Feierstunde der Fachstelle Sucht und Suchtprävention

Vernebelte Lebens-Sehnsucht

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Einrichtungsleiterin Heike Gronewold interviewte Pastor i.R. Jürgen Sonnenberg zu den Anfängen der Achimer Fachstelle.

Achim - Eine engagierte Debatte führte der deutsche Bundestag im vergangenen Jahr über selbstbestimmtes Sterben und damit um die Frage, ob und wie der Staat Sterbehilfe neu regeln sollte. „Aber wann reden wir ähnlich engagiert über selbstbestimmtes Leben?“, fragte die Bremer Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Annelie Keil in ihrem Festvortrag zum 25-jährigen Bestehen der Fachstelle Sucht und Suchtprävention Achim des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Verden.

Im Achimer Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) sprach sie am Dienstag zum Thema „Selbstbestimmt leben und der Sehnsucht einen Ort geben“. Als Laudatoren betätigten sich auch Landrat Peter Bohlmann, Achims Bürgermeister Rainer Ditzfeld und die Posthauser Pastorin Constanze Ulbrich. Bohlmann nannte die Achimer Beratungsstelle „ein Beispiel fortschrittlicher Sozialpolitik“. Ditzfeld hob hervor, dass sie den Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen ermögliche.

Annelie Keil gratulierte zur Silberhochzeit – und wie Eheleute habe auch die Suchtstelle viele Höhen und Tiefen durchlebt. Ein Generationenwechsel sei nicht nur im Team und bei den Klienten, sondern auch in den Theorien über Sucht passiert.

Zum 25-jährigen Bestehen der Achimer Fachstelle für Sucht und Suchtprävention sprach die Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil über das Verhältnis von Sucht und Sehnsucht.

Sie schlug einen Bogen von Donald Trump, dem Erfolgssüchtigen („Mit dieser Sucht kann man US-Präsident werden“), über die Narkotraffikanten Kolumbiens bis hin zum heroin- und kokainsüchtigen Arzt, der glaubt, sein Arbeitspensum ohne die Droge nicht schaffen zu können.

Es sei nicht vorhersehbar, ob jemand trotz langjähriger Abstinenz wieder zur Abhängigkeit zurückkehre. Keil, die auch selbst in der Suchtberatung tätig war, beschrieb diese Arbeit als komplexe und daher begrenzte Materie: „Die, die es nicht schaffen, sind nicht unsere Niederlagen. Denn Menschen sind keine logischen, sondern lebendige Beispiele des Lebens.“ Süchtige Menschen seien mehr als ihre Sucht.

Gleich einem Archäologen müsse die Suchttherapie „alles Schicht für Schicht durchleuchten“ und Risse oder falsches Material aufspüren. Zudem erinnerte sie daran, wie kompliziert es für Betroffene sei, Hilfe anzunehmen. Denn das Streben nach Autonomie sei im Kleinkind genauso wie im Greis verankert. Beide sagten mit Überzeugung „das kann ich schon (oder wahlweise noch) alleine“.

Wie Kaugummi zerkaut, getreten und entsorgt

Oft könne der Süchtige selbst am Besten erklären, warum er zur Droge greife – seien es Tabletten, Alkohol oder illegale Substanzen. Viele beschrieben, wie sie „den Nebel schätzen lernten“. Biografien mit vielen Brüchen stehen meist dahinter. Dazu zitierte Annelie Keil ein Gedicht, das der zwölfjährige Mark in der Kinderpsychiatrie schrieb. Seit der Geburt fühle er sich wie ein Kaugummi, das zerkaut und mit Füßen getreten, schließlich in der Mülltonne landet. Statt Suchtkranke, wie mit den Schockbildern auf Zigarettenpackungen, auszugrenzen, plädierte Keil für eine Kultur des Zuhörens.

In diese Richtung ging auch die Arbeit des Achimer Pastors Jürgen Sonnenberg (i.R.), der vor 25 Jahren die Achimer Dienststelle der Suchtberatung aufbaute und lange Zeit leitete. Heike Gronewold, seit April 2015 Fachstellenleiterin, ließ Sonnenberg in Interviewform die Anfänge Revue passieren. Sonnenberg war durch seine Arbeit mit den Anonymen Alkoholikern in die Thematik eingestiegen. 

„Und in Achim herrschte teilweise mehr Bedarf als in Verden“, so der Pastor. Zunächst wurde an der Langenstraße 2 nur Grundversorgung, dann psychosoziale Betreuung und Prävention angeboten. In den 90er-Jahren war Achim im Bundesgebiet die dritte anerkannte Stelle, die Süchtige nach der Therapie betreute. Sonnenberg, der keine Ausbildung als Therapeut hat, gab die Verantwortung für die Fachstelle 2002 ab und in die Hände einer Fachkraft.

Gronewold sprach über die aktuellen Projekte, vom Programm „Kiga Fit“, das Kinder suchtkranker Eltern unterstützt, dem Mediensuchtprojekt „Klick’ dich ins Leben“, der für Februar 2017 geplanten Ausstellung „Klang meines Körpers“, in der Jugendliche von ihrer Ess-Störung erzählen und Suchtbehandlung mit Akupunktur. 

Neben Rauchentwöhnungskursen sind für 2016 Kurse in progressiver Muskelentspannung und Stressbewältigung geplant. Im Oktober gestartet ist ein neues Angebot für ambulant betreutes Wohnen. Und als Geburtstagswunsch formulierte Gronewold noch, dass sie gerne ein Angebot für Arbeit und Beschäftigung schaffen möchte.

ldu

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