201.11.09|Bremen|Bremen|
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Bremerhaven - Von Ulf Kaack. Bremen ist unbestritten ein führender Standort in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und neue Technologien. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) ist führend in der globalen Polar- und Klimaforschung.

DIE „ Aurora Borealis“ wird in der Computersimulation bereits erprobt.
Unter der Leitung der Wissenschaftler aus Bremerhaven entsteht zur Zeit das weltweit modernste Forschungsschiff zur Erkundung der arktischen Umwelt und der dortigen klimatischen Veränderungen: die „Aurora Borealis“.
„Es wird ein einzigartiges Schiff werden,“ schwärmt Diplom-Ingenieur Lester Lembke-Jene, beim AWI-Projektteam für die wissenschaftlich-technische Koordination verantwortlich. „Die ,Aurora Borealis‘ wird eine Kombination aus Eisbrecher, Bohrschiff und Mehrzweck-Forschungsschiff werden, das zu allen Jahreszeiten für den Einsatz in den Polarmeeren geeignet ist. Ausgestattet mit modernstem technischen, nautischen und wissenschaftlichen Equipment. Realisiert wird sie als europäische Kooperation unter Führung des AWI.“
Der Bau des Forschungsschiffes wurde bereits im Jahr 2006 durch den Wissenschaftsrat empfohlen. Man rechnet mit Baukosten von rund 700 Millionen Euro. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung förderte die technischen Planungen und Vorarbeiten mit 5,2 Millionen Euro als Voraussetzung für eine mögliche Realisierung.
Gemeinsam mit der Firma Wärtsilä Ship Design Germany stellte das AWI kürzlich das technische Design und das Konzept der „Aurora Borealis“ vor. Läuft das Projekt nach Plan, so wird das Forschungsschiff – finanziert mit europäischen Mitteln und unter der Flagge Europas – ab 2014 mit Wissenschaftlern verschiedener Forschungsbereiche und aus vielen Nationen der Welt auf Reisen gehen. Der Baubeginn ist für 2012 vorgesehen.
16 Institutionen aus elf europäischen Nationen haben unter dem Namen ,European Polar Research Icebreaker Consortium‘, genannt ERICON, ein Konsortium gegründet, das von der Europäischen Kommission mit 4,5 Millionen Euro gefördert wird. ERICON koordiniert nicht nur die Entwicklung und den Bau des Forschungsschiffes, sondern auch die erforderlichen fachlichen und administrativen Vereinbarungen unter den beteiligten Staaten.
Die „Aurora Borealis“ wird knapp 200 Meter lang und 49 Meter breit werden, hat dabei einen Tiefgang von 13 Metern. An Bord befinden sich 120 Personen – Besatzung, Wissenschaftler und die Besatzung des bordeigenen Helikopters. Die maximale Geschwindigkeit beträgt 15,5 Knoten, die vorgesehene Marschgeschwindigkeit zwölf Knoten.
„Das Schiff wird von einer dieselelektrischen Maschinenanlage angetrieben, die etwa 108.000 PS Leistung auf die drei Schrauben geben wird“, so Lester Lembke-Jene. „Damit ist es weltweit der stärkste Eisbrecher – kräftiger noch, als die russischen nuklear betriebenen Einheiten. Ein modernes Motorenmanagement wird dabei sicherstellen, dass das Schiff äußerst energiesparend und mit einem geringen Emissionsausstoß betrieben werden kann.“
Auf welcher Werft der Forschungseisbrecher gebaut werden soll steht noch nicht fest. Lembke-Jene: „Es gibt weltweit nicht viele Schiffbaubetriebe, die den für die niedrigen Wassertemperaturen der Polarmeere notwendigen Spezialstahl verarbeiten können. Es wird ein Ausschreibungsverfahren geben. Denkbar ist es, dass sich verschiedene Spezialwerften für diesen Auftrag zu einem Verbund zusammenschließen.“
Die „Aurora Borealis“ wird erstmals ganzjährige Expeditionen in die extremsten, bisher kaum erforschten Regionen der Erde ermöglichen und damit Erkenntnisse über die Geschichte, die klimatische Entwicklung und die heutige Umwelt der Polargebiete liefern. „Wer die ungelösten Fragen des Erdklimas klären will, muss die Arktis bereisen,“ erklärt AWI-Projektleiterin Bonnie Wolff-Boenisch. „Er muss vor allem Bohrungen ausbringen – und er muss gegen das tückische Packeis gewappnet sein.“
Die „Aurora Borealis“ wird einen Bohrturm tragen, mit dem bis zu einer Wassertiefe von 5000 Metern noch einmal 1000 Meter in das Sediment gebohrt werden kann. Wissenschaftliche Tiefbohrungen werden damit erstmals selbst im treibenden Packeis, ohne Unterstützung durch andere Eisbrecher, möglich sein.
„Um diese Tiefbohrungen durchführen zu können, muss die „Aurora Borealis“ im driftenden Eis exakt auf Position gehalten werden“, so die Projektleiterin. „Dazu wird sie ein eisfähiges, dynamisches Positionierungssystem erhalten – ein absolutes Novum in der Schifffahrt.“
Nach umfangreichen Modelltests in den Eistanks der Hamburgischen Schiffbau Versuchsanstalt konnte nachgewiesen werden, dass sich die „Aurora Borealis“ bei einer Eisdecke von wenigstens zwei Metern tatsächlich dynamisch positionieren kann.
Eine weitere Besonderheit der „Aurora Borealis“ sind ihre beiden sieben mal sieben Meter großen „Moon Pools“ – durchgehende Schächte in der Mitte des Schiffsrumpfes, durch die Techniker und Wissenschaftler Geräte in die See absenken können, ohne Wind und Wellen ausgesetzt zu sein. Über dem hinteren „Moon Pool“ wird der Bohrturm stehen, der vordere ist allen anderen wissenschaftlichen Arbeiten vorbehalten und erlaubt es erstmals, auch sehr empfindliche und teure Geräte, wie ferngesteuerte oder autonome Roboter unter einer geschlossenen Eisdecke auszubringen. Rings um diesen „Moon Pool“ werden auf mehreren Decks die Laboratorien angeordnet sein, gestaltet als Atrium mit Rundgang und Geländern. Hier sind außerdem Stellplätze für zusätzliche Laborcontainer vorgesehen, sodass das Schiff für jede Forschungsexpedition optimal mit Laboratorien ausgerüstet werden kann.
„Die europäischen Nationen haben großes Interesse daran, die arktische Umwelt und deren potenzielle Veränderungen zu verstehen, da ihre Territorien teilweise bis in die hohen nördlichen Breiten reichen und Europa in ständigem Austausch mit und unter dem Einfluss der arktischen Umwelt steht,“ erklärt Jörn Thiede, ERICON-Vorsitzender und ehemaliger AWI-Direktor, das aufwändige Projekt.

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