Interview mit Gero Landzettel: Bürgerinitiative Flecken Langwedel gegen Gasbohren zieht Bilanz

Mit gesunder Skepsis schon viel gewonnen

Gero Landzettel vor dem Logo der Bürgerinitiative. Das x-förmige Zeichen wurde der Anti-Atom-Bewegung entlehnt.
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Gero Landzettel vor dem Logo der Bürgerinitiative. Das x-förmige Zeichen wurde der Anti-Atom-Bewegung entlehnt.

Langwedel - Von Lisa Duncan. Eine Riesen-Demonstration gegen die geplante Verpressung von Lagerstättenwasser, Sondierungen der Dea für Bohrungen in Verden-Walle und ein Erdbeben mit Epizentrum in Völkersen – für die Bürgerinitiativen (BI) in der Region war 2015 ein ereignisreiches Jahr. Unsere Zeitung bat darum Gero Landzettel, Rechtsanwalt und Sprecher der BI Flecken Langwedel gegen Gasbohren, einmal Bilanz zu ziehen.

Anfang Dezember gab es in Langwedel ein Erdbeben der Stärke 1,9 – eines von insgesamt fünf Erdbeben, die sich dort seit 2008 ereignet haben. Inwiefern sind diese Ereignisse im Zusammenhang mit der Erdgasförderung zu sehen?

Gero Landzettel: Im November 2012 gab es das bislang stärkste Erdbeben der Stärke 2,8. Das ist 2012 von sehr vielen Menschen wahrgenommen worden. Das lag auch daran, dass es abends passierte: Viele saßen mit ihrer Familie zu Hause auf dem Sofa und da merkte man, dass es ein paar Zentimeter nach unten rutschte. Das Förderunternehmen leugnete zunächst auf Anfrage einen Zusammenhang zwischen Gasförderung und Erdbeben. Nun sind wir als Bürgerinitiative auch erstmal Laien. Aber die norddeutsche Tiefebene ist nun mal kein klassisches Erdbebengebiet. Und wenn man das im zeitlichen Zusammenhang betrachtet, kommen Erdbeben in dieser Region erst vor, seit die Dea angefangen hat, hier Erdgas zu fördern, also etwa Anfang der 90er-Jahre.

Aufgrund zahlreicher Nachfragen hat die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover versucht, die Daten auszuwerten und ist zu dem Schluss gekommen, dass hier tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Gasbohrungen und Erdbeben besteht. Und im zuletzt registrierten Fall hat der Niedersächsische Erdbebendienst als Epizentrum des Bebens Völkersen vermutet, wo Bohrtürme der Dea seit Jahren aktiv sind.

Als nächstes kamen die Schadensmeldungen. Bezogen auf das Erdbeben von 2012 hat es über 100 Meldungen von Schäden gegeben. Die Dea streitet aber für diese konkreten Fälle einen Zusammenhang mit Erdbeben ab. Dann hat ein örtlicher Architekt auf Rechnung der Dea ein Gutachten erstellt, das aber in einigen Punkten angreifbar ist. Zum Beispiel muss man in jedem Einzelfall schauen: Wie ist der Untergrund? Dafür hatte der Architekt einen externen Gutachter eingekauft. Der war aber nicht mal selbst vor Ort, um Messungen vorzunehmen. Stattdessen hat er die Daten, die das Gasförderunternehmen selbst geliefert hat, einfach übernommen.

Und das aktuelle Erdbeben? Welche Rückmeldungen haben Sie von Anwohnern dazu erhalten?

G.L.: Das aktuelle Erdbeben hat man nur wenig gemerkt, da es unterhalb einer bestimmten Stärke für Menschen kaum wahrnehmbar ist. Aber selbst solche Negativ-Meldungen geben uns als Bürgerinitiative immer wieder eine Bestätigung. Das zeigt: Es gibt immer etwas zu tun.

Eine wichtige Errungenschaft dieses Jahres ist auch die Tätigkeit der Schlichtungsstelle. So erhalten Geschädigte wesentlich mehr Entschädigung als das, was ihnen außergerichtlich von der Dea angeboten werden würde. Im Unterschied zum Prozess ist das Verfahren kostenfrei. Zudem sind die Aussichten auf Erfolg viel höher: Bei einem Prozess müsste ich als Anwohner erstens beweisen, dass das Erdbeben durch Gasbohrungen verursacht wurde. Zweitens, dass die Risse in meinem Haus aufgrund des Erdbebens entstanden sind. Auch eine Versicherung würde so einen Schadensfall nicht übernehmen, da kann man sich ausrechnen, wie die Aussichten sind. Das zeigen auch mehrere Verfahren, die im Jahr 2015 gelaufen sind.

Übrigens endet am morgigen 31. Dezember 2015 die Verjährungsfrist für Schadensfälle durch Gasbohrungen aus dem Jahr 2012. Danach wird es juristisch schwierig, solche Schäden noch geltend zu machen.

„Fracking“ – dieses Stichwort taucht im Zusammenhang mit Gasbohrungen immer wieder auf. Beim Fracking wird ein Wasser-Chemikalien-Gemisch unter Druck in die Erde geleitet, um tief liegende Gesteinsschichten aufzubrechen und so Schiefergas, das konventionell nicht förderbar wäre, an die Erdoberfläche zu bringen. Ein Gesetz zur Beschränkung von Fracking ist derzeit in der Schwebe. Was bedeutet das für Sie als BI?

