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 Der Weg vom Doppelpack zur eigenen Persönlichkeit

Claudia, äh, Rebecca?

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Von Rebecca Göllner aus Holtrup - „Nein, ich bin nicht Claudia, sondern Rebecca!“ Wie oft ich diesen Satz in meinem Leben wohl schon sagen musste? Unzählige Mal. Warum? Ich habe eine Zwillingsschwester. Eineiig. Unsere DNS stimmt zu 100 Prozent überein. Es sind nur fünf Minuten, die uns trennen. In dem kleinen Ort, in dem wir aufgewachsen sind, waren wir sowas wie eine Sensation.

© Mediengruppe Kreiszeitung

Claudia und Rebecca.

Für Nachbarn und Freunde unserer Eltern ein echter Hingucker. Für Mama und Papa: Stress im Doppelpack. Fläschchen geben, Windeln wechseln und Schnuller suchen im Minutentakt. War die eine gerade abgefertigt, fing die andere mit dem Heulen an. Unsere Mutter erinnert sich noch heute mit Grausen. In der Grundschule ging es dann erst richtig los. Wir hatten nichts als Blödsinn im Kopf. Das obligatorische „Sitzplatz-wechsel-Dich“-Spiel war noch die harmloseste Aktion. „Selbst Schuld“, dachten wir uns, denn bis zur dritten Klasse malträtierten unsere Eltern uns damit, dass wir neben dem gleichen Haarschnitt auch noch die gleiche Kleidung tragen mussten. Rosa Cordhosen, weiße Rüschen-Blüschen – niemand konnte uns unterscheiden.

© Mediengruppe KreiszeitungClaudia und Rebecca.

Das hatte erst in der vierten Klasse ein Ende, als meine Schwester eine Brille bekam. Ich war viel zu eitel. Also verabschiedeten wir uns eine Weile vom Spiel des doppelten Lottchens. Wir waren zwölf, als Jungs anfingen, nicht mehr blöd zu sein. Wir saßen in jeder Klasse nebeneinander. Und irgendwann rechts und links neben uns: Alexander und Timo. Einer blond und sportlich, der andere brünett und weniger sportlich. So ähnlich Claudia und ich uns auch sind – auf den selben Typ Mann standen wir nie. Händchen haltend liefen wir zu viert durch die Stadt. Mehr als ein kleiner Schmatzer auf den Mund war noch nicht drin. Ich passte auf Claudia auf und sie auf mich. Und auch wenn Timo und Alex uns bestimmt sehr gern hatten – ich bin mir sicher, dass auch sie Schwierigkeiten hatten, uns auseinander zu halten. Schon damals hätten wir unbemerkt fremdknutschen können. Auf dem Gymnasium hatten wir es dann satt, dass wir nur als „die Zwillinge“ oder „die Göllners“ wahrgenommen wurden. Aber obwohl wir Wert auf unterschiedliche Kleidung legten, wurden wir immer noch verwechselt. Und wenn uns jemand rief, drehten wir beide den Kopf um. Wir verbrachten die Pausen getrennt, suchten uns unterschiedliche Freunde. Im Unterricht war ja noch genug Zeit fürs Zwilling-Sein. „Furchteinflößend“ fand unsere Deutschlehrerin, als wir in einem mehrseitigen Aufsatz mal fast den selben Wortlaut gebrauchten. Obwohl das Thema frei zu wählen war und wir an verschiedenen Enden des Klassenzimmers saßen. Das war auch ungefähr die Zeit, als Claudia eines Tages über Bauchschmerzen klagte. „Das ist der Blinddarm“, sagte der Arzt, „aber nicht so schlimm, dass wir operieren müssen.“ Drei Wochen später lag dann ich im Krankenhaus. Mit schlechter Laune und einem Wurmfortsatz weniger.

Claudia besuchte mich jeden Abend. Gemeinsam unter der Decke, mit dem Geruch von Linoleum und Bettpfannen in der Nase, teilten wir faden Erdbeer-Joghurt, guckten „Verbotene Liebe“ und träumten von einem Leben auf Schloss Königsbrunn. Nach dem Abitur stand für meine Zwillingsschwester und mich fest, dass wir studieren wollten. Getrennt war der Plan, zusammen das Ergebnis. Beide landeten wir in Vechta. Und in einer WG. In den Anglistik-Vorlesungen saßen wir nebeneinander. Aus Kostengründen. Wenn man sowieso die gleichen Bücher braucht, reicht ein Exemplar, war unsere Erklärung. Uns eingestehen, dass wir ohne einander nicht wirklich können, wollten wir nicht. Erst als ich mich entschied, die Uni zu wechseln und nach Braunschw eig zu ziehen, trennten sich unsere Wege zum ersten Mal. Claudia blieb in Vechta. Die ersten Wochen telefonierten wir noch sehr oft, chatteten über ICQ. Nach und nach wurde es weniger, die Telefonate kürzer.

Heute kann ich sagen, dass es sowas wie ein Befreiungsschlag war. Es war an der Zeit, in unterschiedliche Leben einzutauchen. In Braunschweig kannte man mich nur als Rebecca und nicht als „die Zwillingsschwester von Claudia“. Jetzt lebt meine Schwester in Oldenburg, ich auf dem platten Land. Sie trägt ihre Haar kurz, ich lang. Alle paar Monate sehen wir uns, haben uns viel zu erzählen, und danach gehen wir wieder auseinander – als Freundinnen und Schwestern, die mehr als nur die identische DNS verbindet.

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