Bald fünf Jahre Industriebrache

Will und Skrabs wollen Areal von Lieken jetzt kaufen

Die traditionsreiche Achimer Brotfabrik als Industriebrache am Achimer Bahnhof. - Foto: Brodt

Achim - Von Manfred Brodt. 2011 ging in Achim die jahrhundertelange Ära der Simons-Brotfabrik zu Ende mit der Betriebsschließung der Lieken-Brotfabrik und der Entlassung von 144 Arbeitnehmern. Von dem legendären Pionier und Erfinder Fritz Lieken war die Firma in ihrer jüngeren Geschichte gewandert zu Wendeln, zu Kamps, zum italienischen Nudel-Konzern Barilla und zuletzt zu einem tschechischen Milliardär, als in Achim die Backmaschinen kalt blieben. Seit nun gut fünf Jahren hat Achim mitten in der Stadt am Bahnhof eine Industriebrache, weil Stadt und Grundstücksbesitzer nicht auf einen Nenner kommen.

Das Verfügungsrecht über das Grundstück gehört der Planungs- und Investorenfirma W&S, also Will und Skrabs, die auf dem 29.000 Quadratmeter großen Areal 30 Millionen Euro investieren wollen für Fachmärkte besonders in den Bereichen Elektronik und Textil zusammen mit einem Lebensmittelmarkt von 4000 Quadratmetern sowie für ein Café und Wohnungen. Der Verbrauchermarkt soll für regelmäßigen Zulauf der Kunden sorgen.

Da die rot-grüne Ratsmehrheit den Lebensmittelmarkt entschieden ablehnt, bewegt sich seit Jahren nichts. Michael Pahl, der neue Achimer SPD-Vorsitzende, hat erst jetzt im Gespräch mit dem Achimer Kreisblatt bekräftigt, dass seine Partei für eine wohnortnahe Versorgung stehe. Da passe nicht ein Mega-Verbrauchermarkt dazu, der die Märkte in der Marktpassage und in den Ortsteilen bedrohe.

In der FDP sind die Meinungen zur Frage sehr geteilt, wie ihr Vorsitzender Hans Baum uns verrät.

Lediglich die CDU bekennt sich zu dem Fachmarktzentrum plus Lebensmittelmarkt und hatte in früheren Jahren sogar schon einmal einem Factory-outlet-Center dort das Wort geredet.

Die Ratsmehrheit und die Stadtverwaltung hatten bisher die Innenstadt planerisch und wirklichkeitsfremd am Gieschen-Kreisel enden lassen und die Stärkung dieses Fußgängerzonenbereichs zur obersten Priorität erklärt.

Das mögliche Achimer Einkaufszentrum in der Animation.

Seit einige Monaten befindet sich die Stadt aber auch in einem Entwicklungsprogramm von Bund, Land und Stadt für das ganze Bahnhofsgebiet einschließlich der Ankerfläche von Lieken. Von den 4,3 Millionen Euro dieses Programms trägt die Stadt ein Drittel. In dem neuen Rahmenplan für das Bahnhofsgebiet ist ein Verbrauchermarkt allerdings nicht vorgesehen. Das möchten Karl Will und Peter Skrabs durch viel Überzeugungsarbeit aber noch bis Mitte nächsten Jahres ändern, und sie setzen auch darauf, dass sich nach der Stadtratswahl am 11. September die politischen Mehrheiten in Achim noch ändern könnten.

Vorher schon ist man mit der Spitze der Stadtverwaltung und der Planungsgruppe fürs Bahnhofsviertel in freundlichen Gesprächen, wie uns versichert wird.

So ist zu erfahren, dass W&S ihr ursprüngliches Konzept schon modifiziert haben und Alternativentwürfe vorgelegt haben, die weniger Verbrauchermarkt und mehr Wohnungen vorsehen. Mehr Wohnungen könnten für die Stadt aber auch mehr Krippen- und Kindergartenplätze, mehr Schüler bedeuten.

Für die in vielen Städten erfolgreiche W&S-Gruppe ist nach den Worten von Peter Skrabs entscheidend, dass ihre Investitionen sich rechnen und nicht in den Sand gesetzt werden. Weder Verbrauchermarkt noch Büros oder Wohnungen werde man ins Blaue hinein schaffen. Skrabs deutet dabei auch Kompromissbereitswchaft bei der Größe des Verbrauchermarktes an, der aber ein Verbrauchermarkt bleiben müsse. Das bedeutet laut Definition, er muss mindestens 2500 Quadratmeter Verkaufsfläche haben.

Im Gespräch mit dem Kreisblatt bezeichnet Peter Skrabs Gerüchte, die beiden Herren mit den Anfangsbuchstaben W und S könnten bald vom Lieken-Konzern die 2017 auslaufenden Verfügungsrechte über das Grundstück entzogen bekommen und die Stadt könnte dann freie Hand bekommen, als „absoluten Quatsch“.

Im Gegenteil: Will und Skrabs werden in diesem Herbst noch die gesamte Achimer Fläche von Lieken kaufen, kündigen sie an, und die Stadt wird sich mit den Eigentümern dieses Schlüsselgrundstücks in Bahnhofsnähe dann irgendwie arrangieren müssen, wenn sie nicht mitten in Achim eine museumsreife Industriebrache behalten will.

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