Die Familien Mehi und Haidar sind aus dem Nordirak geflohen und in Martfeld gelandet: Ein Besuch bei den neuen Nachbarn

Pfirsich statt trocken Brot

Ein Distrikt in Trümmern: Der Islamische Staat hat die frühere Jesiden-Hochburg Sindschar im Norden Iraks zerstört. Die Familien Mehi und Haidar, die heute in Martfeld wohnen, haben beim Völkermord im August 2014 ihr Zuhause, viele Verwandte und Freunde verloren. In Deutschland hoffen sie auf ein friedliches Leben. - Foto: imago

Martfeld - Von Mareike Hahn. Es kommt ihm vor, als wäre das alles gestern passiert. Wenn Khedr Haidar über seine Erlebnisse am 3. August 2014 spricht, dann vergisst er manchmal, dass er und seine Frau und seine Kinder sich heute in Sicherheit befinden. Zu präsent sind die Bilder. Er sieht Kämpfer des Islamischen Staats (IS), die auf seine Verwandten, Freunde und Nachbarn in Sindschar im Norden Iraks schießen. Er sieht Tod, Blut, Hass.

Zwei Jahre später, 4 000 Kilometer nördlich, in Martfeld: Die Sonne scheint, zwei Familien sitzen um einen Gartentisch herum auf einer Terrasse. Apfel- und Pfirsichstücke liegen frisch geschnitten auf zehn Tellern. Vögel zwitschern. Doch auch in dieser Dorfidylle bleiben die Erinnerungen. „Unsere Köpfe sind voll“, sagt der 31-jährige Khedr Haidar.

Naif und Gazal Mehi nicken. Sie wissen, wovon ihr Nachbar spricht. Die zwei Familien kennen sich erst seit Kurzem, teilen aber dasselbe Schicksal. Sie flohen vor dem Völkermord an ihrer Ethnie, den Jesiden. Zu Dreizehnt sind die Mehis aufgebrochen, Gazals Vater starb unterwegs, als er von einem Esel fiel.

Beide Familienväter haben früher in der Landwirtschaft gearbeitet, Schafe gezüchtet und Gemüse angebaut. Khedr Haidar betrieb zusätzlich einen Kiosk, Naif Mehi einen Laden. Er verkaufte Essen und Spielsachen, reparierte Handys. „Ich habe vieles gemacht.“ Vieles, das heißt auch: Dienst in der Armee. Nach dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein 2003 wollte Naif Mehi als Sanitäter helfen, sein Land in eine friedliche Zukunft zu führen. Er bezahlte sein Engagement teuer. Vor elf Jahren geriet er im Einsatz in eine Sprengfalle. Der linke Oberschenkel und der rechte Zeigefinger mussten amputiert werden, am ganzen Körper erlitt er Splitterverletzungen. Das linke Bein wurde durch eine Prothese ersetzt. Das rechte konnte gerettet werden, ist aber steif und schmerzt bis heute. Zwei Jahre war Naif Mehi ans Bett gefesselt, während seine Frau ihn pflegte und die Kinder durchbrachte. Hilfe bekam sie von einigen Verwandten.

Das Leben im 500 000-Einwohner-Distrikt Sindschar war für die Jesiden nie leicht. Übereinstimmend berichten Khedr Haidar und Naif Mehi von Repressalien und Gewalt, die sie wegen ihrer Religion in ihrer muslimisch geprägten Heimat erlebten. Sie benutzen das Wort „Kriegszustände“. „Erst seit wir in Deutschland sind, können wir in Freiheit leben“, sagt Naif Mehi.

Am 14. August 2007 brachten Selbstmordattentäter der Terrororganisation Al-Kaida im Süden Sindschars laut Internetenzyklopädie Wikipedia mehr als 500 Jesiden um und verletzten 1 500, viele davon schwer.

Sieben Jahre später das nächste Massaker: Dschihadisten des IS töteten nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) über 3 000 Männer und entführten mindestens 5 000 Frauen und Kinder als Sexsklaven. Viele Tausend Menschen werden bis heute vermisst. Hunderttausende flüchteten.

