Komponist und Dirigent Jörg Widmann im Interview

Klarinette als Leidenschaft

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Zu Gast in der Satdthalle Verden: Jörg Widmann tritt als Solist und als Dirigent auf. 

Verden - Jörg Widmann ist einer der vielseitigsten Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit. Der 1973 geborene Klarinettist, Komponist und Dirigent wird bei den Niedersächsischen Musiktagen, am Donnerstag, 8. September, in der Stadthalle Verden, den Dreiklang seiner künstlerischen Begabung präsentieren – konzentriert in einem Konzert mit der Kammerakademie Potsdam. In einem Interview mit unserer Zeitung erzählt er über seinen Werdegang.

Sie treten bei den Niedersächsischen Musiktagen in Ihren drei künstlerischen Leidenschaften auf: als Klarinettist, als Komponist und als Dirigent. Welche dieser drei Leidenschaften trat denn als erste in Ihr Leben?

Jörg Widmann: Das war die Klarinette, da war ich sieben Jahre alt. Von der Klarinette nahm alles seinen Anfang. Während des Übens habe ich immer viel improvisiert. Dabei sind schöne Stellen entstanden, an die ich mich jedoch am nächsten Tag nicht mehr erinnern konnte. Damals dachte ich: Das Improvisierte aufzuschreiben, das sei Komponieren. Dass dazu viel mehr gehört, das habe ich dann später erfahren. Wichtig war und ist, dass man meiner Musik den physischen Vorgang anhört. Die Grenzen zu kennen und lustvoll den entscheidenden Schritt darüber hinauszugehen, in die extremen Situationen, von denen ich vorher nicht genau weiß, wie sie zu lösen sind: Das ist sicherlich eine Haupt-Triebfeder von mir – oder nennen wir es Leidenschaft.

Bei den Niedersächsischen Musiktagen werden Sie die Kammerakademie Potsdam dirigieren. Wie kam die Leidenschaft des Dirigierens zu Ihnen?

J.W.: Als Dirigent wurde ich sozusagen „ins kalte Wasser geworfen“. Manche Ensembles haben mich schon sehr früh gebeten, wenn sie Stücke von mir aufführten, dass ich diese Werke auch dirigiere. Aber wirklich ernst wurde es erstmals 1999, als ich in Davos mein Stück „Ikarische Klage“ probte. Ganz wichtig war auch die Erfahrung, die ich 2008 machen durfte: Mariss Jansons sollte in München meine Konzertouvertüre „Con brio“ mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks aus der Taufe heben. Weil ich die Komposition erst kurz vor Probenbeginn fertiggestellt hatte, bat mich Jansons, die erste Probe selber zu dirigieren, damit er das Stück besser kennenlernen konnte. Und dann gab es noch das prägende Erlebnis mit dem Pariser Opernorchester. Gérard Mortier hattemich 2009 für seine letzte Produktion an der Opéra Bastille gebeten, mein Musiktheater „Am Anfang“ zu dirigieren, Regie und Bühnenbild stammen von Anselm Kiefer. Das war eine große Herausforderung. Ich dirigierte nicht nur die Uraufführung, sondern auch die nachfolgenden Aufführungen, also sieben oder acht Vorstellungen. Der Dirigent Christoph von Dohnanyi, der in einer der Aufführungen saß, schrieb mir im Anschluss: „Unbedingt weitermachen!“ – Das hat mich natürlich sehr gefreut. Das Dirigieren wird mir immer wichtiger, aber nicht mit dem Anspruch, die ganze Bandbreite des Repertoires dirigieren zu wollen. Es hat sich bislang immer auf ganz natürliche Weise ergeben – und das soll auch so bleiben.

Gibt es Unterschiede in den Leidenschaften, die Sie als Klarinettist, als Komponist oder als Dirigent erfahren?

J.W.: Als Klarinettist habe ich auf der Bühne rund 30 Minuten Zeit, um alles zu sagen. Die Form des Adrenalinausstoßes ist hochkonzentriert. Die zeitlichen Abläufe beim Komponieren sind vollkommen anders. An einem Orchesterstück oder einer Oper sitze ich bisweilen Jahre. Es bleibt jedes Mal ein unkalkulierbares Wagnis, ein neues Stück zu beginnen: Es geschieht zum Beispiel immer wieder, wenn ich eine Idee habe und beginne, sie auszuarbeiten, dass ich an einem bestimmten Punkt merke, dass das Stück woanders hinwill. An diesen formalen Weggabelungen entscheiden sich oft die Verläufe von Stücken. Das Stück hat meistens mehr recht als man selbst. Als junger Mann war Leidenschaft für mich alles. Aber irgendwann muss an die Stelle des Sich-Verschleuderns eine Konzentration, eine Tiefe treten. Das gilt für den Komponisten wie für den Klarinettisten gleichermaßen. Eine weitere Leidenschaft von mir ist übrigens das Unterrichten, sowohl als Lehrer für Klarinette als auch für Komposition.

Über Musik und Leidenschaft zu sprechen, ist fast banal, denn ohne Leidenschaft gibt es keine wirklich gute Musik. Und dennoch unterscheidet sich diese Leidenschaft von vielen anderen, die man haben kann. Was macht für Sie Leidenschaft in der Musik aus?

J.W.: Bereits als Kind fand ich das Wort „Leidenschaft“ sehr interessant. Vergessen wir nicht, dass der Hauptbestandteil dieses Wortes eben „Leiden“ ist. Dass „Leiden“ so positiv besetzt werden kann, beziehungsweise positiv umgedeutet wird, jedenfalls in unserem Sprachraum und auch im Lateinischen mit der „Passion“, hat mich immer beeindruckt und beeinflusst wohl auch mein Gefühl. In jedem Musikerdasein, als Instrumentalist, als Komponist, als Dirigent ist nicht jeder Moment beglückend – aber es ist immer etwas da, was einen die Größe dieser Kunst spüren lässt und einen anspornt, diesen Stücken oder den eigenen Ideen gerecht zu werden. Und dafür braucht es Leidenschaft.

Und diese Leidenschaft wird das Publikum spüren: Jörg Widmann tritt als Solist des Klarinettenkonzerts von Carl Maria von Weber auf, er dirigiert Mozarts Ouvertüre zu „Don Giovanni“, Mendelssohns Sinfonie Nr. 1, c-Moll, op. 11– sowie seine eigene Komposition „180 beats per minute“.

Die Karten sind erhältlich bei der Kreissparkasse, Hauptstelle Verden, Ostertorstraße 16, und Geschäftsstelle Achim, Obernstraße 51, sowie in der Verdener Tourist Information. Außerdem gibt es sie im Internet unter www.musiktage.de oder unter der Hotline 0800/45 665 400 (kostenlos aus dem deutschen Festnetz). Die Preise liegen je nach Sitzplatz und Ermäßigung zwischen 12 und 27 Euro.

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