Burgherr, Reformation und Tennissport

Jahrbuch für den Landkreis: Geschichte und Geschichten

Der Blick auf den Verdener Dom und die Andreaskirche ziert das Titelblatt des Jahrbuchs für den Landkreis Verden 2017.

Landkreis - Einen bunten Themenstrauß vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert bietet das „Jahrbuch für den Landkreis Verden 2017“. Der frühere Heimatkalender mit Orts- und Regionalgeschichte sowie Heimat- und Naturkunde, den das Kreisarchiv jedes Jahr vorlegt, ist jetzt in den Verkaufsstellen erhältlich. Das 344 Seiten umfassende Werk im 60. Jahrgang enthält 28 Beiträge von 27 Autorinnen und Autoren.

Mit einer für das Jahr 1072 überlieferten russisch-sächsischen Eheschließung liefert Manfred Ringmann in der neuen Veröffentlichung die Ersterwähnung Ottersbergs. Damit steht für die Gemeinde 2022 ein Jubiläum an: 950 Jahre Ottersberg.

So interessant kann Regionalgeschichte sein: ein Ottersberger Burgherren-Paar mit glänzenden Verbindungen in Europa, gibt die Pressemitteilung von Archivar Rolf Allerheiligen eine Kostprobe. 1072 habe der König der Russen durch Vermittlung Heinrichs IV. die Tochter des Grafen Livpaldus und der Herrin Ita de Oterisburc (Ottersberg), Oda, geheiratet.

Klaus Tietje und Klaus Merkle haben die Geschichte des Lintler Kruges von 1660 bis 2012 rekonstruiert und führen auch die ermittelten Eigentümer und Pächter auf.

Historische Karten sind oft gute Quellen für die Geschichtsschreibung. Am Beispiel der Karten zum braunschweigischen Amt Thedinghausen verfolgt der im Niedersächsischen Landesarchiv tätige Hans-Martin Arnoldt die Entwicklung der Kartografie von der dekorativen Repräsentation zur Wiedergabe genauer Grenzen und Planungsgrundlage.

Aus der Zusammenarbeit Helmut Lohmanns mit Klaus Ortel und Klaus Roschmann erwuchs ein sehr informativer Aufsatz über die jüdischen Familie Davidson, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Dörverden Handel trieb, und über die Lebensverhältnisse im Dorf. Die massive Unterstützung vieler Einwohner habe 1830 für eine Handelszulassung des Moses Davidson geführt, weil sie einem preistreibenden Monopolisten, der ihrer Ansicht nach schon „reich genug“ war, Konkurrenz schaffen wollten.

Die Geschichte der Verdener Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung setzt Hermann Deuter im fünften Teil über die Jahre 1889 bis 1890 fort. Damals habe das Sozialistengesetz mehr und mehr seine Schrecken verloren und sei endlich ausgelaufen. Deuter berichtet von Streiks, Volksfesten, der Kampagne zur Reichstagswahl 1890 und vom Wachsen der Gewerkschaftsbewegung.

Unter den Rasensportarten, die nach englischem Vorbild in Verden betrieben wurden, war bereits um 1900 auch Tennis beliebt. In seiner Geschichte dieses Sports in Verden bis 1933 schildert Deuter außerdem die Entwicklung vom Spiel der Offiziere der Verdener Garnison über die von dem Sport begeisterten Juristen bis hin zur Gründung des Verdener Tennisvereins 1928. Frauen, so stellt er fest, spielten dabei von Anfang an eine wichtige Rolle.

Gewalt zwischen Rechts und Links

Die Serie zur politischen Radikalisierung 1930 bis 1932 („Landfriedensbruch“) zeichnet Historiker Dr. Joachim Woock anhand von Gerichtsunterlagen mit Beispielen gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der extremen Parteien des linken und des rechten Spektrums im Landgerichtsbezirk Verden nach. Saalschlägereien und Straßenkämpfe auch im ländlichen Raum läuteten das Ende der noch jungen Weimarer Republik ein.

Woock hat ferner Informationen zu den Verdener NSDAP-Ortsgruppenleitern 1941 bis 1945 (Hitlers willige Helfer, Folge 8) zusammengestellt: Wilhelm Nageler, Hermann Block, Heinrich Seemann und August Schwabe kamen nach 1945 relativ glimpflich mit unterschiedlicher Internierungszeit davon.

Zu den besonders aufschlussreichen und wertvollen Inhalten zählt Allerheiligen auch die erstmals veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen des Bremer Grafikers und Malers Professor Willy Menz zum Kriegsende 1945 in Neddenaverbergen, wo er Unterkunft gefunden hatte. Dass unter den britischen Befreiern, den späteren Verbündeten und Freunden, auch Plünderer und Vergewaltiger waren, ist heute in Vergessenheit geraten. Das vom März 1945 bis in den Sommer geführte Tagebuch hält fest, wie bedrohlich, turbulent und unsicher die Zeit war und wie Menschen damit im Alltag zurecht kamen.

Diverse weitere Beiträge, Naturkundliches, Erinnerungen, eine Erzählung, Gedichte und allgemeine Informationen runden den vielfältigen Band ab. Das in einer Auflage von 2 300 Exemplaren erschienene Jahrbuch ist für neun Euro im Buch- und Zeitschriftenhandel erhältlich, ebenso im Kreisarchiv, in der Geschäftsstelle der Verdener Aller-Zeitung sowie bei der Kreissparkasse.

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