Von Lorena PabelickSYKE (Eig. Ber.) · Kunst entspringt Bewegungen. Sie idealisiert, übt Kritik, drängt und prescht nach vorne. Avantgardistischen Quellen entspringt eine Vielzahl von Adern, in denen sich ein Strom linear fließend fortentwickelt, dessen zarte Nebenarme leise plätschernd mitgleiten oder still versiegen. Der Fluss aber erreicht den nächsten Ausgangspunkt, die Kunst eine neue Epoche.

Lutz Felsmann: „emergency exit“, 2007.
Gegenwärtig stellt es sich anders dar. Eine ungeheure Vielzahl von Stilen, Medien und Aussagen changieren in der zeitgenössischen Kunst auf Augenhöhe nebeneinander. Die Ausstellung „Zu Gast im Syker Vorwerk. 15 Positionen zeitgenössischer Kunst“, die ab diesem Sonntag zu sehen ist, traut sich, Werksbeziehungen anzubieten, deren gemeinsamer Nenner einzig der Zeitraum ihrer Entstehung zu sein scheint. Zweifellos jedoch erschließen sich erste klare Verbindungen im Konzept der Ausstellung. Mit Rainer Beßling, Rainer Ehlers, Wolfgang Griese, Sabine Kratzer und Bernd Wagemann teilen fünf Personen aus dem Landkreis Diepholz, die beruflich oder privat Kunst verschrieben sind, als Gastgeber ihre subjektive Sicht auf die Positionen der Gegenwart mit. In der Auswahl „ihrer“ zwei bis vier verschiedenen Künstler wird der persönliche Blickwinkel auf zeitgenössische Kunst zum Bezugselement.
Vor Ort im Vorwerk hat schließlich Nicole Giese die Kuration der mehr als 60 Exponate übernommen. Das Konzept erweist sich als planvoll, aber nicht stringent. Die Zusammenstellung folgt den Ansprüchen der Arbeiten nach Minimalismus oder Bezugnahme, sie erzeugt Reibungen, schlägt Brücken der Assoziation oder adelt Farbe zum Kriterium der Raumgestaltung.
Einen Raum weiter trifft der Betrachter auf Videokunst des Amerikaners Jesse Magee. „National Passtime“ zeigt das Spiel zweier Jugendlicher, die sich dem Nationalsport Baseball widmen. Austragungsort ist eine schmuddelige Bauruine, die Männer sind mit Kapuzenpulli bekleidet und bereit, auf den Ball einzudreschen. Als dieser auf den Schläger trifft, wird das Moment der Gewalt deutlich, das Wurfgeschoss ist aus Glas und zerbirst knallend in tausend Stücke. Gewalt als Freizeitgestaltung.
Im einzigen Ausstellungsraum des Erdgeschosses hängen Arbeiten von Heinrich Modersohn, Hermann Böhm und Christian Haake. Das Video-Triptychon Böhms zeigt den Künstler in einem Wasserbecken liegend. Seine Haltung ist embryonal, mit stetiger Laufbewegung dreht er sich um eine imaginäre Mittelachse und bringt dadurch das nasse Element in Schwingung. Sanfte Wellen in ihrer typisch gleichmäßig fließenden Bewegung verbinden diese Arbeit mit den Aquarellen Modersohns. Bewegliche Struktur wird mit der Leichtigkeit von gewässerter Farbe in assoziative Komposition von Landschaft überführt.
Als kompletter Bruch mit dieser Zartheit und dennoch von eigener Fragilität versteht sich ein Blatt von Christian Haake, das im selben Raum hängt. Er hat Millimeterpapier gezeichnet. Zwar verzichtet er dabei nicht auf das Hilfsmittel des Lineals, die Abstände der Linien erweisen sich aber als gefühlte Millimeter. Die objektive Genauigkeit des geometrischen Rasters muss einem subjektiven Gefühl von Präzision weichen. Ist nicht die fortschreitende Individualisierung eine Erscheinung der Gegenwart?
Die Ausstellung stellt sich wagemutig einer in allen Bezügen verschiedenartigen Kunst der Gegenwart. Dabei potenziert sie die Kontroversen noch durch die Zusammenführung dreier Ebenen, repräsentiert durch die Auffassung von Künstlern, Gastgebern und Kuratorin, was zeitgenössische Kunst charakterisiert. Und diese Vielschichtigkeit vermag schließlich den unzähligen Positionen von Künstlern und Betrachtern Rechnung zu tragen.
Bis 10. Januar im Syker Vorwerk. Mit Katalog.
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