Vor 40 Jahren begann Ära Prossner im Gemeinderat

„Frag’ mal lieber den Helmut“

Helmut Prossner leitet nach 40 Jahren im Ottersberger Kommunalparlament heute Abend seine letzte Ratssitzung. - Foto: Holthusen

Ottersberg - Von Petra Holthusen. „Nö, da frag’ mal lieber meinen Bruder“, winkte der jüngere, eher christdemokratisch gefärbte Prossner ab, als der Otterstedter SPD-Ratsherr Erich Voss vor der Kommunalwahl 1976 um neue Mitstreiter im Ort warb. Also klopfte Voss bei Helmut Prossner an.

Der war damals gerade 28 und noch in der juristischen Ausbildung. „SPD-Wähler war ich ja schon...“ – und nun willigte Prossner in weitergehendes politisches Engagement ein. 1976 wurde er das erste Mal in den Gemeinderat gewählt und danach alle fünf Jahre wieder. Heute verabschiedet sich Prossner aus dem Kommunalparlament – nach 40 Jahren Mitgestaltung und Mitverantwortung, die letzten 16 Jahre davon als Ratsvorsitzender und davor 20 Jahre als SPD-Fraktionsvorsitzender.

„Dass man wie selbstverständlich ins Rathaus geht und guckt, was so anliegt und was zu beraten ist... – das fällt jetzt weg und das werde ich schon vermissen“, sagt Prossner, der auch ehrenamtlicher stellvertretender Bürgermeister im Flecken ist – oder besser gesagt: war. Seine Amtszeit endet am 31. Oktober, nachdem er im September nicht wieder für den Gemeinderat kandidiert hatte. Heute Abend leitet der 68-Jährige im Ratssaal seine letzte Sitzung. Nicht vermissen wird er die zunehmend giftige Atmosphäre: „In den letzten zwei Jahren war es nicht immer lustig in Ottersberg – das macht den Abschied schon leichter...“

„Im Ortsrat geht es wirklich um die Sache“

Eigentlich wollte der pensionierte Richter dieses Jahr alle seine politischen Ämter aufgeben. Das hat nicht ganz geklappt: Im Kreistag, dem Prossner mit Unterbrechungen seit 1981 angehört, in den er dieses Jahres nochmal nachgerückt war und in dem er wieder das Amt des Vorsitzenden übernommen hat, setzt er seine Arbeit für weitere fünf Jahre fort. „Und für den Ortsrat Otterstedt bin ich aus Gründen der Parteidisziplin wieder angetreten“ – damit die SPD hier wenigstens zwei Kandidaten hatte. Prossner erhielt im Ort die zweitmeisten Wählerstimmen und wird voraussichtlich wieder Vize-Ortsbürgermeister.

Was für ihn die Arbeit im Ortsrat angenehm macht: „Parteipolitik spielt keine Rolle – hier geht es wirklich um die Belange der Ortschaft und um die Sache.“ Wie viel ehrenamtliche Arbeit Prossner in 40 Jahren Kommunalpolitik geleistet hat, lässt sich nicht messen: „Ich habe die Stunden nie gezählt... Aber das meiste an politischer Arbeit gebe ich mit dem Rückzug aus dem Gemeinderat ab.“ Langweilig wird ihm deshalb nicht. Der Stapel Bücher in der Sofaecke erzählt von der Lust am Lesen („vorzugsweise spannende historische Romane“), außerdem reist Prossner gerne. Als Jahreskarten-Inhaber fährt er dreimal die Woche morgens zum Frühschwimmen ins Otterbad und genauso oft geht er joggen – „als Ausgleich zum vielen Sitzen“. Wenn’s dann wieder an den Schreibtisch geht, wartet neben der politischen noch weitere ehrenamtliche Arbeit: Seit 2005 ist Prossner Gründungsvorsitzender der kirchlichen St.-Martin-Stiftung im Ort.

Otterstedter ist er seit seinem zweiten Lebensjahr, seit seine Familie 1950 von Bremen auf den großelterlichen Hof Im Tal zog. Als der Jurist 1976 das erste Mal für Gemeinde- und Ortsrat kandidierte, tat er das noch als Parteiloser: „Ich wollte in den bremischen richterlichen Dienst eintreten und niemand sollte auf den Gedanken kommen, ich hätte da eine Stelle wegen eines roten Parteibuchs gekriegt.“ Nachdem er zum Richter am Amtsgericht ernannt worden war, trug Prossner Anfang 1978 seiner Überzeugung Rechnung und trat in die SPD ein.

Verhandelt hat er übrigens immer Zivilrechtliches, auch nachdem er zum Vorsitzenden Richter am Landgericht Bremen befördert wurde: „Strafrecht war nie so mein Fall.“ Mit 63 ließ sich Prossner vorzeitig pensionieren.

Arbeitsintensive „Entwicklungspolitik“

Ein Vierteljahrhundert führte er ab 1981 den Vorsitz im Bau- und Planungsausschuss des Rates. „Den hat mir die CDU auch nie streitig gemacht“ – ein Beleg für die Wertschätzung, die Prossners kluger, zielführender und äußerlich unaufgeregter Amtsführung auch von politischen Kontrahenten gezollt wird.

Große Themen in den 80er Jahren waren der Flächennutzungsplan für das nach der Gebietsreform noch junge Groß-Ottersberg („Was sich wo wie entwickeln soll, das war sehr arbeitsintensiv“) und die Schaffung einer weiteren überdachten Sportstätte. „Hallenbad oder noch eine Turnhalle? Das war eine große Diskussion“, erinnert sich Prossner. Der Rat entschied sich knapp fürs Hallenbad. 

„Ganz großes Thema“ war auch die „Kanalisation bis in die entferntesten Winkel im Moor und am See“ – mit allen damit verbundenen strittigen (Bürger-)Diskussionen. Überhaupt wurde zu der Zeit noch viel kommunal gebaut: „In allen Ortschaften gab’s Schul- und Turnhallenbauten noch und nöcher.“ Und damit viel zu tun für den Bauausschussvorsitzenden. „Auch für Dodenhof haben wir viel gemacht, um die Entwicklung zu ermöglichen“, erzählt Prossner. 1,5 Mio. Mark bezahlten Gemeinde und Dodenhof für die eigene Autobahnabfahrt: „,Wir wollen das als Ottersberger, weil es wichtig ist für unsere Infrastruktur’ – damals hat man das noch hinbekommen.“ Bewegt hat Prossner immer die Frage: „Was wird aus unseren Außendörfern? Da muss was passieren, damit sie nicht abgehängt werden. Und das haben wir auch gemacht.“

„Einigermaßen fassungslos gemacht“

In Prossners Gedächtnis haften noch der Streit ums Gymnasium („ein finanzieller Kraftakt, aber es fügt sich gut ein in unsere kommunale Bildungslandschaft“) und um das nach einer Bürgerbefragung gescheiterte Biomasseheizkraftwerk. Letzteres ist für Prossner Beispiel für den zunehmenden Einfluss populistischer Strömungen: „Wer am lautesten schreit, bekommt Recht.“ Das habe ihn, der immer an die Durchsetzung der Vernunft geglaubt habe, „einigermaßen fassungslos“ gemacht. Und diese Tendenzen seien mit den Jahren nicht besser geworden.

Dem neuen Gemeinderat wünscht Prossner, „dass man wieder mehr zueinander findet, dass es mehr um die Sache geht und nicht um Personen und ihre Eitelkeiten. Wenn man streitet, dann für die Sache – damit ein möglichst gutes Ergebnis für das gemeine Beste herauskommt – die beste Entscheidung für die Gemeinschaft.“

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