Andreas Minge ist Schiedsrichter und Richter am Amtsgericht Achim

Zwischen Strafrecht und Strafraum

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Schiedsrichter Andreas Minge bei einem Frauenfußballspiel auf dem Sportplatz in Oyten. Hier stehen sich die beiden Teams kurz vor dem Anpfiff gegenüber.

Achim - Von Lisa Duncan. Hauptberuflich ist Andreas Minge Richter am Achimer Amtsgericht, wo er sich seit rund 25 Jahren überwiegend um Strafverfahren kümmert. In der Freizeit gilt die Aufmerksamkeit des Juristen eher dem Strafraum, denn er ist Schiedsrichter bei Fußballspielen bis hin zur Kreisliga.

Ein Hobby, das Parallelen zu seinem Beruf aufweist. So folgt er etwa seiner Maxime „lieber einmal zu viel freisprechen als einmal zu wenig“ auch beim Ballsport: „Wenn ich es nicht genau gesehen habe, dann gebe ich im Zweifel lieber ein Tor weniger“, erklärt Minge.

Doch es bestehen auch auffallende Unterschiede zwischen dem Richter- und dem Schiedsrichterdasein: „Ein Richter entscheidet über den Ausgang des Zwistes, wenn man sich nicht einigen kann. Beim Fußball einigt man sich nicht und ein Schiedsrichter entscheidet nicht den Spielausgang. Er achtet nur auf regelgerecht entstandene Ergebnisse“, erläutert der Wahl-Achimer.

Geboren ist Minge 1955 in Rotenburg an der Wümme, er wuchs in Bremerhaven auf. Sein Jura-Studium verbrachte er im Berlin der damals noch geteilten Bundesrepublik. Dort lernte er seine zukünftige Frau kennen, mit der er heute zwei erwachsene Kinder hat. 

Von 1983 bis ‘85 absolvierte er sein Referendariat am Finanzamt Bremen. Es folgten Stationen bei der Staatsanwaltschaft Verden und an den Amtsgerichten Rotenburg, Walsrode und Osterholz. 1990 zog er mit seiner Frau nach Achim. Als Familienrichter am Amtsgericht übernahm er das Dezernat des SPD-Politikers Joachim Stünker, als dieser zum Landgericht Verden wechselte. Straf- und Familienrecht wurden Minges berufliche Schwerpunkte.

Schon seit längerem an Fußball interessiert, trat er erst mit 38 Jahren in den TSV Uesen ein, wo er zunächst Jugendtrainer, wenig später auch Schiedsrichter, wurde. „Das kommt automatisch, weil man sich als Trainer sowieso mit den Regeln auskennen muss.“

Minge empfiehlt jungen Menschen, Schiedsrichter zu werden, weil es die Persönlichkeit bildet. Dass er selber erst begann, als er schon mehr als ein Jahrzehnt Richter war, sei hilfreich gewesen: „Weil man die Regelauslegung ganz anders hinterfragt. 

So kommt man zu gerechteren Entscheidungen.“ Die andere Seite der Medaille: Minge findet das Regelwerk beim Fußball oftmals zu ungenau. „Hätten Juristen die Spielregeln geschrieben, gäbe es weniger Streit“, ist er überzeugt. Unsinnig findet er beispielsweise den Ausdruck „absichtliches Handspiel“. Handspiel bleibt Handspiel – ob es mit Vorsatz passiert oder nicht, lasse sich hinterher ohnehin nicht feststellen.

Rund drei Spiele pfeift Andreas Minge pro Woche: Herren, Jugend und Frauen. Nur die Altherrenspiele, die sonntags schon vor elf Uhr beginnen, lässt er aus. Früher seien es oft auch zwei Spiele an einem Tag gewesen.

Während in der deutschen Justiz der Richtermangel grassiert, gibt es unter Schiedsrichtern keine Nachwuchssorgen, so Minge: „Im Moment ist die Ausbildung gut und viele bleiben dabei.“ Vielleicht würden manche auch durch die Vergünstigungen gelockt, wie die Möglichkeit, freien Eintritt bei DFB- und Bundesligaspielen zu bekommen.

Für Richter habe sich der Stress im Berufsalltag hingegen verschärft. Falls das Klischee des Richters, der die Nachmittage auf dem Golfplatz verbringt, je zutraf, sind diese Zeiten längst vorbei, weiß Minge: „Seit die Bearbeitungszeit einer Akte als Maßstab für das Arbeitspensum gilt, ist die gleiche Arbeit weniger wert.“

„Wer Zeugen erziehen will, hat verloren“

Die Zeit, die zwischen Straftat und Prozess vergeht, schätzt Minge – zumindest am Amtsgericht mit einem Abstand von maximal zwei Jahren – als noch vertretbar ein. Grund für die Wartezeit sei nicht immer der Richtermangel, sondern oft auch langwierige polizeiliche Ermittlungen.

Richter Andreas Minge am Eintritt zu seinem Arbeitsplatz, dem Achimer Amtsgericht.

Minge liegt das Strafrecht mehr als das Zivilrecht. Grund: „Bei Zivilsachen ist die Gefahr einer Fehlentscheidung am höchsten. Da bin ich oft mit einem unguten Gefühl rausgegangen.“

Wenn zwei sich um Sorgerecht oder Besitz streiten, bestünden viel weniger Möglichkeiten zu ermitteln als im Strafrecht. Man sei stattdessen darauf angewiesen, wie gut der Anwalt oder die Sachlage sei. Für die Entscheidung zählt kein Hintergrundwissen, sondern nur, was im Prozess vorgetragen wird.

Bei Familienverfahren gelte auch: Selbst wenn der Richter weiß, dass der Einspruch für eine Partei verjährt sei, dürfe er nicht darauf hinweisen. „Ähnlich ist es beim Fußball, wenn ein Team einen Spieler zuviel einwechselt. Darüber freut sich die gegnerische Mannschaft, die im Nachhinein eine Spielwertung für sich einklagen kann.“

Das Strafrecht habe einen eindeutigeren Charakter: „Bei Straftaten gibt es keine schwierigen Entscheidungen.“ Mit Polizeiprotokoll, Zeugenaussagen und Sachverständigen sei vieles relativ gut überprüfbar. Hinzu kommt, dass die vielen unterschiedlichen Menschen, denen er in Strafprozessen begegnet, den Beruf auch interessant machen. Wird jemand unverschämt, bleibt der 61-Jährige gelassen und quittiert es mit einem Lächeln: „Wer Zeugen Manieren beibringen will, hat verloren“, glaubt er.

Der Kragen platzt Andreas Minge eigentlich nie. Wenn harsche Worte fallen, dann geschieht das gezielt. In seiner Schiedsrichtertätigkeit lässt Minge dies häufiger zu als im Gerichtssaal. „Die Spieler können meine Entscheidung ja nicht wegen Befangenheit ablehnen“, scherzt der Schiri.

Dass man „auf dem Platz“, eher als vor Gericht, mal ein Auge zudrückt, kann der Schiedsrichter Minge nicht bestätigen. „Aber wenn ein Spiel ruhig abläuft, pfeift man großzügiger.“ Genauso habe er im Spiel auch schon Entscheidungen getroffen, mit denen beide Mannschaften unzufrieden waren. Minge selbst tangiert das nicht: „Ich gehe ja nicht auf den Platz, um hinterher 22 Freunde zu haben“, sagt er mit einem schelmischen Lächeln.

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