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Ins dunkle Herz deutscher Imbissbuden

Jon Flemming Olsen las in der Bremer Schwankhalle aus seinem Buch „Der Fritten-Humboldt“

Ins dunkle Herz deutscher Imbissbuden

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Von Manuela KaniesBREMEN (Eig.Ber.) · Karpfen schmecken nicht. Deshalb wirft der typische Däne sie auch wieder zurück ins Wasser. Und überhaupt geht es nur darum, den dicksten Fisch zu fangen.

Jon Flemming Olsen, bekannt als Imbiss-Wirt Ingo aus „Dittsche“, hat ein Buch geschrieben: „Der Fritten-Humboldt“.

Jon Flemming Olsen, bekannt als Imbiss-Wirt Ingo aus „Dittsche“, hat ein Buch geschrieben: „Der Fritten-Humboldt“.

Der wird dann gewogen und wieder in den künstlich angelegten Fischteich entlassen. Doch was, wenn der dickste Fisch, eben erst zurückgeworfen, von einem konkurrierenden Angler gefangen wird? Wer gewinnt dann? Der Däne lacht sehr lange, steigt ins Auto und fährt weg.

Die Absurdität des Moments einfangen, das ist Jon Flemming Olsens Stärke. Der Autor und Schauspieler, bekannt als Imbiss-Wirt Ingo aus „Dittsche“, las am Mittwochabend in der Bremer Schwankhalle aus seinem Buch „Der Fritten-Humboldt – Meine Reise ins Herz der Imbissbude“.

Mit Karpfen, Bratwurst und Fritten hat das wenig zu tun, auch geht es nicht ums Essen an sich. Olsen, der nur dänische Namen trägt, aber kein Däne ist, versucht sich nicht als „Restaurant-Tester“. Er ist ein Beobachter. Zuweilen gerät die Beschreibung seiner Protagonisten in deutschen Imbissbuden zu detailliert, der Leser und Zuhörer muss nicht unbedingt erfahren, welche Dimensionen beispielsweise Volkers Tätowierungen annehmen. Um sich ein Bild von ihm zu machen, reicht sein Berliner Akzent, dass er „Schnutenwischer“, einen dreifachen Weinbrand im Schnapsglas, in sich hineinschüttet und sich durch Erzählung seiner Lebensgeschichte in den Mittelpunkt drängt.

Jon Flemming Olsen trägt flüssig vor, klar akzentuiert, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Trotz seines Geständnisses, bei seiner erst zweiten Lesung sehr aufgeregt zu sein. Kapitel für Kapitel entlarvt er nicht nur die Macken der Imbiss-Besitzer und Gäste, sondern auch sich selbst. In der Überzeugung, dass Freitag ist, macht er sich auf die Reise nach Husum. Dort angekommen, wird ihm klar, dass er sich geirrt hat: Es ist erst Donnerstag. Resigniert reist er wieder ab. Olsen selbst wirkt dabei wie ein Getriebener, der aufgeregt losprescht, ohne zu wissen, warum. Die Frage nach dem Sinn seiner Unternehmung stellt er sich aber erst im siebten Kapitel, im Saarland. Dort ist er aufgrund der perfektionistischen Arbeitsweise der „Weiß-Rücken“, wie er die Imbiss-Betreiber spöttisch und zugleich liebevoll benennt, zur Untätigkeit verdammt. Und merkt, wie sehr es nervt, nichts zu tun zu haben.

Die Imbiss-Leute bilden mit ihren weißen Schürzen eine Front, eine Einheit, in die Olsen nicht integriert ist. Doch dann wittert er seine Chance und greift zu: Die Gäste reichen durch die Fenster von draußen ihre schmutzigen Teller rein. Olsen schnappt sich einen, geht in die Küche, wischt den Ketchup ab, stellt das Objekt seiner Begierde in die Spülmaschine. Er hält inne und bemerkt seinen Widerwillen: den Dreck anderer Leute wegmachen zu müssen.

Dabei ertappt Olsen sich beim Vordringen in eine Welt, in der er vorher nicht zu Hause war. Und vielleicht auch nicht heimisch wird. Denn Olsen ist ein Beobachter und kann sein Vorhaben, aktiv in diese Gesellschaft einzudringen, nicht umsetzen. Er sieht, seziert und geht wieder – nach einem Tag als Praktikant. Dadurch entstehen Momentaufnahmen der Imbissbuden-Besucher. Menschen, die reden wollen, Schnaps trinken oder etwas ursprünglich Deutsches essen wollen. Getreu dem Motto: Was ich nicht kenne, esse ich nicht. Der Mensch als Gewohnheitstier. Aber Olsen sieht schnell die Geschichte dahinter: Hannes, KZ-Überlebender, mit tiefen Furchen im Gesicht, der abends zu seiner Mundharmonika greift und „Lili Marleen“ spielt. Herzergreifend. Der Autor ertappt sich mit Tränen der Rührung in den Augen. Rührselig oder kitischig wird das Buch dabei aber nicht. Es bleibt ehrlich.

Überzeugt hat bei der Lesung der Schauspieler Olsen, deshalb macht er es dem Autoren Olsen schwer. Denn das Buch möchte man aufgrund seiner pointierten Intonation und der gelungenen Nachahmung der deutschen Dialekte wie dem Saarländischen lieber hören als selbst  lesen.

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