Bremen - Von Rainer BeßlingIn den Motiven befand sich William Turner auf der Höhe seiner Zeit, malerisch war er ihr weit voraus. In „Rain, Steam and Speed“ aus dem Jahr 1844 rückt der Brite die Eisenbahn als Symbol der Industrialisierung ins Bild, allerdings kaum figürlich, eher im Nachvollzug von Erscheinung, Wirkung und Rang. Dampf und Geschwindigkeit drücken sich in Stofflichkeit und Energie der Farbe aus, nahe an den kompositorischen Prinzipien der Moderne.

© Foto: Galerie
Schillernde Farbigkeit und zartes Gitterwerk: Barbara Rosengarths Bahnerlebnis nach William Turner. ·
Die Bremerin Barbara Rosengarth vollzieht auf den Spuren Turners das Bahnerlebnis nach und verknüpft es mit ihrer eigenen künstlerischen Thematik. Sie filmt während der Fahrt die Oberleitung. In hohem Tempo bilden sich immer neue Linienformationen. Damit ist die Malerin bei ihrer eigenen Thematik, die sie seit vielen Jahren verfolgt: In Streifen, Karos oder Punktfeldern arbeitet sie Falten und Brüche ein. Strenge Muster erscheinen dynamisiert, verräumlicht, bisweilen narrativ aufgeladen. Rosengarth setzt ihr Video nach Turner in einem großen Tafelbild um: schwarze Linien, in Schienen gleichem Parallelverlauf, mal horizontal, mal Diagonalen andeutend, liegen auf einem Malgrund mit schillernder Farbigkeit und zartem Gitterwerk.
In ihrem Beitrag zu der Gruppenausstellung „Alte Meister – Neue Geister“ gelingt der Malerin ein besonderer Brückenschlag: Sie verwickelt eine klassische und die eigene Bildsprache in einen Dialog auf Augenhöhe. Mit sechs weiteren Kolleginnen und Kollegen befasst sie sich seit rund einem Jahr mit Prominenten der Kunstgeschichte. Der Kreis kennt sich aus diversen Kollaborationen, unter anderem von dem Projekt „Bremen-Böhmen“ aus dem Jahr 2009.
In den vergangenen zwölf Monaten besuchte man sich in den Ateliers, diskutierte neue Einfälle zu den Alten Meistern, durchaus nicht die Normalität im eher austauschreduzierten Kunstbetrieb. Die Ergebnisse der Auseinandersetzung sind ab morgen bis zum 1. März im Bremer Atelierhaus Friesenstraße zu sehen.
Bei Anette Venzlaff landen auch C.D. Friedrichs „Mönch am Meer“, Böcklins „Toteninsel“ oder Bruegels „Turmbau zu Babel“ in Zigarrenkisten, die die Künstlerin seit langem als Bildträger und Rahmen für ihre pastosen Malereien verwendet. Bruegels Turm nimmt ebenso wie Fabritius „Stieglitz“ plastische Formen an. Tilman Rothermel blickt zweimal weit in die Kunstgeschichte zurück und lässt Abstraktion und Gegenständlichkeit korrespondieren. Die dynamischen Dialogfiguren von Jacques Callot treten als Strichbündel auf. Rembrandts „Abendmahl in Emmaus“ reduziert Rothermel auf ein Liniengerüst und erkundet die Grenze, an der sich die figürliche und erzählerische Ebene auflöst. Mit dem Original im Hinterkopf, legt das Nachbild eine Kompositionsstruktur frei, Momente von Architektur und Figur wachsen zusammen, ein Türbogen wird zum Nimbus, Licht und Schatten, Farbe und Flächen treten aus der Kulisse ins Bildzentrum.
Die Bildhauerin Rosa Jaisli, die bereits seit einiger Zeit Papier für strenge skulpturale Arbeiten verwendet, transformiert klassische Bildnisse in Papierschnitte, wobei die ausgeschnittenen Partien fransig abstehend im Zusammenspiel mit dem Schattenwurf die Plastizität der Porträts unterstützen.
In Schnitten spiegelt sich auch bei Werner Henkel die Kunstgeschichte. „Das große Rasenstück“ Albrecht Dürers bildet der im Thema Natur beheimatete Bremer im Stil Philipp Otto Runges nach, allerdings plakativer, weniger im Geiste biedermeierlichen Dekors. Mit Naturnähe, Naturabbild und Naturverständnis spielt Henkel, wenn er gepresste und weiß getünchte Blätter und Blüten als Scherenschnitt-Fakes auftreten lässt. In einer solchen Konfrontation von Kunststück und Fundstück geraten Vergangenheit und Gegenwart in einen anregenden Austausch.
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