Zum Auftakt des Verdener Dokumentationszentrums DOZ 20 Sport im Blick

„Erinnerungskultur muss vor Ort stattfinden“

Auch Renate Freitag-Pade und Klaus Zuschneid standen Hermann Deuter gerne Rede und Antwort.

Verden - Bei seiner Auftaktveranstaltung hat das ins landkreisweite Netzwerk Erinnerungskultur involvierte Projekt „Verdener Dokumentationszentrum – DOZ 20“ – am Dienstagabend in der vollbesetzten Verdener Stadtbibliothek an die Entwicklung des Sports nach 1945 in der Allerstadt erinnert. Vortrag, Stelltafeln, Grußworte, kurzweilige Interviews von Zeitzeugen und ein Filmbeitrag vom Landesturnfest 1950 sorgten für informative Stunden.

Interviewpartner waren der inzwischen 97-jährige Ernst-Otto Krüger (unter anderem Mitbegründer des selbstständigen Leichtathletikvereins in Verden und Sportfunktionär auf Vereins-, Kreis- und Bezirksebene), Renate Freitag-Pade (ehemalige Springreiterin der deutschen Spitzenklasse) und Klaus Zuschneid (früherer Kunst- und Leistungsturner, bis heute Übungsleiter im Leistungsturnen sowie Ehemann der inzwischen verstorbenen Olympiateilnehmerin 1952 Hanna Zuschneid geborene Grages). Eines verbindet die Gesprächspartner: Alle haben nach Kriegsende die teils rasante sportliche Vereinsentwicklung in Verden nicht nur hautnah miterlebt sondern auch maßgeblich mit gestaltet.

„Erinnerungskultur muss vor Ort stattfinden“, sagte Landrat Peter Bohlmann nach einleitenden Worten von Kathrein Goldbach. Bohlmann hatte auch einige Zahlen parat, an denen er die heutige Bedeutung von Vereinssport festmachte. So habe der Kreissportbund im Jahr 1968 11 000 Mitglieder gezählt, heute seien es 53 400. „Das heißt, dass annähernd die Hälfte der Kreisbevölkerung Mitglied in einem Sportverein ist“, folgerte er.

Danach ging Hermann Deuter als ein ausgewiesener Kenner der lokalen Sportszene auf die einzelnen Entwicklungsschritte im Verdener Sportgeschehen ein und kam dabei auch auf die Vereinsstrukturen der vergangenen Jahrzehnte zu sprechen. Beispielsweise wurden laut Deuter im Jahr 1900 in Verden 700 in Vereinen organisierte Sportler gezählt. 100 Jahre später waren es bereits weit über 10 000.

Auch an den Missbrauch von Sport und Sportereignissen für Propagandazwecken der Nazis erinnerte Deuter und daran, dass die britischen Besatzer nach Kriegsende zunächst nur die Gründung eines einzigen Vereins erlaubt hatten. „Daraus hat sich dann alles entwickelt“, sagte er.

Nachfolgend öffneten dann die drei Zeitzeugen ihre persönlichen Koffer voller Erinnerungen. Gestartet wurde die von Deuter und Harm Schmidt moderierte Interviewrunde mit Ernst Otto-Krüger, der in seiner detailreichen Erzählung auch auf die Jahrzehnte vor Kriegsende Rückblick hielt und damit das Publikum augenblicklich in den Bann zog. Zuvor hatten die Zuhöerr noch über die auffällige Kleidung Krügers – grünes Jackett, grünes Hemd und grün-grau gestreifter Schlips – gerätselt. Die Lösung: Krüger trug exakt diese Kleidung, die er 1972 als Wertungsrichter bei den Olympischen Spielen in München getragen hat.

Humorvoll und unterhaltsam berichteten danach auch Renate Pade-Freitag und Klaus Zuschneid von ihren sportlichen Aktivitäten und von vielen Erlebnissen, die den Älteren im Zuschauerraum teils noch selber in guter Erinnerung waren. Die Jüngeren indes konnten viele neue Erkenntnisse erlangen, etwa, dass in Verden in den 1930er-Jahren bis zu elftägige Reitturniere ausgetragen wurden. „Das hat es sonst nur noch in Königsberg und in Berlin gegeben“, hieß es.

Der Abend im Zeichen des Sports soll aber erst der Anfang von weiteren Aktivitäten sein, die das DOZ 20 in Zukunft plant. „Wir fangen ja erst an und haben weitere Themenschwerpunkte im Blick, zu denen wir rechtzeitig öffentliche Aufrufe starten werden, damit uns Bürger entsprechendes Material zur Verfügung stellen können“, sagte Kathrein Goldbach, die sich von Beginn an in der Arbeitsgruppe engagiert.

Übrigens: Die Infotafeln stehen auch noch in den nächsten Tagen in der Stadtbibliothek. Zahlreiche Fotos von sportlichen (Groß-)Ereignissen vor allem aus den 30er- bis 60er-Jahren sind auf ihnen zu sehen. Viele von ihnen stammen aus dem Fundus von Andrea Lutter, deren Mutter früher in Verden Fotografin war.  

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