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Der Maler Max Schaffer erhält den 35. Bremer Kunst-Förderpreis

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Bremen - Von Rainer BeßlingDie Wiener Hofburg ist eine Touristenattraktion und ein Symbol vergangener Macht. Relikte der Habsburger Monarchie warten im Innern auf geneigte Besucher. Auch ein Sissi-Raum lässt sich bestaunen.

System Aneignung: Markus Lüpertz signierte eine von Max Schaffer „entwendete“ Postkarte. ·

© Foto: Städt. Galerie Bremen

System Aneignung: Markus Lüpertz signierte eine von Max Schaffer „entwendete“ Postkarte. ·

Im Jahr 2010 fanden an der Hofburg Bauarbeiten statt. Eine Folie mit Fassaden-Imitation verkleidete das Gebäude. Der Maler Max Schaffer sprühte darauf den Satz „Between gestures of new beginning and rhetorics of ruin“. Das Zitat entstammt einem Essay des Kunsthistorikers Helmut Draxler mit dem Titel „Malerei als Dispositiv“.

Der Satz hielt keinen Tag. Bauarbeiter entfernten ihn mit Lösungsmitteln und überstrichen ihn mit weißer Farbe. Schaffer trennte in nächtlicher Aktion das übertünchte Folienstück heraus. Sichtbar wurden auf der Holzwand unter dem Stoff ein Abdruck des Satzes sowie weiße Farbreste.

Seit einigen Tagen hängt der entwendete Verkleidungsausschnitt in der Städtischen Galerie Bremen. Schaffer, 1985 in Santiago de Chile geboren, ehemaliger Studierender an der HfK Bremen und der Akademie der Bildenden Künste Wien, nimmt heute am Buntentorsteinweg den 35. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst 2011 entgegen.

Eine Folie mit Farbresten  – das „Werkstück“ erklärt sich nicht selbst. Es ist Dokument von Schaffers Aktion und Portal zu einem vielschichtigen Verweissystem, das die Jury überzeugte. Ein Beiblatt vermittelt es dem Galeriebesucher. Komplexität und Präzision loben die Juroren, und dass Schaffer „mit scharfsinnigem Humor kunsthistorische Fragen und gesellschaftliche Werte in verschiedenen Medien“ thematisiere. Mit „einfachen Gesten oder Interventionen“ werfe er „vielschichtige Fragen“ auf.

Das klingt pauschal und birgt die Gefahr, dass Schaffers Profil verwässert wird. Die Jurybegründung spiegelt aber auch den Versuch wider, einer ausführlicheren Analyse auszuweichen. Denn die hätte lang werden können. Gesten des Neubeginns und eine Rhetorik der Zerstörung lassen sich nicht nur aus dem Renovierungsakt und der sanierten Architektur samt ihrer Untergangssymbolik herauslesen, sondern auch mit der Intervention und der Reaktion darauf verknüpfen. Da ein Maler hier Hand anlegte und der gesprühte Satz aus einem Debattenpapier zur Malerei stammt, lässt den Raum zwischen Neubeginn und Zerstörung als Ort der Avantgarde vermuten. Neue Setzungen auf alten Folien hinterlassen Spuren, die überlagert werden, aber untergründig weiterwirken – eine Aktion zwischen Hinzufügen und Entwenden.

Fragen des geistigen Eigentums, der Aneignung und des Weiterschreibens des Kanons schwingen auch in Schaffers zweitem Beitrag mit. Während einer Lüpertz-Retrospektive in der Wiener Albertina bat er den Maler mit Erfolg, eine geklaute Kunstpostkarte mit der Darstellung einer Picasso-„Sylvette“ zu signieren. Schaffer macht in vielen Interventionen Kunstbetrieb und Kunstgeschichte zum Thema. Dabei stellt er die Handlung in den Mittelpunkt. Eingriffe, nicht selten Übergriffe, lagern sich als Prägungen in verschiedensten Medien ab.

Nominierte Beiträge

auf hohem Niveau

      Schaffer versteht es, über seine Arbeit zu reden. Er befasst sich inspiriert mit dem „Dispositiv“ Malerei, mit dem Urgrund ästhetischer Debatten und Ergebnisse, mit dem Netz zwischen Werk, Theorie, Haltung, Institution, Interpretation. Dass Schaffer diesen Kosmos wie beiläufig verdichtet, zeichnet ihn aus. Konzeptuelles tritt erhellend und unterhaltsam auf.

Traditionell zeigt die Förderpreisausstellung alle von der regionalen Jury nominierten Künstlerinnen und Künstler. Die diesjährige Auswahl ist von hoher Qualität. Im Eingangsbereich trifft das Publikum auf Walter Zurborgs „Rabenscheuche“, eine schöne Low-Tech-Installation, die Bewegungen des Publikums in hölzernen Klang übersetzt und verschiedene Kulturlandschaften und -räume verknüpft. In „sub rosa“ des Duos Steinacker/Willand lässt sich das Körperempfinden eines Beichtenden in einem präparierten Kleiderschrank nachvollziehen.

Piotr Rambowski verlässt seine altmeisterlichen Miniaturen und fotografischen Vorlagen und entwickelt in freier Komposition eigene malerische Welten. Fabian Reimann beschäftigt sich weiter mit Segen und Fluch der Technik. Marina Schulze zeigt neue Bilder, die ihr altes Thema Haut und Oberfläche virtuos variieren. Beamer-Licht auf Gesicht und Hals lässt farbreiche Kompositionen entstehen, Artefakt und Abbild fließen zusammen. Ina Raschke ist mit einer zarten Wandarbeit vertreten, einer Zeichnung in den Raum, die Körper- und Zeiteinsatz in die stille Dynamik von Linienschwüngen überträgt.

Als Kontrast zu den bewegten Fotogrammen von Ria Patricia Röber treten zwei graue Quader von Daniel Behrendt auf, einer liegend, einer hängend, auf die Stofflichkeit von Malerei verweisend und auf Architektur, massig, schwer und schwebend zugleich, Farbe verweigernd und bündelnd. Großen Eindruck hinterlässt eine Serie von Fotografien: Claudia A. Cruz befragt mit Großformaten ein Spannungsfeld zwischen Bewerbungsbild und Porträt. Wie lässt sich im Korsett von Bild-Standardisierungen Persönlichkeit ablichten? Indem der Fokus auf den Raum zwischen Ausdruck und Eindruck, zwischen dem Blick des Porträtierten und dem des Betrachters gerichtet wird.

Städtische Galerie Bremen, Buntentorsteinweg. Bis 26. Februar. Eröffnung und Preisverleihung heute, 19 Uhr.

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