Berge, Wümme und Meer

Teilhabe am väterlichen Talent, Weitergabe des väterlichen Werks: Zum Tod Christian Modersohns

Berge, Wümme und Meer

329.12.09|LokalFacebook
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Fischerhude - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Christian Modersohn hatte ein prominentes und bedeutendes Erbe zu verwalten. Er nahm die Herausforderung doppelt an. Als Maler führte er die Profession seines Vaters Otto Modersohn fort, als Sohn pflegte er engagiert die Erinnerung an das Werk des großen Worpsweders.

Eine des letzten Aufnahmen des Malers Christian Modersohn.

Eine des letzten Aufnahmen des Malers Christian Modersohn.

Wer den am 13. Oktober 1913 geborenen, an Heiligabend 2009 verstorbenen Christian Modersohn bei einer Führung im Fischerhuder Modersohn-Museum erleben konnte, wer ihn über das Werk seines Vaters hat sprechen hören, der wird seinen Einsatz für das künstlerische Erbe im Speziellen und seine Liebe zur Kunst im Allgemeinen nicht vergessen. Empfindsamkeit des Auges traf da mit Poesie des sprachlichen Ausdrucks zusammen, und in allem steckte eine wärmende Musikalität, in der sich Erleben und Wissen die Waage hielten.

Als einer von zwei Söhnen Otto Modersohns aus dessen dritter Ehe mit der Sängerin und späteren Malerin Louise Breling, erbte Christian Modersohn mindestens zwei Talente. Und ursprünglich hatte er auch Sänger oder Pianist werden wollen.

Letztendlich überzeugte ihn seine Tante Amelie Breling davon, sich der Malerei zu widmen. 1935 ging er zusammen mit seinem Bruder Ulrich, der nur wenige Monate nach dem Tod Otto Modersohns im Jahr 1943 in Russland fiel, auf die Nordische Kunsthochschule in Bremen. Bereits ein Jahr später wechselten beide an die Akademie der Bildenden Künste nach München.

Hier kamen Christian Modersohn die Beobachtungen am elterlichen Küchentisch zugute: Täglich legte der Vater hier seine Kompositionszeichnungen an. Doch nicht nur das zeichnerische Auge des Kindes bildete sich hier aus, auch die Liebe zur Natur wurde vom Vater an den Sohn weitergegeben.

„Was ist die Natur?“, schrieb Otto Modersohn in sein Tagebuch. „Die Stimmung, meinen die meisten Maler. Ich sage nur dies: Die Stimmung tritt als ein wichtiges Element hinzu, aber das Erste ist der Baum, der Mensch, das Gras, die Blume.“ Wenn Christian Modersohn seinen Vater zitierte, wurde Übereinstimmung mit dem eigenen Denken hörbar, und auch die Werke des Sohnes erschienen im Licht tiefer Naturerkundung.

Sprach Christian Modersohn über die Motive seines und des väterlichen Werkes, flossen Bild, Sprache und Klang zusammen: „Die Wege und Wasserläufe führen weit in den Horizont hinein. Dort beginnt ein Himmel von unbeschreiblicher Veränderlichkeit und Größe. Er spiegelt sich in jedem Blatt. Alle Dinge scheinen sich mit ihm zu beschäftigen. Er ist überall.“

Aufgewachsen in Fischerhude und in Hindelang/Allgäu, nach dem Krieg zur Mutter ins Allgäu gezogen und 1957 nach Fischerhude zurückgekehrt, pendelte Christian Modersohn stetig zwischen unterschiedlichen Naturerlebnissen.

„Die Berge, die Wümme und das Meer, da kommt für mich ja alles her“, reimte er augenzwinkernd. Wasser war immer sein großes Thema gewesen: „Wir würden vertrocknen, wenn wir nicht trinken. Das geht den Blumen auch so, insofern sind wir ein Teil der Schöpfung.“ Das erste wichtige Aquarell, malte er im Allgäu. Der Wechsel zwischen den Landschaften ließ ihn das Verbindende und Grundlegende in den Naturerscheinungen suchen: „Man malt Bilder nicht ab, sondern man lebt mit dem Ganzen der Schöpfung. Dann entsteht ein eigenes Gewächs. Man muss mit der Natur arbeiten, dann entsteht etwas, das lebendig ist.“ Licht und Wasser waren für ihn fundamentale und unverzichtbare Erlebnisse. Beim jährlichen Urlaub auf der Insel Baltrum fand Christian Modersohn die Stille als notwendiges Gegengewicht zum „Weltlärm“ und die Muße, sich auf Morgendämmerung und Abendhimmel als Grundrhythmus zu besinnen. Das Aquarell hatte für ihn den Vorteil, dass kein Licht angemischt werden muss. Es birgt die Transparenz der Natur: „Das Licht ist hinten und ich lege die Farben darüber.“

Als Otto Modersohn am 10. März 1943 in Fischerhude verstorben war, hatte Christian Modersohn Heimaturlaub bekommen. Von seinem Erbteil erwarb er eine Eichenwiese, den jetzigen Standort des Museums. Nach dem Krieg in Hindelang lernte Christian Modersohn Anna Lipp kennen, die er 1947 heiratete. Aus der Ehe gingen die Kinder Heinrich, Ulrich, Antje und Johannes hervor.

1948 entstand in Hindelang eine kleine Galerie, die neben Bildern der malenden Familienmitglieder die Werke Otto Modersohns der Öffentlichkeit zugänglich machte. Zehn Jahre später zog die inzwischen fünfköpfige Familie nach Fischerhude, wo auf der Eichenwiese in der Bredenau zunächst ein Wohnhaus entstand. Im Zuge der Wiederentdeckung des Werkes Otto Modersohns entstand der Plan, ein Nachlassmuseum zu errichten. 1974 wurde es eröffnet, in der Landschaft, die Otto Modersohn inspiriert hatte.

Fischerhude war stets und bleibt so weiter Anker der Familie. Dass so viele Bilder in Familienbesitz verblieben, ist den Kindern zu verdanken, die häufig an der Bildrückseite vermerkt hatten: „Unverkäuflich“. Anbauten des Museums und der Ausbau der Trägergesellschaft sowie Freundschaften Christian Modersohns zu wichtigen Förderern wie dem Altbundeskanzler Helmut Schmidt halfen die Nachlassverwaltung sichern.

Gern hat Christian Modersohn Rilke zitiert, den unerreichten sprachlichen Nachschöpfer von Bildwelten und bildmächtigen Dichter. Auch ein Hörbuch, in dem Christian Modersohn vom Werk seines Vaters und vom eigenen Leben erzählt, schließt mit Rilke: „Dass Mensch und Landschaft, Gestalt und Welt sich begegnen und finden, ist nicht der letzte, aber vielleicht eigenartigste Wert der Kunst geblieben, und der künstlerisch wichtige Moment ist, dass beide Waagschalen sich das Gleichgewicht halten.“

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