Hoya – Ich bin hochbegabt. Ich falle einfach gleich mal mit der Tür ins Haus. Obwohl kein Hochbegabter das im wahren Leben tun würde. Er würde nicht zu seinen Freunden gehen und sagen: „Ey, hört mal alle her, ich bin klüger als Ihr!“. Was bedeutet das eigentlich, wenn jemand als „hochbegabt“ gilt?
Erst mal, dass er einen Intelligenz- Quotienten von über 130 Punkten hat. Wo 100 der Durchschnitt und man unter 80 dumm ist, ist man ab 130 eben besonders klug. Der Großteil der Gesellschaft kennt Hochbegabung nur in Zusammenhang mit Schulkindern. Die sind dann entweder altkluge Streber oder immer hibbelig und schreiben extrem schlechte Noten oder langweilen sich in der Schule und überspringen Klassen. Darüber gab es ja schon bis zur Erschöpfung Reportagen im Fernsehen. Was bei den Geschichten über diese jungen Genies aber oft vergessen wird: Hochbegabung löst sich nicht auf, sobald man aus der Grundschule raus ist. Sie bleibt wie eine unheilbare Krankheit, die einen sein Leben lang begleitet. Egal,was man tut. Warum ich Hochbegabung als Krankheit bezeichne? Weil es für Leute wie mich eine ist. Sie zeichnet sich nämlich entgegen der landläufigen Meinung nicht nur durch Fähigkeiten wie zum Beispiel besonders schwere Mathe-Aufgaben lösen zu können aus, sondern auch durch ungewöhnliche Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen.
Bei mir entdeckte die Hochbegabung niemand, als ich noch zur Schule ging. Ich war eine mittelmäßige Schülerin. Ich hielt mich sogar für dümmer als die anderen: Ich verstand die einfachsten Sachverhalte nicht, kam mit den leichtesten Dingen der Welt nicht zurecht. Ich bestand mein Abitur nur durchschnittlich und hatte große Angst davor, im Studium zu versagen. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, ich könnte vielleicht sogar schlauer sein als andere. Als ich das Studium nach einem Semester abbrach und eine Blitzkarriere hinlegte, kam ich mir wie eine Hochstaplerin vor: Da musste ein Irrtum vorliegen. Mit abgebrochenem Studium und mittelmäßigem Abidurchschnitt so einen Traumjob zu bekommen – ich war immer sicher, ich würde irgendwann auffliegen.
Erst vor ein paar Monaten machte ich einen Test beim Hochbegabten- Verein Mensa. Das Ergebnis: Ich bin klüger als 98 Prozent der Gesellschaft.
Und Hochbegabung bedeutet auch Hochsensibilität: Ich denke, fühle und begreife viel mehr von dem, was um mich rum geschieht. Meine Freunde mögen mich vermutlich genau deshalb: Ich kann ihre Gefühle und Gedanken orten und weiß darauf zu reagieren. Auch wenn ihre Probleme für mich meist belanglos sind.
Auf der anderen Seite ist Hochbegabung eine Strafe. Mein Leben kreist ständig darum, ob ich meinen hohen Ansprüchen je genügen werde. Ich setze mir Ziele, die utopisch hoch sind, und bin mein größter Kritiker auf dem Weg dahin. Es ist eine Qual, mit Fremden in Kontakt zu treten, eine Qual, in gewissen Bereichen so begabt zu sein, dass ich das Niveau runterschrauben muss, wenn ich andere bewerte. Ich werde immer damit leben müssen, dass ich mich verdammt schnell langweile, stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen sein werde, einen Job vermutlich nicht länger als fünf Jahre ausüben kann und immer mit der Gefahr lebe, irgendwann am Burnout-Syndrom zu erkranken.
Es macht mich aber auch wütend, dass ich verstehen und zurückstecken muss. Verstehen, dass andere mir nicht folgen können. Dass sich jeder Chef der Welt herabgesetzt fühlen würde, würde ich es ihm sagen. Ich muss damit leben, dass ich Rücksicht auf andere und ihr Tempo nehmen muss; dass man Alkoholiker und Kriminelle eher integriert, versteht und bemitleidet als mich. Ich fühle mich manchmal wie eine Aussätzige und werde auch so behandelt, wenn ich ehrlich über meine Hochbegabung spreche. Intelligenz ist nichts, womit man sich rühmen darf. Wer sowas öffentlich ausspricht, stößt auf Ablehnung. Muss sich in geistigen Duellen beweisen oder sich anhören, dass IQ-Tests ja gar nicht sicher seien. Dass man ja gar nicht so schlau sein könne, weil man ja kein Abitur mit 1,0 hingelegt habe.
All diese Dinge führen zu einer paradoxen Weltsicht: Ich fühle mich nicht besser, schlauer oder begabter – ich fühle mich schlecht, ausgegrenzt, wie eine Hochstaplerin. Ich bin immer darauf bedacht, so unauffällig wie möglich zu arbeiten, den Kollegen nie die Möglichkeit zu geben, mich als „Streber“ zu entlarven. Ich arbeite oft schlechter als ich könnte, halte mich aus Diskussionen raus – tue alles, um ja nicht enttarnt zu werden. Ist es das, was die Gesellschaft will: Diejenigen ausgrenzen, die viel schaffen könnten, es aber nicht dürfen, weil sich jemand anderes dadurch schlecht fühlen würde?
Linda Lahles (22 Jahre) aus Hoya
Rubriklistenbild: © chili
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