006.02.10|Lokal|Lokal|
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Von Harri WangerinBERLIN (Eig. Ber.) · Christian Lacroix hat die Kostüme entworfen. Wenn ein berühmter Modeschöpfer sich in den Dienst einer Opernneuinszenierung stellt, dann braucht es einen Laufsteg, tatsächlich brachte ein solcher am Donnerstagabend in Georg Friedrich Händels 1709 in Venedig uraufgeführter Oper „Agrippina“ die Akteure dem Publikum näher.
Das fast vierstündige Werk spielt im ersten Jahrhundert n. Chr. im antiken Rom. Agrippina, Gattin des Cäsaren Claudio, möchte ihrem Sohn aus erster Ehe, Nero, auf den Thron Roms verhelfen. Dieses Privileg hat Claudio aber seinem Lebensretter Ottone zugedacht. Dieser liebt die schöne Poppea, die wiederum Claudios Geliebte ist und nach Agrippinas Willen deren Sohn Nero ehelichen soll. Das Stück endet glücklich! Alle bekommen, was sie erwarten. Bevor es soweit ist, sind Verwicklungen und Intrigen aufzulösen.
Die Regie lag in den Händen des jungen Vincent Boussard, der die Personen der Handlung mehr oder weniger statisch führt, das Rampensingen zulässt und sich insofern an die Aufführungspraxis der Barockwerke in ihrer Zeit annähert. Die minimalen Aktionen und gestellten Situationen, die Bühnenraum und Laufsteg ermöglichen, sind humorvoll, auch drastisch, von bebender Dramatik und immer werkgetreu. In den großen Szenen solistischen Ziegesangs herrscht Ruhe auf der Szene.
Das Bühnenbild von Vincent Lemaire war minimalistisch, aber ebenso außergewöhnlich und elegant-luxuriös, wie Lacroix’ Roben, Etuikleider, Silhouettenanzüge, Schuhe und gefütterten Rockaufschläge. Die Bühne war azurblau ausgeschlagen. Von der Decke hingen in fünf Reihen silbrige Perlenschnurvorhänge herunter, die einmal das Meer, dann wieder Palasträume andeuteten. Als Requisiten dienen ein Hut, ein Schirm, ein Stuhlpodest für Poppeas phänomenale, eine Felslandschaft imaginierende, aeolgleiche Auftrittsrobe, eine kaiserliche Riesencouch und zwei überdimensionierte Ballons, die Claudios Schiff mit Segeln imitieren; und ja, auch zwei Sonnenbrillen, eine Pistole. Guido Levi hat dazu eine Lichtregie beigesteuert, die nicht nur, aber insbesondere die letzte Szene großartig ausleuchtet, wenn der in die „Geschichte“ enteilende Nero dem dösenden Claudio den Königsmantel entwindet, dazu der Hintergrund in flammendes Licht getaucht, das brennende Rom heraufbeschwört.
Das Stück setzt die Barockopern-Reihe der Staatsoper unter der Leitung von René Jacobs fort, der mit seiner Akademie für Alte Musik Berlin, Barockmusik vom Feinsten, erklingen lässt. Die filigranen Notengespinste, Ensembles und aufgetürmten Koloraturkaskaden treffen Ohr und Herz jedes Zuhörers. Jacobs schlägt ausgesprochen präzise und trägt seine Akteure auf musikalischen Händen. Die allseits barock-gestählten Solisten beglückten sämtlich. Insbesondere Bejun Mehta als Ottone und Anna Prohaska als Poppea ernteten stürmischen Beifall. Gleiches gilt für Alexandrina Pendatchanska in der Titelrolle und Jennifer Rivera als deren Sohn Nerone.

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