Schüsse und Schreie ließen Naif Mehi am 3. August 2014 aufschrecken. „Ich kannte die Geräusche aus der Armee, aber die Frauen und Kinder hatten sie noch nie gehört. Sie waren panisch vor Angst.“ Beim Blick aus dem Haus sah er Tote auf der Straße liegen, viele Tote. Der Familienvater und seine Frau Gazal reagierten sofort, packten das Allernötigste zusammen. Nachbarn nahmen ihre zehn Kinder im Auto mit und fuhren sofort los, in die nahegelegenen Berge. Für die Eltern war kein Platz mehr im Wagen.

Drei Kilometer legten Naif Mehi und seine Ehefrau zu Fuß zurück, schätzt er. IS-Terroristen schossen auf sie, trafen aber nicht. „Wir hatten Engel.“ Dann hielt ein fremdes Auto, die beiden quetschten sich in den Kofferraum und gelangten so in die Berge. Sechs bange Tage später fanden sie dort ihre Kinder. „Mein kleiner Sohn hat geweint. Er meinte, er braucht unbedingt Brot. Nur ein kleines Stück, sonst würde er sterben. Aber wir hatten kein Brot.“ Ein anderer jesidischer Flüchtling fand schließlich einen trockenen Kanten, eigentlich für Tiere gedacht, brach ihn und verteilte ihn an die Kinder. Für die Erwachsenen blieb nichts übrig.

Alle Töchter und Söhne von Naif und Gazal Mehi, heute zwischen vier und 21 Jahre alt, überlebten. Viele andere Kinder sahen sie sterben. Im steinigen Gebirge gab es keine Möglichkeit, die Toten zu beerdigen, ein paar Steine mussten als Grab reichen.

Hitze am Tag, Kälte in der Nacht, Hunger und Durst: Das erlebten auch die Haidars. Neun Tage verbrachten sie in den Bergen. „Nachts haben wir Eltern unsere Kleidung ausgezogen und unsere Kinder damit zugedeckt, weil sie so froren“, sagt der Familienvater. Auch seine drei Kinder, mittlerweile zwei bis fünf Jahre, überstanden die Tortur.

Khedr Haidars Großvater hingegen fiel den Terroristen zum Opfer. „Der IS hat ihn erst geköpft und dann verbrannt.“ 27 Verwandte seien verschwunden, erklärt der 31-Jährige. „Keiner weiß, was mit ihnen passiert ist. Wir glauben, dass die Männer tot sind, aber die Frauen und Mädchen vielleicht noch leben.“

Khedr Haidar unterbricht seine Erzählung. Auf der Terrasse wird es ruhig. Selbst die Kinder sagen nichts, die Vögel sind verstummt. Eine unangenehme Stille liegt in der Luft. Der Martfelder Thomas Rakowski, ein guter Freund der Familien, findet als erster wieder Worte. „Wir sollten jetzt über etwas Positives sprechen“, sagt er. „Wie habt ihr es geschafft, aus dem Irak zu flüchten?“

Khedr Haidar lehnt sich zurück und fährt mit seiner Erzählung fort. Den Weg aus den unter Beschuss stehenden Bergen ebneten die kurdischen Kampfgruppen PKK und YPG. Ein lebensgefährliches Unterfangen. „Plötzlich schossen die IS-Kämpfer auch aus der Luft, und wir rannten los“, sagt Khedr Haidar. „Aber das bisschen Brot, das wir ergattert hatten, lag noch auf einem Felsen. Die anderen sagten: ,Du kannst nicht zurücklaufen‘. Doch ich konnte das Brot nicht liegen lassen. In dem Moment, als ich es nahm, schoss ein Helikopter von oben. Durch die Explosion bin ich 15 Meter weit geflogen. Gott sei Dank hat der Schuss den Felsen nur an der Seite getroffen. Sonst wäre ich jetzt tot.“

Die Strapazen waren noch nicht überstanden. Es folgten Monate auf der Flucht, weite Wege zu Fuß, in Zügen, Bussen und auf Lkw-Ladeflächen.

