Todesurteil Internet 

„World of Video“ in Verden schließt nach 25 Jahren

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Carola Köhnen betreibt seit 2008 die Filiale im Burgfeld.

Verden - Von Mara Schumacher. „Wir sind nicht pleite! Uns fehlt einfach die Kundschaft“, betont Carola Köhnen, die laut gewordene Bankrott-Gerüchte zurückweisen will. Dennoch steht fest: Die Filialleiterin von „World of Video“ im Verdener Burgfeld schließt die Videothek zum Jahresende. Warum die Kunden nicht mehr kommen? Weil sie mit Amazon Prime, Netflix, Maxdome und Co. lieber auf dem Sofa sitzen.

„Wir fallen da hinten über“, erzählt Köhnen, die seit 2008 Filialleiterin in Verden ist. Immer und überall online, jederzeit günstig Filme schauen, wo und wie es gefällt – das riesige Angebot an Streaming-Diensten und Online-Videotheken machen das Franchise-Unternehmen „World of Video“ nach und nach platt. Dabei bietet das Geschäft in Verden über 9. 000 Artikel im Gaming- und Filmbereich an – übersichtlich nach Genres sortiert.

Doch auf die Vielzahl von Filmen und Spielen kommen nur noch wenige Kunden. „In den besten Zeiten hatten wir hier abends 1 500 Kunden stehen und Warteschlangen bis nach draußen“, erzählt Köhnen. Aber die Zeiten seien längst vorbei. Deutschlandweit gab es 50 Filialen von „World of Video“, jetzt sind es nur noch 35. „Und die werden irgendwann auch alle dicht machen“, prophezeit Köhnen. Weitere Schließungen seien bereits geplant.

Zahl der Mitarbeiter stark gesunken

Die Öffnungszeiten wurden bereits im April eingedampft: montags bis donnerstags sowie sonntags ist nur noch von 15 bis 20 Uhr geöffnet, freitags und samstags von 14 bis 21 Uhr. Auch die Zahl der Mitarbeiter ist in den vergangenen Jahren stark gesunken. „Wir waren mal 16, jetzt sind wir nur noch 3 – ich und meine beiden Azubis“, erzählt die Filialleiterin.

Die beiden Auszubildenden, die im zweiten Lehrjahr sind, können ihre Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ab Jahrsbeginn in den „World of Video“-Filialen in Achim und Bremen-Hastedt fortführen und abschließen.

Die gelernte Buchhalterin Carola Köhnen zeigt sich traurig: „Die Schließung wird schon schwer, eigentlich wollten wir den Job bis zur Rente machen. Doch wenn man den ganzen Tag im Laden steht und es kommt einfach niemand, dann frustriert das sehr.“ Köhnen bedauert: „Alle laufen nur noch mit ihrem Handy rum, überall gibt es W-Lan und alles läuft nur noch so nebenbei. Niemand nimmt sich mehr die Zeit, in eine Videothek zu gehen, weil das viel zu ,umständlich’ ist, wenn man auch vom Sofa aus Filme leihen kann.“ Vor den vielen Online-Angeboten gab es zudem den „Raubkopien-Trend“ sowie diverse illegale Film-Websites, die das Videotheken-Geschäft zunehmend schädigten.

Bestürzung über Schließung

„Durch die vielen Online-Angebote wird alles unpersönlicher. Die Menschen werden egoistischer, bequemer und isolierter. Irgendwann sitzen alle nur noch allein auf dem Sofa rum und werden fett“, so Köhnen. Und das lasse sich nicht nur auf ihre Branche beziehen: „Mittlerweile kann man sich ja seine Lebensmittel vor die Tür liefern lassen.“

„Ich sehe draußen auf der Straße kaum noch Menschen lachen. Alle ziehen ein langes Gesicht und spielen an ihren Handys rum. Geredet wird fast nie. Man muss ja auch kaum noch vor die Tür – alles mögliche kann im Internet erledigt werden.“

Dennoch seien die Leute sehr bestürzt über die Schließung der Filiale oder regen sich richtig auf. „Wieso macht ihr denn zu? Wie schade“, heiße es dann, sagt Köhnen. „Das sind aber auch die Leute, die nie bei uns waren und lieber bei Amazon ihre Serie gucken. Aber meckern kann man ja mal.“ Derzeit machen Gerüchte die Runde, dass das Geschäft pleite sei. „Das stimmt aber nicht. Es liegt einzig und allein an der fehlenden Kundschaft. Man langweilt sich hier zu Tode, wenn einfach niemand kommt. Es ist wie ein Stillstand“, erklärt die Verdenerin.

Die ganze Filmbranche verliere an Qualität, es gehe nur noch um Effekte und möglichst hohe Einnahmen an den Kinokassen. „Ich denke, dass die kleinen Kinos in fünf bis sechs Jahren auch von der Bildfläche verschwunden sind. Das liegt ebenso an Online-Angeboten, als auch an den hohen Verleihrechten und den Filmen an sich, die größtenteils Schrott sind“, urteilt die Filmexpertin. Auch deshalb ist Köhnen besonders stolz, dass sie in ihrer Videothek schwer zu bekommende Klassiker wie „Miss Marple“ oder „Der Pate“ verleiht und verkauft.

Der Räumungsverkauf mit Filmen ab 0,45 Euro läuft noch bis Silvester, 11 bis 15 Uhr. Danach schließt „World of Video“ für immer seine Türen. Carola Köhnen nimmt es dennoch gelassen: „Wir hatten hier immer viel Spaß. Und wir werden uns vorstellen, dass das Silvester-Feuerwerk am Abschlusstag nur für uns ist.“ Und Spaß ist bei jedem, noch so bitteren, Ende wohl letztendlich das, was wirklich zählt.

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