G.L.: Diese Methode braucht die Dea hier kaum anzuwenden. Alles, was wir hier an Schwierigkeiten haben, haben wir aber auch ohne Fracking. Hier genügt es, wenn man kurz reinbohrt, um das Gas aus dem Boden zu lösen. Wegen des sehr porösen Gesteins gelangt das Gas relativ leicht an die Oberfläche. Gefrackt wird dann nur noch zum Schluss, wenn die Bohrung im Prinzip schon abgeschlossen ist. Ähnlich wie bei einer Zitrone, die man ausquetscht, wird mit diesem Verfahren versucht, noch etwas Gas aus dem Boden zu holen.

Darum wird ein Fracking-Gesetz uns hier in der Region auch nur bedingt helfen. Was uns belastet, belastet uns weiter. Zumindest wenn die Bergschadensvermutung so bleibt wie bisher, wie im Gesetzentwurf vorgesehen. Wir als BI fordern, dass die Bergschadensvermutung auf die Erdbebenschicht ausgedehnt wird. Dann würde sich die Beweislast zugunsten des Geschädigten verschieben und er müsste nicht mehr darlegen, dass das Erdbeben den Schaden angerichtet hat. Dann wäre das Unternehmen in der Pflicht.

Wo liegen für Sie als BI aktuell noch Baustellen?

G.L.: Ein großes Thema ist die Verpressung von Lagerstättenwasser. Im Mai haben wir uns mit anderen Bürgerinitiativen auch an der großen Demo zu diesem Thema beteiligt.

Die Problematik: Lagerstättenwasser ist überall hochsalzig und enthält Schwermetalle, inklusive Quecksilber und Chemikalien aus der BTEX-Gruppe, darunter Benzol. Letzteres ist so gefährlich, weil es krebserregend ist. Und dieses belastete Lagerstättenwasser wird zur Zeit entsorgt, indem es in Kalkarinid versenkt wird. Die Dea plant sogar das Lagerstättenwasser aus ganz Niedersachsen in 5500 Metern Tiefe in Völkersen zu verpressen. Eine Methode, die laut einer Studie der Dea am nachhaltigsten sei. Die Frage ist: Wie ist diese Studie aufgebaut? Auch hier waren die Gutachter teilweise nicht vor Ort. Dabei sagt einem schon der gesunde Menschenverstand, dass man konkret hingehen und messen müsste, statt die vom Unternehmen erstellten Daten stumpf auszuwerten.

Prof. Eberhard Gock und Prof. Jörg Kähler von der Technischen Universität Clausthal haben bereits 2004 wissenschaftlich nachgewiesen, dass man das Wasser aufbereiten könnte, indem man die Schwermetalle und das Salz herauszieht. Anschließend könnte man es in die Weser leiten. Aber das Verfahren ist aufwendig. Ich halte das Kostenargument für sehr relevant für die Entscheidung der Dea, dieses Verfahren nicht anzuwenden.

Wie sind die Sondierungen der Dea für neue Bohrgebiete in Verden-Walle einzuschätzen?

G.L.: Das Bergrecht sieht vor, dass man Leute auch zwingen kann, ihre Grundstücke abzutreten. „Grundabtretung“ lautet der juristische Fachbegriff. Das gilt nicht nur für den Grunderwerb, sondern auch für den Fall, dass die Dea das Land pachten möchte. Aber dann muss die Dea erstmal begründen, warum ausgerechnet dieses Grundstück und nicht irgendein anderes. Das wird für die Dea nicht leicht. Ein anderer Fall wäre es natürlich, wenn die Eigentümer ihr Grundstück freiwillig dem Unternehmen überlassen. Ich finde bemerkenswert, was der Bürgerinitiative in Intschede 2014 gelungen ist: Dort will keiner der Anwohner verpachten. Auch die Info-Veranstaltung in Walle Ende November war vielversprechend, weil ein großes Publikum Interesse zeigte.

Was möchten sie als Bürgerinitiative letztlich erreichen?

G.L.: Was wir können, ist, Menschen dazu bringen, dass sie eine gesunde Skepsis an den Tag legen. Das ist schon eine Herausforderung, denn auch die Dea ist mit ihren PR-Leuten gut geschult, wenn es darum geht, Leute zu überzeugen.

Letztlich kann die Erdgasförderung vor Ort schlimme Auswirkungen haben. Die Konsequenz müsste also eigentlich sein, dass die Bohrungen hier aufhören. Aber das ist nicht realistisch. Ich kann aber fordern, dass die Bohrungen nach höchsten Sicherheitsmaßnahmen gemacht werden. Man müsste den Maßstab beim größtmöglichen Risiko anlegen.

Nebenbei gesagt: Das Argument, dass wir Gas brauchen, ist auch nicht korrekt. Die Bundesregierung hat die Energiewende mit den erneuerbaren Energien bereits eingeleitet. Um uns warm zu halten, brauchen wir das Erdgas also nicht. In diesem Sinne wollen wir als BI etwas zur Aufklärung beitragen und Umwelt, Natur und Mensch schützen!

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