, die wir in unserem Kalender schnell, unkompliziert und kostenlos veröffentlichen!

Aktuelle Videos

Kultur

Mysteriöse Verabredung mit dem Tod
Mysteriöse Verabredung mit dem Tod

Von Mareike BannaschBREMEN (Eig. Ber.) · Bisher dachte ich, ein Metronom tickt immer gleich. Bisher. Da stand ich aber auch nicht mitten auf der Bühne, keine Scheinwerfer blendeten mich, und ich musste auch nicht 60 Taktschläge lang über das Ende meines Lebens sinnieren.Mehr...

Das Deutsche Schauspielhaus entdeckt Heinrich von Kleists Dramenfragment „Robert Guiskard“
Als die Romantik das Drama begrub

Von Johannes Bruggaier (Eig. Ber.) · Robert wer? Ja, ganz recht: Guiskard. Der große Klassiker, Heinrich von Kleists „Entdeckung“ des modernen Trauerspiels, von Christoph Martin Wieland einst als Vereinigung der „Geister des Äschylus, Sophokles und Shakespeare“ bejubelt.Mehr...

Wie überflüssig ist der Dirigent?

Von Ute Schalz-LaurenzeBREMEN (Eig. Ber.) · Den „Marsch zum Schafott“, den vierten Satz aus Hector Berlioz' autobiographischer „Symphonie Fantastique“, spielte das belgische Orchester „Anima Eterna“ als Zugabe und der Dirigent Jos van Immerseel erlaubte sich, den Raum nach einer Minute zu verlassen: bei einem so heiklen rhythmischen Stück in so großer Besetzung ein schier atemberaubender Gag.Mehr...

Sudoku

Sudoku Spiel auf kreiszeitung.de

Boulevard

Vier Jahre Haft für Kirsten Dunsts Handtaschendieb
Kirsten Dunsts Handtaschendieb verurteilt

New York - Weil er die Handtasche von “Spiderman“-Star Kirsten Dunst gestohlen hat, muss ein Amerikaner vier Jahre hinter Gitter.Mehr...

Mörder von John Lennon bleibt weiter in Haft
Lennon-Mörder bleibt weiter in Haft

New York - Der Mörder von John Lennon, Mark Chapman (55), bleibt knapp 30 Jahre nach der Tat weiter hinter Gittern. Ein Gericht lehnte auch den sechsten Antrag auf Haftentlassung ab.Mehr...

Bettina Wulff unterstützt Müttergenesungswerk
Bettina Wulff unterstützt Müttergenesungswerk

Bad Harzburg - Bettina Wulff will sich künftig für überlastete und erkrankte Mütter in Deutschland einsetzen. Sie hat deshalb die Schirmherrschaft des Müttergenesungswerkes (MGW) angetreten.Mehr...

Ticket-Shop

Ob Rock- oder Klassik-Konzert, ob Comedy oder Ballett: hier können Sie bequem Ihre Tickets buchen.

LokalesNachrichtenSportFun & FriendsLebenServiceAnzeigenZeitung

Artikel lizenziert durch © kreiszeitung
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.kreiszeitung.de