Besuch in Achims lettischer Partnerstadt / Von Kreuzrittern bis russischem Rockstar

Leichter Aufschwung in Cesis

Blick vom 48 Meter hohen Turm auf die Ordensburg, Burggarten und die wunderbare Landschaft in Sigulda. Für Wintersportler gibts in der Nähe auch eine Bobbahn.

Achim - Von Manfred Brodt. Es ist Samstag 9 Uhr, und der Bürgermeister des lettischen Cesis, Janis Rosenberg, steht den Besuchern aus Achim und umzu des Partnerschaftsvereins Achim-Cesis für ein informatives Gespräch zur Verfügung. Er berichtet von Höhen und Tiefen seiner Stadt, die wie das ganze Land wieder eine noch relativ kurze Periode der Unabhängigkeit und Freiheit hat und um diese angesichts der weltpolitischen Entwicklungen bangt.

Die Burgruine und das Schloss. Die Burg des Ordens der Schwertbrüder war gesprengt worden, damit sie nicht „Iwan dem Schrecklichen“ in die Hände fiel, wurde später wiederaufgebaut, um dann in einem späteren Krieg wieder zerstört zu werden.

Gravierender als die allgegenwärtige Bedrohung durch Russland war in den letzten Jahren allerdings das Platzen der internationalen Finanzblase, das in Lettland viele Firmen zusammenbrechen, die Arbeitslosigkeit auf Höchststände treiben ließ und auch Gutverdienende zum Leben weit unter deutschem Sozialhilfeniveau zwang. Viele Letten kehrten dem Land so den Rücken. Die Talsohle scheint nun durchschritten und ein zarter Aufschwung sich zu vollziehen.

Wie ein Stuhl, sagt der Bürgermeister, muss auch Cesis auf mindestens drei Beinen stehen: Produktion, Kultur und Tourismus.

Zum Produktionssektor zählen die älteste und größte Brauerei Lettlands, die Herstellung von Lebensmitteln wie Honig und von Trinkwasser oder auch die Holzverarbeitung.

Bei möglichen Betriebsansiedlungen achtet Achims Partnerstadt allerdings schon auf Umweltauswirkungen. Eine Firma, die Reifen oder Müll verbrennt, wolle man nicht, unterstreicht der Rathauschef. .

Die Achimer Besuchergruppe an der Nachtwächterskulptur in Cesis. - Fotos: Brodt

Die Produktion ist auch in dem kleinen baltischen Staat längst digitalisiert und so spielt die Informationstechnologie eine große Rolle.Die Technische Universität Riga hat in der 90 Kilometer entfernten Kleinstadt eine Außenstelle. Viel wird in Heimarbeit über Smartphone, Laptop und PC erledigt. Auch Besitzer von Geschäften in Riga können so von Cesis aus operieren. Für die digitalen Heimarbeiter hat die Stadt extra ein Haus zur Schulung und Fortbildung geschaffen.

Bessere Schnellzugverbindungen nach Riga könnten zusätzlich den Arbeitsmarkt beleben, in dem Ort, der schon lange an der Strecke Riga-St. Petersburg liegt.

Bei den Standbeinen Kultur und Tourismus hat die waldreiche Stadt an der Gauja mit der Ruine der Burg der Deutschen Kreuzritter des Schwertbrüderordens, dem Schloss mit Landeskundemuseum, Schlosspark und Freilichtbühne, der Johanniskirche, einer russisch-orthodoxen Kirche, dem neuen Kulturhaus oder auch dem großartigen Konzerthaus eine Menge zu bieten..

Cesis gilt schließlich neben Riga als Kulturhauptstadt Lettlands, wozu insbesondere die Chöre und Künstler beitragen.

Wiedersehen zwischen Erhard und Gudrun Wiedwald (außen) sowie Dzintars und Anita Kurmis. Er war Trainer bei der SG Achim/Baden und wurde dann lettischer Nationaltrainer. Er grüßt Achim.

Generell ist es dennoch ein karges Leben, das man hier führt. Probleme sieht der 39 Jahre junge Bürgermeister, Spross einer berühmten Künstlerfamilie, Absolvent und Dozent einer Verwaltungsfachschule, insbesondere im Gesundheitswesen, wo es zu viele kleine und unwirtschaftliche Krankenhäuser gebe. Allerdings hat jetzt eine nicht alte, aber reiche Dame vier Millionen Euro in eine Holzhaussiedlung gesteckt, um ein neues Gesundheitszentrum zu schaffen. Da sie gleichzeitig eine bekannte Verlegerin mit zehn Zeitschriften in Lettland ist, verspricht man sich so auch gutes Marketing für die Stadt..

Unter den Reichen, die gerade in jüngster Zeit in verfallende Häuser des landschaftlich reizvollen Ortes investieren, sind erstaunlicherweise auch etliche Chinesen.

Cesis mit seinen 17 000 Einwohnern ist durch die Verwaltungsreform größer geworden, was den Bürgermeister aber gar nicht in helle Freude versetzt. Hinzugekommen ist das kleine, dünn besiedelte, ländliche Vaive, für das die Verwaltungsangelegenheiten miterledigt werden müssen, das aber keine Wirtschaftskraft und Einnahmen bringt. Cesis Wunsch, Kreisstadt (wieder) zu werden, ist an der zu geringen Einwohnerzahl gescheitert und so schaut man neidisch auf das benachbarte Sigulda, Partnerstadt von Stuhr, und hofft auf die nächste Verwaltungsreform.

Schließlich ist der Ort finanziell nicht auf Rosen gebettet, leistet sich modernste Kindergärten, Schulen, Sporthallen, Kulturzentren und Ortskernsanierung, nachdem in der russischen Zeit nur wenig Geld in die Infrastruktur floss. Dass Cesis´ Verschuldung „nur“ bei 20 Millionen Euro, doppelt so hoch wie in Achim, liegt, ist nur dank der 75-Prozent- Zuschüsse der EU möglich, die die Balten an den Westen binden will.

Während Riga in leichter Übertreibung nach wie vor als russische Stadt gilt, besitzt jeder Achte in Cesis nicht die lettische Staatsbürgerschaft, ist ein Russe, Ukrainer oder Angehöriger einer anderen Nation.

Russisch ist offiziell als Amtssprache verboten, wird aber, wie uns berichtet wird, in Verwaltungen und Betrieben noch gesprochen und könne sehr hilfreich oder sogar Voraussetzung zum Beispiel bei Einstellungen sein.

Das aktuelle Flüchtlingsproblem kennen die Letten kaum. Alle, die nach Lettland gekommen seien, wollten schnell weiter nach Skandinavien, berichtet der Bürgermeister, weil sie dort viel besser leben könnten.

Das Gespräch mit dem Kompetenz ausstrahlenden Bürgermeister war nur einer von vielen Programmpunkten des Ausflugs an einem verlängerten Wochenende, der eher einem hochinteressanten Wochenendseminar glich. Die Achimer Besucher kletterten so unter anderem auch in die Tiefen eines sowjetischen Atombunkers für die heimische Politelite, der durch eine Pseudo-Kuranstalt getarnt war, besuchten das Münchhausen-Museum und erlebten zum Finale in Cesis‘ „kleiner Semper-Oper“ den Auftritt des russichen Rockidols Boris Grebenschtischikov mit seinem Orchester, ein eindrucksvolles Musikerlebnis aus Pop und Klassik.

Alle freuen sich jetzt schon, dass im nächsten Jahr in Achim die 25-jährige Partnerschaft mit der lettischen Kleinstadt gefeiert wird.

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