Malstifte ersetzen Wurfgeschosse aus Steinen 

Minka Görzel-Straube leistet Freiwilligenarbeit im Irak

Simple Bewegungsspiele halfen den Heranwachseden im Irak mit ihrem Kriegstrauma umzugehen.

Fischerhude - Von Lisa Duncan. Wer Minka Gözel-Straube in ihrer unbekümmert-fröhlichen Art gegenübersteht, der würde nicht ahnen, welcher Beschäftigung sie seit Jahren nachgeht. Gerade ist sie zurückgekehrt aus dem Irak. Dort arbeitete sie zwei Wochen lang mit vom Krieg gezeichneten Kindern, die auf der Flucht vor der Terrormiliz IS und ihrer Gräueltaten in drei Flüchtlingslagern in der autonomen Region Kurdistan untergekommen sind. So banal es klingt: Mithilfe von Malen, Tanzen, Theater und Singen gelang es einem Team aus Pädagogen und Therapeuten, diese Kinder wieder zum Lachen zu bringen.

Minka Görzel-Straube mit einer Büste von Salman Nawati, Künstler aus Gaza (Palästina). Das Selbstporträt schuf er, als er sie im Anschluss an den Freiwilligendienst in Fischerhude besuchte. - Foto: ldu

Straube ist von Haus aus Gymnasiallehrerin, unterrichtete aber viele Jahre lang an einer Waldorfschule. Bis sie nach 23 Jahren Lehrtätigkeit im nordrheinwestfälischen Herne die Lust verlor und das Gefühl sich Bahn brach, sie könne nicht noch einmal eine Klasse über Jahre hinweg begleiten. „Da erinnerte ich mich an meinen Jugendtraum, einmal in den Favelas in Südamerika zu arbeiten.“ Straube machte eine Ausbildung zur Traumatherapeutin, basierend auf den antroposophischen Lehren nach Rudolf Steiner. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin der „Freunde der Erziehungskunst“ hat sie nun schon etliche Freiwilligendienste im Ausland geleistet. Zuhause in Fischerhude gibt sie Fortbildungen in Traumatherapie.

Mittlerweile ist es bereits ihr 26. Hilfseinsatz, diesmal in Kooperation mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Welthungerhilfe. Auch in Kirgisien, Kenia und im Gaza-Streifen leistete sie Freiwilligendienst. Neben Notfall-Einsätzen nach Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen hat sie an notfallpädagogischen Folge-Einsätze in Kriegsgebieten teilgenommen, was sie im September 2014 erstmals in den Irak führte. Im August/September 2016 war es ihr sechster Aufenthalt.

Ihre Aufgabe im Irak war es, Kinderschutzzentren aufzubauen, für die oftmals unter einfachen Verhältnissen eine Garage, eine leere Wohnung oder ein freier Platz herhalten musste. Dazu kommt das Angebot von „Summer Schools“, die Bildung zugänglich machen sollen, wo dies sonst nur schwer möglich ist.

Simple Bewegungsspiele halfen den Heranwachseden im Irak mit ihrem Kriegstrauma umzugehen.

Die reguläre Schule, in der Regel von Unicef eingerichtet, bestehe aus einem Metallcontainer und Klassengrößen mit 50 bis 60 Schülern, erzählt Görzel-Straube: „Die Kinder teilen sich oft zu viert eine Bank. Viele Lehrer sind geflohen, die anderen unmotiviert, weil sie oft seit Monaten kein Geld bekommen.“ Minka Görzel-Straube half die „Summer Schools“ zu gestalten, nicht nur mit Nachhilfe, auch mit traumatherapeutischen Methoden wie Musik, Kunst, Rhythmus, Theater und Tanz. Durch die Kriegserfahrung erstarre der Mensch. „Das kann sich zur posttraumatischen Belastungsstörung auswachsen.“

Die positive Wirkung der Methoden hat Görzel-Straube mehrfach beobachtet. „Als wir in Kirgisien Klatschspiele mit den Kinder gemacht haben, sagten sie: ‘Die Deutschen spinnen!’.“ Doch nach drei Tagen lachten die Heranwachsenden plötzlich wieder. „Das zeigt mir: Ich kann etwas tun.“ Indem die Kinder

Bilder malten, könnten sie schreckliche Erlebnisse verarbeiten, um nach und nach mithilfe der Fantasie auch wieder positive Motive zu erschaffen. Statt sich mit Steinen zu bewerfen, finden sie zurück zum friedlichen Spiel.

Schwieriger Übergang von Hilfe zur Selbsthilfe

Auch die Eltern werden mit einbezogen: Sie erhalten Alphabetisierungskurse und bekommen pädagogisches Rüstzeug an die Hand. „Die Gewalt in den Familien wird weniger, die Schulleistungen der Kinder besser“, erzählt Straube. Und das sei viel Wert, denn „Bildung ist die einzige Möglichkeit, da rauszukommen.“

In der Freiwilligenarbeit stoßen die internationalen Hilfskräfte auch an ihre Grenzen, etwa 1500 Kinder hätten die zehn „Summer Schools“ maximal aufnehmen können – so mussten auch Familien abgewiesen werden. „Im Camp Chamishku haben wir ein Projekt neu aufgemacht. Da standen Hunderte vor dem Tor“, erinnert sich Görzel-Straube und stellt fest: „Es ist immer wieder eine Frage der Abgrenzung und die Erkenntnis: Wir können die Welt nicht retten.“

Durch ihre Ausbildung in Traumatherapie sei sie für ihre eigenen Grenzen sensibilisiert, jedoch habe es Vorfälle gegeben, die auch Minka Görzel-Straube sehr mitnahmen. „Ein Junge ist nach zwei Stunden Singen weinend zusammengebrochen. Er war vor IS-Terroristen geflohen, die ihm zur Einschüchterung abgehackte Kinderköpfe gezeigt hatten.“ Selber bedroht gefühlt habe sie sich bisher nur selten. „Wo ich aktiv werden kann, nehme ich die Gefahr nicht wahr.“ Als sie sich in einem Hotel in Libanon aufhielt, in dem es plötzlich brannte, war es ihr Mann, der am Telefon schrie: „Du musst da raus!“

Neben den internationalen Helfern haben die Freunde der Erziehungskunst 20 lokale Mitarbeiter eingestellt – einerseits um den Flüchtlingen den Broterwerb zu ermöglichen, andererseits um den notwendigen Übergang von der Hilfe zur Selbsthilfe einzuleiten. Das Projekt wird noch bis Mai 2017 (maximal 2019) von der GIZ finanziert, danach soll es mit lokalen Kräften weitergehen.

Die Erwartungshaltung der Menschen, die sich an die Rolle des Hilfsempfängers gewöhnt hätten, sei nur schwer aufzubrechen, weiß Görzel-Straube. „Dieser Übergang ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Man muss aufhören, etwas vorzugeben.“ Meist werde das zunächst nicht verstanden, gar als Faulheit misinterpretiert. Mittlerweile zeige sich aber die positive Wirkung der Folge-Einsätze: Nach und nach hörten die Leute vor Ort ihre Ideen an und diskutierten mit ihr, sagt Straube: „Sie sind selbständiger und selbstwirksam geworden.“ - ldu

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