„Corpus Delicti“ zum Start in die neue Spielsaison

Kontrolle ist Methode

Protest und Auflehnung: Mia reißt sich den Chip aus dem Arm.

Verden - Mit der beklemmenden Gesellschaftsvision „Corpus Delicti“ von Juli Zeh (Regie Bettina Jahnke) in der Tradition von George Orwell und Aldous Huxley ist am Mittwochabend in der Verdener Stadthalle die neue Spielsaison gestartet. „Corpus Delicti“ zeichnet ein System, das alles und jeden kontrolliert und das die Gesundheit zur höchsten Bürgerpflicht erhoben hat. Über jeden Schritt seiner Bürger ist dieser Staat informiert.

Jung, hübsch, intelligent und unabhängig: Das ist Mia Holl, eine blonde, sportliche Frau von etwa 30 Jahren, die sich im Jahr 2056 vor einem totalitären Schwurgericht verantworten muss. Ihr Vergehen: zuviel. Zuviel an Liebe zu ihrem Bruder, zuviel naturwissenschaftlich fokussierter Verstand, zuviel geistige Unabhängigkeit. Denn in der auf Gesundheit, Körpersorge und Perfektionismus getrimmen Gesellschaft – sie nennen das System „Methode“ – spielen geistige und menschliche Werte keine Rolle mehr. Es reichen schon kleinste Abweichungen und Zuwiderhandlungen aus, um als gefährliches Subjekt eingestuft zu werden.

Dennoch will Mia Holl unbedingt beweisen, dass ihr toter Bruder, der immer wieder als Geist oder als „idealer Geliebter“ in Erscheinung tritt und sie in Gespräche über Glück und Lebenssinn verwickelt, zu Unrecht wegen Vergewaltigung und Mordes verurteilt wurde. Sie begibt sich daher in Konfrontation mit dem System. Doch die große Liebe zu ihrem Bruder, ihr scharfer analytischer Verstand und ihre Gradlinigkeit machen sie für das Tribunal „Sauberkeit und Sicherheit“ zu einer höchst verdächtigen Person, die es auszuschalten gilt. Mia kommt zunehmend in Konflikt mit der „Methode“ und muss mehrmals vor Gericht vorsprechen.

Bedrückende Momente: Gnadenlos sitzen die staatlichen Vertreter zu Gericht. - Fotos: Niemann

Da ihre Arbeit als Biologin geschätzt wird, lässt man sie zunächst mit einer Verwarnung davon kommen. Doch dann wird sie beim Rauchen erwischt und sie wird erneut vorgeladen. Jetzt wird ihr vorgeworfen, dass sie gegen die „Methode“ arbeitet. Mia dagegen erklärt, dass sie nur ihre Ruhe braucht, um sich zu erholen und ihr Pflichtverteidiger Rosentreter erreicht, dass sie nur für zwei Jahre auf Bewährung gesetzt wird. Inzwischen hat der Hausjournalist des Systems, Kramer, erkannt, dass Mia zu einer Gefahr für die ganze „Methode“ werden kann und macht die Geschichte von den Geschwistern zu einer öffentlichen Angelegenheit, sodass Mia im Gefängnis und abermals vor Gericht landet. Dort bedient sich Richterin Sophie in ihren Plädoyers zunehmend abstruser Argumente, drischt Phrasen zum Allgemeinwohl und wird mehr und mehr zur Henkerin. „Einfrieren auf unbestimmte Zeit!“, lautet am Ende das Urteil, das die Richterin mit triumphalem Blick verkündet. Das Mia letztlich dann doch nur zum Schein verurteilt wird, verdankt sie dem kalten Kalkül des Systems, dass sie nicht als Märtyrerin sehen will.

„Corpus Delicti“, gespielt von einem leidenschaftlich agierenden Ensemble vom Rheinisches Landestheater Neuss, ist keine leichte Kost. Das Stück ist lang und anstrengend, es quält, gibt zu denken und ist Spiegel der Gegenwart. Viele Szenen sind sehr bedrückend, und der Nachhall des fiktiven Szenarios, das in den Gerichtsszenen oft an mittelalterliche Hexenprozesse erinnert, lässt beim Publikum selbst in den ohnehin spärlichen humorvollen Momenten die üblichen Reaktionen ganz einfach vergessen. Sogar als „die ideale Geliebte“ auf der Bühne einen zweideutigen Witz macht, lacht fast niemand: Das Publikum sitzt und schweigt. Das sind besonders eindringliche Momente, in dem sich die Güte dieses Stückes zeigt und dessen Wert die Reaktionen des Publikums dokumentiert. Auch die Sprachlosigkeit, mit der die meisten Besucher die Stadthalle verließen, dürfte ein weiterer Gradmesser für die nachfolgende gedankliche Auseinandersetzung mit dem Gesehenen sein.

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