Achimer SPD feiert 150. Geburtstag und unterstreicht ihre unveränderten Grundwerte

„Sozialdemokrat zu sein, ist eine Lebensauffassung“

Junger und alter Sozialdemokrat. Michael Pahl überreichte dem gerührten Karl Ravens (re.) die „Ehrenmedaille Willy Brandt“.

Achim - Von Manfred Brodt. „Für mich ist , Sozialdemokrat zu sein, eine Lebensauffassung“, sagt der 89-jährige Karl Ravens am Ende einer langen Feier zum 150. Geburtstag der Achimer SPD im vollen Saal des Kulturhauses Alter Schützenhof. Nicht nur, weil er allen damit aus der Seele gesprochen hatte, erhoben sich am Montagabend alle zu Ehren des aus Achim stammenden früheren Kanzleramtsstaatssekretärs Willy Brandts und Bauministers unter Helmut Schmidt.

Das sozialdemokratische Urgestein Ravens war an diesem Abend die Personifizierung der sozialdemokratischen Tradition. Atemlose Stille im Saal, als er die depressiven Stunden Willy Brandts vor seinem Rücktritt als Kanzler wegen eines DDR-Spions und in Bonn gesponnener Intrigen schilderte. Die Brandt-Gefährten Ravens und Egon Bahr weinten damals und tranken zusammen Schnaps. „Die Flasche war leer, aber wir nicht voll. So tief war der Schmerz.“

Stephan Weil: Vor 150 Jahren Partei gegründet, um die Würde der Menschen zu verbessern. - Fotos: Brodt

Auf die Seele der SPD war auch Festredner Ministerpräsident Stephan Weil eingegangen, der bei Fahrten zu und von der Beerdigung Helmut Schmidts wiederum von Karl Ravens erfahren hatte, wie hier die SPD vor 150 Jahren gegründet worden war. Als in Osterholz ein Gendarm einen der Zigarrenarbeiter, die damals die neue sozialistische Arbeiterbewegung aus der Taufe hoben, verhörte, was sie wollten, hatte der geantwortet: „Die Würde und die Lebensbedingungen aller Menschen verbessern.“

Dabei ist es laut Weil in der Partei, die in ihrem Alter nur noch von der Kirche übertroffen werde, geblieben mit den Grundwerten Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden. Der Ministerpräsident ließ zwar anklingen, dass die SPD den Faktor Arbeit heute mehr beachten müsse, begab sich ansonsten aber nicht in die Niederungen der Tagespolitik. Wenn die SPD sich auf ihre Prinzipien besinne, sei das sozialdemokratische Zeitalter noch lange nicht vorbei, war er sich sicher. Allerdings, so der Minsterpräsident den französischen Sozialisten Jean Jaurès zitierend, Tradition bedeute nicht, die Asche zu bewahren, sondern die Glut zu entfachen.

Wie auch früher komme es heute darauf an, Deutschland vor den Angstmachern und Miesmachern zu schützen, die keine Rezepte hätten.

In diese Richtung hatte auch der neue Achimer SPD-Vorsitzende Michael Pahl bei seiner Begrüßung gezielt. Die rechtspopulistische Bewegung voller Hass und Fremdenfeindlichkeit sollte nicht dämonisiert, sondern entlarvt und demaskiert werden, wünschte er sich. „Die SPD ist die einzige Partei, die hier zu 100 Prozent verlässlich ist“, spannte Pahl den geschichtlichen Bogen.

In vergangene Jahrhunderte begab sich auch Landrat Peter Bohlmann, der die linken, besonders in Achim beheimateten Zigarrenarbeiter erwähnte, durch die der Weserort von 1848 bis 1871 seine Einwohnerzahl von 1300 auf 3000 mehr als verdoppelt habe.

Bohlmann hatte auch ins Protokollbuch der SPD geschaut: Am 10. April 1933, einen Monat nach dem nationalsozialistischen Ermächtigungsgesetz, hatte die Achimer SPD ihre letzte Mitgliederversammlung in der braunen Diktatur gehabt. Am 10. Mai 1945 „nach zwölf Jahren und einem Monat schlimmster Nazidiktatur hatten sich die Mitglieder wieder zusammengefunden“, wie der damalige Schriftführer und spätere Bierdener Bürgermeister und Landtagsabgeordnete Martin Brüns schrieb.

Landtagsabgeordneter und vor allem auch Achimer Bürgermeister von 1968 bis 2006 war Christoph Rippich, heute Ehrenbürgermeister Achims. Er erinnerte an die Integration von 15 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen, einer davon er selbst, nach dem Zweiten Weltkrieg und an frühere Zeiten der Menschlichkeit und Solidarität, als sich zum Beispiel die sozialdemokratischen Ratsmitglieder regelmäßig zu ihren Geburtstagen trafen. Rippich, kein Parteisoldat, zu seinen Genossen: „Erst kommt der Mensch, dann der Staat und dann die Partei.“

Gratulationen von Bürgermeister Rainer Ditzfeld und der Bundestagsabgeordneten Christina Jantz-Herrmann, eine von Christiane Knof-Grotevent, Petra Geisler und Edith Bielefeld geschaffene, sehenswerte Ausstellung zu 150 Jahren Achimer SPD sowie die flotte musikalische Unterhaltung durch die Band „Nervous Finger“ rundeten die Geburtstagsfeier der „alten Dame SPD“ ab, der viele Vertreter Achimer Parteien, Vereine, Verbände und Institutionen beiwohnten.

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