Offener Brief

Ortsbürgermeister Thomas Gern legt Amt nieder und gibt Mandat zurück 

Verden-Borstel - In einem offenen Brief wendet sich Thomas Gern, Ortsbürgermeister in Borstel, an die Öffentlichkeit, nachdem sich die Mehrheit im neu gewählten Ortsrat gegen ihn entschieden hat.

„Liebe Borsteler Mitbürgerinnen und Mitbürger, wie Sie sicherlich inzwischen wissen, wird im nächsten Ortsrat eine Mehrheit aus CDU, FDP und Bündnis90/Die Grünen zusammengehen. In Gesprächen mit Herrn Weidemann und Herrn Witt habe ich erfahren, dass beide nicht mit der SPD und mir zusammenarbeiten wollen.

Die Hoffnung hatte ich ohnehin nicht, wohl aber hinsichtlich eines konstruktiven Gesprächs mit der CDU allein schon aufgrund der Aussagen in den Wahlbroschüren, in denen ich keine strittigen Gegensätze erkennen konnte. Nach dem Pressebericht haben meine Fraktion und ich keine Erfolgsaussichten für ein solches Gespräch mehr gesehen.

Ortsbürgermeister Thomas Gern.

Das Zusammengehen der Mehrheit ohne die SPD ist natürlich eine legitime Alternative, widerspricht aber nicht nur nach meiner Einschätzung dem Wählerwillen. Danach ist die SPD weiterhin die stärkste Kraft mit fast vier Prozent mehr Stimmen als die CDU und stellt den Kandidaten mit den weitaus meisten Stimmen. Das wird leider ignoriert und nicht zur Kenntnis genommen. Inhalte/Ziele, wie man unsere Ortschaft weiterentwickeln will, werden für die neue Zusammenarbeit nicht genannt. Sie spielen offensichtlich auch keine entscheidende Rolle (von den Herren Witt und Weidemann kenne ich sie bis heute nicht). So muss man denken – und die Äußerungen der Protagonisten bestätigen das nur –, dass macht- und personalpolitische Gründe bestimmend waren. Jeder bekommt sein Stück vom Kuchen. Herr Weidemann hat die unerwartete Chance, Ortsbürgermeister zu werden, wenn auch nur für zweieinhalb Jahre. Warum nur so kurz? Es sieht so aus, als fungiere er als ,Platzhalter’ beziehungsweise ,Steigbügelhalter’ für seine designierte Nachfolgerin, Frau Klauner, die die CDU aufgrund ihres für eine Spitzenkandidatin schon enttäuschenden Wahlergebnisses wohl nicht jetzt präsentieren mochte. Damit erreichen Herr Moje und Herr Klauner doch noch ihr offensichtlich wichtigstes Wahlziel, mich abzulösen, um endlich wieder eine Person ihrer Partei an der Spitze des Ortsrates zu haben. Herr Witt, obwohl bislang in der Ortschaft in keiner Weise in Erscheinung getreten, avanciert gleich zum Stellvertreter.

Es soll der Eindruck verbreitet werden, dass der Ortsrat – wie zu lesen war – in der Vergangenheit überwiegend (!) durch Streit, Zwist und gegenseitige Vorwürfe aufgefallen sei. Das weise ich zurück. Sich-Streiten und leidenschaftliches Diskutieren um der Sache willen muss immer erlaubt sein und gehört zur Entscheidungsfindung. Zwist um des Zwistes willen, um jemanden in ein schlechtes Licht zu rücken, ihn bewusst vorzuführen, ist politische Kultur unterster Schublade. Beides habe ich gerade in der auslaufenden Wahlperiode erleben dürfen. Als Außenstehender darf man die unterschiedlichen Intentionen für Streit nicht miteinander vermengen; es wird aber leider oftmals getan. Ich hatte oft genug den Eindruck, dass manchen das Bild von der Ortsratsarbeit, das in der Öffentlichkeit verbreitet wurde, ganz gelegen kam, weil man dafür in erster Linie die Person an der Spitze verantwortlich machen kann. Aber diese Person hat allein kaum Chancen, den Eindruck zu widerlegen. Jeder, der mich wirklich kennt, weiß, wie wichtig mir Harmonie und Vertrauen, aber auch persönliche Überzeugungen bei einer Zusammenarbeit insbesondere im ehrenamtlichen Bereich sind.

Bei all dem offensichtlich von manchem gerne geförderten Bild des zerstrittenen Ortsrates darf nicht verkannt werden, dass wir trotzdem in den beiden letzten Wahlperioden erfolgreich gearbeitet haben. Beispielhaft nenne ich die Herrichtung der Feldwege, die Verkehrsberuhigung in Borstel durch die Einführung der 30km/h-Zone, ein Nutzungskonzept für das Schießstandgelände mit großer Mehrheit (leider wurde mehr über den schwierigen Entscheidungsprozess als über das Ergebnis berichtet), Veranstaltungen wie der „Tag der Vereine“, die Fahrt mit Jugendlichen, die Zusammenarbeit mit den Vereinen und der Vereine untereinander (so zum Beispiel das letzte Weinfest des Heimatvereins mit Unterstützung des Blasorchesters und des FC Borstel).

Wenn der Wille zur konstruktiven Zusammenarbeit überall vorhanden wäre, benötigten wir keinen ,Neuanfang’. Auch eine wohl angestrebte Wählergemeinschaft ist nicht per se ein Allheilmittel ohne diesen Willen. Übrigens wird in einer Wählergemeinschaft derjenige Ortsbürgermeister, der die meisten Wählerstimmen auf sich vereinen kann.

Ich habe lange überlegt, wie ich aufgrund der Äußerungen der ,neuen Mehrheit’ reagieren soll. Ich will dem ,Neuanfang’ nicht im Wege stehen. Unter den offensichtlich beschlossenen Bedingungen kann ich mir eine motivierte Mitarbeit im Ortsrat nicht mehr vorstellen. Ich werde daher im Schreiben an den Herrn Bürgermeister mein Amt als Ortsbürgermeister zum Ablauf dieses Monats niederlegen und mein Mandat für den neuen Ortsrat zurückgeben.

Ich habe mir deshalb die Entscheidung nicht leicht gemacht, weil viele von Ihnen mir das Vertrauen bei der Wahl geschenkt haben. Ich bitte hiermit um Verständnis und Entschuldigung. Die Stimmen sind nicht verloren, da ein geeigneter Kandidat nachrücken wird . . .“

„ Damit endet für mich meine langjährige politische Arbeit in der Kommunalpolitik. Ich blicke nicht im Zorn zurück. Ich bin mit mir und meiner Arbeit an verschiedenen Stellen im Reinen. Was bleibt, sind in erster Linie die vielen schönen Begegnungen mit Ihnen . . .“

„Trotz allem war ich gerne Ihr Ortsbürgermeister. Es ist nicht möglich, es allen recht zu machen. Ich wünsche Ihnen und unserer Ortschaft alles Gute.“

Lesen Sie auch den Kommentar von Volkmar Koy

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