Vor 75 Jahren: Deportation von Verdener Jüdinnen und Juden nach Minsk

Schlafen mit den Toten

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Wurden im November 1941 nach Minsk deportiert: Manfred und Eva Löwenstein, drei- und fünfjährige Mitglieder der gleichnamigen Verdener jüdischen Familie.

Verden - Von Jürgen Weidemann. „Am 18. November 1941 werden die Juden aus Bremen und dem Regierungsbezirk Stade nach dem Osten (Minsk, Anm. des Verfassers und Regionalhistorikers, Jürgen Weidemann) abgeschoben... Das Vermögen der Juden gilt rückwirkend ab 15. Oktober als beschlagnahmt.“ Hinter diesen wenigen Worten verbirgt sich die Deportation von 570 Juden, davon 440 aus Bremen selbst und 130 aus dem Regierungsbezirk Stade, wozu auch 23 Verdener und acht Achimer Juden gehörten. Für fast alle war es eine Fahrt in den Tod.

In Minsk und der näheren Umgebung wurden Hunderttausende von russischen Bürgern und Zehntausende deutscher Juden von Deutschen erschossen, vergast und in Gruben geworfen, dann wieder ausgegraben, um verbrannt zu werden, weil der Massenmord keine Spuren hinterlassen sollte. Von den 570 Juden aus Bremen und dem Regierungsbezirk Stade hat kein Kind, keine Frau diese Deportation überlebt, nur sechs Männer kamen 1945 nach Bremen, Achim, Verden und Zeven zurück, darunter der Verdener Martin Spanier und der Achimer Kurt Anspacher.

Jüdische Gemeinde war bereits geschrumpft

Die für nordwestdeutsche Verhältnisse relativ bedeutende jüdische Gemeinde in Verden ist im November 1941 klein geworden. Lebten einige Jahrzehnte zuvor noch ungefähr 100 Juden in dieser Stadt, waren es am Vorabend der Deportation im November 1941 weniger als 30. Spätestens ab der sogenannten Reichskristallnacht 1938 war es jedem Juden klar, dass es in dieser Stadt, in diesem Staat keine Zukunft mehr für Juden gab.

In den Jahren zuvor hofften viele noch, dass die Verfolgungsmaßnahmen ab 1933 nur vorübergehender Art wären. Erst ab der Reichskristallnacht im November 1938 verstärkten sie ihre Auswanderungsbemühungen. Irene Löwenstein (Große Straße 43), die kurze Zeit zuvor den aus dem KZ Buchenwald entlassenen Dr. Harry Goldmann geheiratet hatte, emigrierte 1939 mit ihrem Ehemann nach Chile. 

Der Schlachter und Viehhändler Ernst Katzenberg (Stifthofstraße 17) ging nach Shanghai und Mitglieder der einstmals in Verden sehr großen Familie Schragenheim wanderten nach Kolumbien aus. Hanni Baumgarten, die mit ihrem jüngeren Bruder Horst als Kind wenige Jahre zuvor als Vollwaise zu Verwandten nach Verden gekommen war, ist die letzte jüdische Bürgerin dieser Stadt, der im Alter von 19 Jahren im Mai 1940 die Emigration nach Palästina gelang.

Auswanderung kaum noch möglich

Viele bemühten sich nach Kriegsbeginn vergeblich um die Emigration. So wollte Hans Spanier (Predigerstraße 11) mit seiner schwangeren Frau Hertha und der noch nicht einmal zwei Jahre alten Tochter Selma Johanna nach Südamerika auswandern und sich dort im Bereich Reformhausartikel selbstständig machen. Auf kleinen Zetteln notierte er sich Rezepte. 

Die fast 80-jährige Bertha Lehmann schrieb an ihre in die USA emigrierte Tochter, dass Max Löwenstein die „Kleinen so gerne zur Großmutter nach Amerika schicken will“ (gemeint sind die fünfjährige Eva und der dreijährige Manfred). Ihnen gelang die Auswanderung nicht mehr. Stattdessen bereiten sie sich auf die im zynischen Amtsdeutsch angekündigte „Evakuierung“ vor. „Es gibt viel Arbeit, wir haben heute die Sachen für Fräulein Heidemann in Ordnung gebracht und haben jetzt auch viel zu nähen, bei der Kälte ist eine weite Reise zu schrecklich“, schrieb Bertha Lehmann an ihre Tochter. Gewusst, geahnt, was für eine grauenvolle Zukunft sie haben würden, hatte vermutlich keiner.

„Ich glaube, es war Max Löwenstein, dem gesagt wurde, er könne sich seine Angelgeräte mitnehmen, denn man könne im Osten sehr gut fischen“, erzählte mir der einzige Überlebende aus Verden, Martin Spanier.

Von 22.000 deutschen Juden überleben 30

Nachdem sie ihre Wohnungen am 17. November verlassen hatten, wurden diese versiegelt. „Es hat sich dabei nichts Besonderes ergeben. Die Feuer in den Öfen waren sämtlich gelöscht, in der Löwensteinschen Wohnung wurde ein großes Schwarzbrot (Landbrot) in Papier eingewickelt vorgefunden. Dieses Brot ist, um es vor dem Verderb zu schützen, mit Wissen des Wirtschaftsamtes der Gefängnisverwaltung in Verden übergeben worden“, heißt es in einem Aktenvermerk der Stadt Verden.

Die 23 Verdener Juden übernachteten vom 17. auf den 18. November in Bremen in einer Schule in Bahnhofsnähe. Darunter die Kinder Selma Johanna Spanier (1 Jahr ), die Geschwister Eva (5 Jahre) und Manfred (3 Jahre) Löwenstein. Die ältesten waren Frieda Spanier (68), Harry Herzberg (66), Henriette Goldschmidt (64) und Adolf Mautner (64) aus Neddenaverbergen.

Am Bahnhof traf man auf Verdener Juden, die wenige Monate zuvor nach Bremen verzogen waren. Am 18. November fuhr der Zug dann mit ungefähr 570 Personen um 8.40 Uhr aus Bremen ab und traf gegen 11.30 Uhr in Hamburg ein. Dort wartete ein Zug mit rund 400 Hamburger Juden auf die Weiterfahrt. Die Züge trafen um den 22. November in Minsk ein. „Als wir dort ankamen, lagen überall tote Menschen um uns herum. Uns wurde gesagt, man hätte Raum für uns geschaffen. Nachts schliefen wir neben den Toten“, erzählte Kurt Anspacher aus Achim später.

Zwischen dem 7. und 11. November wurden in Minsk 6000 bis 10.000 russische Juden umgebracht, um Platz zu schaffen für die Deportationen aus dem Deutschen Reich. Das Jahr 1941 endete schlecht, schreibt Heinz Rosenberg. „Hunger, Kälte, Läuse, Wanzen, Krankheiten und Tod waren allgegenwärtig.“ Am Neujahrsabend erschienen betrunkene SS-Leute und erschossen wahllos 500 Menschen. Insgesamt 22.000 deutsche Juden wurden deportiert, weniger als 30 haben überlebt.

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