Beide Familien gelangten mithilfe von Schleppern vom Sindschar-Gebirge nach Syrien, wieder zurück in den Nordirak und dann in die Türkei. Dort stiegen sie schließlich in ein Schlauchboot und fuhren in eine Zukunft voller Hoffnung – nach Griechenland. Von dort ging es weiter nach Deutschland.

Als sich Naif und Gazal Mehi mit ihren Kindern zu Fuß in den nordirakischen Bergen in Bewegung setzten, kamen sie wegen Naifs Handicap nur langsam voran. Einer seiner Söhne schaffte es, einen Esel aufzutreiben. Auch Gazals geschwächter Vater saß während der Reise zeitweise auf dem Rücken des Tiers. „Es ging ihm nicht gut, weil er keine Medikamente mehr hatte. Er ist runtergefallen und hat sich den Rücken gebrochen.“

In der Türkei harrten die Mehis ein Jahr lang in einem Flüchtlingscamp aus. Umgerechnet 10 000 Euro hat sie die gesamte Flucht gekostet, ihre neuen Nachbarn zahlten 12 000 Euro. Wer überleben wollte, brauchte Glück und Geld. Die Familien Mehi und Haidar hatten beides. Verwandte halfen ihnen, die Flucht zu finanzieren.

Im Februar dieses Jahres kamen die jesidischen Familien nach Martfeld. Seitdem wohnen sie nebeneinander in zwei durch Garagen getrennten Häusern. Richtig angekommen sind sie aber bis heute nicht. Immer wieder bringt die Erinnerung sie zurück in ihre Heimat. Dem Völkermord sind sie entkommen, aber die Angst ist bei ihnen geblieben. Besonders schlimm ist es, wenn sie von Terroranschlägen in Deutschland hören. Naif Mehi: „Wir haben Angst, was der IS hier noch tun wird.“

Thomas Rakowski probiert, die Jesiden zu beruhigen. „Ich sage immer: Im Irak ist viel Krieg“, erklärt er und spreizt kurz Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand. „Und in Deutschland ist nur ganz wenig Krieg. Ihr seid hier sicher, genau wie die Deutschen.“

Naif Mehi nickt und nimmt sich ein Stück Pfirsich. Die Teller sind noch fast vollständig gefüllt. Khedr Haidar lächelt. „In Deutschland haben wir Menschlichkeit erfahren. Die Menschen hier tun uns nichts, sie geben uns zu essen und zu trinken. Hier haben wir alles.“ Naif Mehi sagt: „Die Deutschen haben Herz und Seele.“

Die zwei Familien haben Asylanträge gestellt und hoffen, für immer hier bleiben zu dürfen. Die Stadt Sindschar wurde zwar vor gut einem halben Jahr vom IS befreit, liegt aber in Trümmern. Wenige Kilometer weiter südlich verläuft nach Informationen der Wochenzeitung „Die Zeit“ die Front, an der kurdische und irakische Soldaten gegen die Dschihadisten kämpfen. Ihre im Irak gebliebenen Verwandten erzählen den Mehis und Haidars von Massengräbern, von Entführungen und Überfällen.

Selbst wenn in ihrer Heimat irgendwann Frieden herrschen sollte, möchten die Neu-Martfelder niemals zurückkehren. Das einzige, was sie vermissen, sind ihre Verwandten. Sie hoffen, die Zurückgebliebenen irgendwann in Deutschland in die Arme schließen zu können.

Naif Mehi würde für die Deutschen sein Leben lassen, so dankbar ist er, dass sie ihn und seine Familie aufgenommen, gerettet haben: „Ich kann das nie wieder gutmachen. Ich würde sogar in der Bundeswehr für Deutschland kämpfen. Selbst wenn ich dabei sterben müsste – das wäre es mir wert.“

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