Lebenshilfe diskutiert in Oyten in Expertenrunde über inklusive Beschulung

Hoher Anspruch – schwierige Umsetzung

Moderatorin Christina Witte befragt die 28-jährige Janka Löwe. Mit auf dem Podium (v.l.): MdL Adrian Mohr, Hans-Jürgen Bohling, Fachdienstleiter der Stadt Verden, Silke Adam und Landrat Peter Bohlmann.
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Moderatorin Christina Witte befragt die 28-jährige Janka Löwe. Mit auf dem Podium (v.l.): MdL Adrian Mohr, Hans-Jürgen Bohling, Fachdienstleiter der Stadt Verden, Silke Adam und Landrat Peter Bohlmann.

Oyten - Wie weit ist Inklusion mittlerweile gesellschaftlich verankert? Und wie lässt sich Inklusion in der Schule umsetzen? Beim Fachtag „Inklusion im Alltag“ im Schulzentrum Oyten hat die Lebenshilfe Verden mit Experten über diese Fragen diskutiert.

Journalistin Christina Witte moderierte die Runde und führte unterhaltsam und differenziert durch den Wort-Dschungel dieses schwierigen Themas. Auf dem Podium waren Holger Stolz, Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe, Hans-Jürgen Bohling, Fachdienstleiter bei der Stadt Verden und Michael Grashorn, Vorstand der Pädagogischen Leitung bei der Lebenshilfe sowie Landrat Peter Bohlmann (SPD) und der CDU-Landtagsabgeordnete Adrian Mohr. Als Experten in eigener Sache sprachen Silke Adam, Mutter eines Kindes mit Behinderung und Janka Löwe, Kundin der Lebenshilfe.

Angeschnitten wurde sowohl die individuelle als auch gesellschaftliche Seite der Inklusion, wie Akzeptanz und Barrierefreiheit beim Wohnen und in der Freizeitgestaltung. Hauptgegenstand der Diskussion war die inklusive Beschulung. Dabei wurde deutlich, dass der von der UN-Menschenrechtskonvention geforderte Anspruch, Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam zu unterrichten, bisher in der Umsetzung noch viele Lücken aufweist.

Die 28-jährige Janka Löwe, die in der Schlosserei der Lebenshilfe Verden arbeitet, hat bereits ein ähnliches Programm durchlaufen: Sie besuchte mit fünf anderen Behinderten eine Regelschule. Die Rollstuhlfahrerin zog mit 22 Jahren von zuhause aus, führt also

Janka Löwe: „Ich bin nicht vom anderen Stern“

ein weitgehend selbstständiges Leben. „Es hat sich was verändert“, sagt Löwe, doch auch heute begegneten ihr manche Nichtbehinderte mit Abneigung. Genauso wie die Treppe am Einlass zur Diskothek sei die Barriere in den Köpfen noch vorhanden. Solchen Menschen versuche sie klarzumachen: „Ich bin nicht vom anderen Stern.“

„Inklusion ist gerade im schulischen Bereich nicht zufrieden stellend. Es wird auf Zwang etwas gemacht, was nicht funktionieren kann“, meint Silke Adam, die vor einigen Jahren ein behindertes Kind adoptierte. Das beginne schon damit, dass es in vielen Klassen einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund gibt. Adam forderte, die inklusive Beschulung besser vorzubereiten: „Es sollte jedem Lehrer ein Sonderpädagoge an die Seite gestellt werden.“

Adrian Mohr, deren Kinder die Lebenshilfe-Kindertagesstätte in Dörverden besuchen, überzeugte das Konzept der Einrichtung mit generationenübergreifenden Anteilen. Jedoch hält es der Landtagsabgeordnete für keinen Automatismus, das Schulsystem komplett umzubauen: „Ich bin nicht für die reine Lehre der Inklusion, sonst werden wir vielen Kindern nicht gerecht.“

Für eine Abkehr vom Dogma plädierte auch der Landesgeschäftsführer der Lebenshilfe Holger Stolz: „Wir brauchen nicht einen, sondern viele Wege.“ Es sei weltfremd, anzunehmen, dass die Lebenshilfe sich irgendwann als Institution überflüssig machen könne.

Dass künftig Einrichtungen geschlossen werden müssten, um Menschen mit Behinderung konsequent in Regelschulen unterzubringen, sieht auch Landrat Peter Bohlmann nicht. In dieser Frage gehe „Gründlichkeit vor Schnelligkeit“. „Ist es inklusiv, wenn ein behindertes Kind in der Klasse eine Assistenz erhält und eine Lehrerin sich um den ganzen Rest kümmert?“

Nicht zuletzt bleibt die Frage: Wer soll das bezahlen? Michael Grashorn sieht das Problem nicht nur auf der finanziellen Seite. „Die Ambulantisierung führt zu Fachkraftproblemen.“ Angesichts der Flüchtlingskrise komme es zu weiteren Engpässen bei Fachkräften für Soziale Arbeit. Gruppenstärken von maximal 25 Kindern könne man so auf Dauer nicht halten.

Peter Bohlmann stellte ernüchternd klar: „Dem Anspruch auf Hilfe kann im Moment nicht entsprochen werden.“ Denn vor dem Hintergrund, dass der Landkreis jeden Donnerstag 120 neue Menschen unterbringen muss, fehlten einfach die Ressourcen.

Das Fachpersonal zu erhöhen sei das eine, meinte Silke Adam. Tun könne die Lebenshilfe aber schon etwas, indem sie die Mitarbeiter anhört und ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Durch ein Solidarsystem von Mitarbeitern und Eltern bestehe eine Chance, dass „Inklusion auch in Zeiten des Flüchtlingszuzugs nicht verloren“ gehe, so Michael Grashorn.

Kommunikation ist offenbar alles. Rollstuhlfahrerin Janka Löwe findet, dass die Lebenshilfe sich bei barrierefreien Umbauten besser beraten lassen sollte. „Nicht einfach hinbauen und sagen: Das ist doch gut so.“

ldu

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