411.08.10|Bremen|Bremen|
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Bremen · An der Eingangstür des Integrationsfachdienstes Bremen gibt es zwei Klingeln. „IFD“ steht auf der einen, „Kai Wehner“ auf der anderen. Die erste läutet wie gewohnt, die zweite sendet Lichtsignale. Ein Blinker zeigt an, dass Gäste auf Einlass warten. Anders würde Kai Wehner sie nicht bemerken. Der 41-Jährige ist taub, von Geburt an.

Der gehörlose Arbeitsberater Kai Wehner verständigt sich in den Räumen des Integrationsfachdienstes in Bremen in der Taubstummensprache.
Etwa 300 Menschen wie ihn gibt es in Bremen, 80 000 deutschlandweit. Was Kai Wehner besonders macht, ist sein Beruf: Er ist Arbeitsberater – bundesweit der einzige Gehörlose beim Integrationsfachdienst IFD. Die gemeinnützige Gesellschaft unterstützt Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Behinderungen. Finanziert wird der IFD aus Abgaben von Betrieben, die keine Schwerbehinderten beschäftigen. Kai Wehner kümmert sich beim IFD Bremen um berufliche Sorgen Gehörloser und Schwerhöriger. 17 Klienten hat der studierte Sozialpädagoge zur Zeit.
Er gibt Unterstützung bei Anträgen für technische Hilfsmittel, klärt Gehörlose und Arbeitgeber auf über spezielle Rechte und Pflichten im Umgang miteinander, löst Konflikte. Vor allem letzteres ist wichtig, weil es immer wieder Missverständnisse gibt. „Gut erinnere ich mich an einen Gehörlosen und seine Frau“, sagt Wehner. In heller Aufregung seien die beiden ins Büro gestürmt, in der Hand ein Fax. „Sie klagten, dass der Mann gekündigt werden soll.“ Nach wenigen Rückfragen stellte sich heraus: Fehlalarm. Der Gehörlose war einige Zeit krank, deshalb hatte ihm sein Chef geschrieben, er wolle sich nach der Gesundheit seines Angestellten erkundigen. „Die Aufregung ist entstanden, weil es ein Verständnisproblem gab“, sagt Wehner. „Gebärden- und Schriftsprache sind völlig unterschiedlich in Aufbau und Grammatik. Deshalb ist es für uns Gehörlose schwer, Schriftsprache zu verstehen. Mein Klient kannte zwar das Wort ,kündigen‘“, aber nicht ,erkundigen‘“ – prompt hat er beides verwechselt.“
Damit solche Probleme erst gar nicht entstehen, geht Wehner regelmäßig auf Firmenbesuch, unterstützt von Gebärdendolmetschern. Er will Verständnis schaffen und präventiv aufklären: „Gehörlose sind oft tolle Handwerker. Das nützt ihnen aber nichts, wenn sie Arbeitsaufträge nicht mitbekommen, zum Beispiel, weil eine Ansage nur mündlich kam und der Gehörlose sie nicht verstanden hat.“ Zum Arbeitgeber sage er immer: „Ihr müsst bereit sein, Sachen zweimal zu erklären. Denn Fehler passieren meistens nicht aus Unvermögen, sondern wegen schlechter Kommunikation.“ Seine gehörlosen Klienten ermuntert er im Gegenzug zum stetigen Nachfragen – lieber einmal mehr, als einmal zu wenig. Regelmäßig kommt der Arbeitsberater ins Bremer Daimler-Werk. Dort hat man gute Erfahrungen gemacht mit tauben Beschäftigten. Aber: „Es ist wichtig, dass unsere gehörlosen Mitarbeiter sofort Bescheid sagen, wenn etwas unklar ist“, sagt auch Alfons Adam, Vertrauensperson für Schwerbehinderte.
Ein Gesprächskreis hilft. „Einmal pro Woche kommt ein Dolmetscher zu uns. Dann treffen sich Mitarbeiter und Vorgesetzte, um sich auszusprechen und Missverständnisse zu klären.“ Allen Kommunikationsschwierigkeiten zum Trotz: Dank moderner Technik ist das Alltags- und Berufsleben für Gehörlose schon deutlich einfacher geworden. Sogar telefonieren ist möglich. Kai Wehner nutzt „Tess“, eine Art Bildtelefon-Dienst mit Gebärdendolmetschern. Will er mit Hörenden sprechen, ruft er bei „Tess“ an und lässt sich vermitteln. Für das Telefonat steht dann ein Übersetzer bereit. „Und wenn ich mit einem Gehörlosen sprechen will, mache ich das per Chat. Oder ich schicke ihm eine Nachricht aufs Handy“, sagt Wehner. Seine Tochter wächst zweisprachig auf.
Kontakt zum IFD unter der Rufnummer 0421/27752-27.
dpa

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