110.07.10|Chili
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Valencia – Dass der Begriff Freundschaft seit dem Web 2.0 erheblich aufgeweicht worden ist, wird vielerorts lautstark bejammert.
Jeder scheint auf Facebook und im studiVZ mindestens 300 Freunde zu haben, von denen man, wenn man ehrlich ist, 50 kaum kennt und 240 eher in die Kategorie Bekanntschaften einordnen würde. Aber das Web 2.0 ist eine Parallelrealität, in der fast jeder etwas wichtiger und netter wirkt, als er wirklich ist. Und so werden eben auch flüchtige Connections mit dem digitalen Orden „Freundschaft“ geschmückt. Abgesehen von meiner Skepsis gegenüber den Begrifflichkeiten finde ich die Idee von Facebook als eine Art modernes Poesiealbum generell interessant. Den Leuten, die man im Leben so kennenlernt, gewährt man einen Platz mit Foto in seinem „Gesichtsbuch“. Und dennoch: Wo ist die Grenze?
Vor Kurzem bin ich schwimmen gegangen. Auf dem Weg zur Halle bemerkte ich, dass ich schrecklich hungrig war und beschloss gerade, mir einen dieser schlimmen „Kinder Buenos“ zu kaufen, als ich eine kleine Imbissbude vor dem Schwimmbad entdeckte. An der Bude hing ein Schild: „Hotdog + Getränk 3,50 Euro“. Ich beschloss, mir das zu bestellen.
„Hola, queria el Hotdog, por favor“, sage ich lächelnd zu der rundlichen Verkäuferin im Stand. Sie ist in meinem Alter und für das sonnige Wetter ziemlich warm angezogen. Sie lächelt mich breit an und holt ein fertiges Hotdog in einer Plastiktüte hervor, das sie sogleich in einen kleinen Ofen schiebt. Auf Spanisch fragt sie mich, woher ich komme. Von der Frage überrascht, antworte ich, dass ich aus Deutschland bin. Sie lächelt abermals und lobt mein Spanisch, das für eine Ausländerin ziemlich gut sei. Ich bedanke mich höflich für das Kompliment.
Eine neue Kundin mit Kind will ein Eis kaufen, und die Verkäuferin bedient die beiden ebenso lächelnd, wonach sie fortfährt, mich auszufragen. „Wie gefällt Dir Spanien?“ Ich antworte, wie schon hundert Mal auf diese Frage, dass Spanien mir gut gefällt und dass es hier ja viel wärmer ist als in Deutschland und dass ich denke, dass die Leute deshalb netter sind. Sie stimmt mir zu und lobt im Gegenzug pflichthalber die deutsche Ordentlichkeit. Ich lächele schief und verdränge den Gedanken an mein Zimmer, das aussieht, als wäre eine mit Kleidung gefüllte Bombe explodiert.
Nervös luge ich zum Miniofen, in dem mein Hotdog nicht durch zu werden scheint. Sie erzählt mir von ihrer Schwester, die ja in Deutschland ist und es dort ganz toll findet. „Ach, wirklich?“, antworte ich gespielt überrascht. Ich möchte in diesem Augenblick wirklich nur noch mein Hotdog, schwimmen gehen und dann schlafen. Schließlich klingelt der Ofen, und sie holt mein dampfendes Essen hervor. Endlich.
Als ich bezahle, fragt sie, ob ich auf Facebook bin. Ich bin etwas überrascht. Aber bevor ich etwas entgegnen kann, drückt sie mir ihr Handy in die Hand und ich tippe brav meinen Namen ein. Auf dem Weg zur Turnhalle verschlinge ich den Hotdog und denke, dass das Ganze doch irgendwie cool ist. Jetzt hab ich eine spanische Hotdog-
Agata Waleczek (23 Jahre) aus Syke (zurzeit in Valencia, Spanien)
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