Beckenbodengymnastik auf dem Beckenboden

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    • 22.07.10
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Von der Eisdiele zu Oma in die Leichenschau: Die Villa Ichon zeigt Werke von Bremer Cartoonisten

Beckenbodengymnastik auf dem Beckenboden

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Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Kommt im Zugrestaurant der Ober zum Gast: „Ihre Bockwurst hat sich verspätet. Die neue Ankunftszeit ist 14.36 Uhr an Tisch sieben.“ Lustig? Durchaus.

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Allerdings ist in diesem Fall die Pointe zugleich auch ihr eigenes Problem. Denn was als Witz funktioniert, war eigentlich als Karikatur gedacht. Til Mette, bekannt vor allem für seine Zeichnungen im „Stern“, hat seine nette Idee mit einer an sich belanglosen Zeichnung illustriert: ein Zugrestaurant, ein Ober, ein verdutzt dreinschauender Gast. Kein spezifischer Charakterzug, keine Details, deren Erwähnung zum Erfassen des Witzes notwendig wären.

Werke der erfolgreichsten Bremer Cartoonisten sind zurzeit in der Villa Ichon zu sehen. Und zu diesen gehört Til Mette zweifellos – zumindest wenn man außer Acht lässt, dass es sich bei dem Zeichner um einen gebürtigen Bielefelder und aktuellen Hamburger handelt. Immerhin hatte er einst in Bremen ein Studium der Geschichte und Kunst absolviert. Ob ihm die Bremer mit der Ausstellung einen Gefallen haben, ist allerdings fraglich. Zeigt doch der direkte Vergleich mit den Kollegen Miriam Wurster, Bettina Bexte, Volker Kischkel und Lothar Bührmann: Es gibt bessere Karikaturisten.

Während Mette zugegebener Maßen originelle Witze mit eher charakterlosen Figuren illustriert, entfaltet Volker Kischkel (Künstlername „Mock“) seine Pointen erst durch die Symbiose von Bild und Text. „He!“, ruft da ein kleiner Bengel und zeigt mit dem Finger auf eine alte Frau: „Ich denke, Oma ist im Himmel?“ Der Hinweis auf den Ort des Geschehens – die bizarre „Körperwelten“-Leichenschau des Gunther von Hagens – reicht allein nicht aus, um die Wirkung des Bildes vollends zu begreifen. Man muss die Szene schon mit eigenen Augen sehen: das auf einen Krückstock gebückte Skelett mit Handtasche im Arm, über ihm schwebend die eigenen Eingeweide, vorne baumeln die Augäpfel aus den Höhlen des Schädels, während im Hintergrund weitere Skelette fröhlich mit Lungen und Lebern um sich werfen. Und mittendrin in dieser perversen Geisterbahn steht der aufmerksame Junge mit seinem Papa an der Hand. Über dessen Bierbauch spannt sich ein T-Shirt mit Schriftzug: „Häagen-Dazs.“ Von der Eisdiele in die Leichenschau: So geht Tod heute.

Je weniger Text, desto knackiger der Cartoon. Miriam Wurster gelingt es, allein aus der Differenz zweier Buchstaben eine skurrile Situation zu kreieren: Ein mit allerlei Dessous fürs Liebesspiel bereitetes Pärchen hat sich in der Adresse geirrt und findet sich zwischen großen Käfigen mit wild bellenden Hunden wieder. „Nein!“, schnauzt eine finstere Gestalt die beiden an: „Hier ist der Zwinger-Club mit ‚Z‘!“

Bettina Bexte reduziert den Textaneil ihres Cartoons sogar auf ein einziges Wort in der Bildüberschrift: „Beckenbodengymnastik.“ Zu sehen sind Frauen unter Wasser – turnend auf dem Boden eines Schwimmbeckens.

Und noch knackiger geht es. So verzichtet Miriam Wurster für die Darstellung einer Hexenverbrennung vollends auf Text. Zu sehen ist eine kleine, schreiende, rothaarige Gestalt auf dem Scheiterhaufen. Ringsum gaffen Bürger, deren Kleidung erkennbar auf das Mittelalter verweist. Worin besteht nun also der Witz? In einem kleinen Anachronismus. Denn alle Zuschauer, vom Dorfschmied bis zum Herold, halten erregt kleine Apparate in die Höhe: Mobiltelefone mit Videofunktion.

Je weniger Text, desto knackiger die Wirkung: Das stimmt nur bedingt. Lothar Bührmann, künstlerischer Leiter der Villa Ichon, beschränkt sich in seinen eigenen Cartoons gerne auf ein ironiefreies Statement. „Kriegsminister zu Guttenberg“ schreibt er aufs Papier und setzt oberhalb des Schriftzugs Bundeskanzlerin Merkel einen Stahlhelm auf. Dazu drei Buchstaben: „Why?“ Wer so fragt, suggeriert das Fehlen von Antworten. Tatsächlich ist der Diskurs um Für und Wider militärischer Einsätze aber zu komplex, als dass er sich auf ein derart schlichtes Gut-Böse-Schema reduzieren ließe.

Bis 31. Juli in der Villa Ichon. Öffnungszeiten: Mo. bis Fr. von 11-13 und 16-20 Uhr sowie Sa. von 11-13 Uhr.

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