Alltäglicher Rassismus: „Mo und die Arier“

Herzlose mit Freundlichkeit entwaffnen

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Mo Asumang hinterließ in der Stadtbibliothek viel Nachdenklichkeit. 

Achim - Von Ingo Schmidt. Manche nennen es Rassismus, andere sagen Fremdenfeindlichkeit oder einfach nur Mobbing - Von Ingo Schmidt. am Ende ist es immer dasselbe: Aus unterschiedlichen Beweggründen heraus wollen Menschen andere klein machen, ihnen das Selbstbewusstsein rauben oder sogar das Leben. In einem wagemutigen Experiment war Mo Asumang in niederträchtige Abgründe hinab getaucht, um Licht zu entfachen und Auswege zu suchen.

Die Lesung am Dienstag in der Stadtbibliothek bildete den Abschluss einer ganzen Vortragsreihe innerhalb der vergangenen Tage in Schulen dieser Region in Kooperation mit dem Weser-Aller-Bündnis: Engagiert für Demokratie und Zivilcourage (Wabe).

Deutschlands erste afro-deutsche TV-Moderatorin berichtete über ihre Erfahrungen und Erlebnisse, wobei sie stets das Gespräch mit dem Publikum einforderte. Passagen ihres Buches dienten dem Einstieg in eine lebendige Unterredung: Sie forderte ihre etwa 50 Zuhörer auf, mit den Händen über das eigene Gesicht zu streichen und sich vorzustellen, sie seien nun schwarz. Anschließend fragte sie: „Würden Sie sich nun mit einem Neonazi unterhalten?“

Eine Mordandrohung in einem Neonazi-Lied entzog Mo Asumang den Boden unter den Füßen. Tatsächlich war dies aber nur der Gipfel zahlreicher Anfeindungen und Angriffe seit ihrer Jugend. Diese bewegten sie dazu aktiv zu werden, um der Bedrohung etwas entgegen zu setzen. Um Ursachen zu ergründen besuchte sie Neonazi-Aufmärsche, Dating-Portale oder den Klu-Klux-Klan in den USA. Dabei wählte sie den offenen Dialog mit Rassisten und Rechtspopulisten, aber immer ohne Konfrontation und stets freundlich. „Ich sehe unsere Gesellschaft wie eine Familie“, erklärt die 53-jährige Autorin. „Wenn es Probleme gibt, dann müssen wir darüber reden.“ Davon handelt ihr Filmprojekt „Mo und die Arier“ und ihr gleichnamiges Buch.

Sie erkannte, dass viele Rassisten gar nicht so stark seien, wie sie glauben machen. „Oft haben diese Menschen noch nie mit einer Farbigen gesprochen“, berichtet die Autorin, „und freundliches Auftreten verunsichert sie.“ Mo Asumang unterscheidet zwischen Mitläufern, Schläger-Brutalos und Anführern. Letztere seien es, die aus persönlichen Beweggründen die Ängste und das Unglück anderer heraufbeschwören und sie mit Parolen darin gefangen halten. Sie wollen Menschen verunsichern und für eigene Zwecke vereinnahmen, und dafür bieten sie einfache Antworten auf existentielle Fragen. Ihr Konzept: Menschen aus der Fassung bringen und wütend machen. Diese Anführer polarisieren und teilen als kleine Minderheit eine ganze Gesellschaft in „dafür oder dagegen“.

So stehe beispielsweise plötzlich nur das Flüchtlingsthema im Mittelpunkt, viele andere wichtige Themen gerieten in den Hintergrund. „Wir müssen Themenvielfalt zurück gewinnen“, lautet deshalb eine Forderung. „Die Menschen geraten in einen Sumpf und kommen da nicht mehr heraus“, erklärt die Berlinerin, „diesen Menschen müssen wir eine Tür öffnen.“ Rassisten seien oft herzlose Menschen, aber intelligent. Indem wir uns auf Augenhöhe auf sie zubewegen und Offenherzigkeit vorleben, könnten wir den Kreislauf von Wut, Hass und Gewalt durchbrechen.

„Heute müssen wir auf diese Menschen mutig zugehen, bevor es mehr werden und sie sich in ihrem Parallel-Universum verlieren“, sagt Mo Asumang. Einfache Fragen sollen dabei helfen: Wann hat das denn begonnen, dass Sie sich Sorgen machen mussten? Was ist denn jetzt anders für Sie, seit die Flüchtlinge da sind? „Die Menschen wollen Sicherheit, aber Abspaltung und Extremismus schaffen keine Sicherheit“, dies müsse man deutlich sagen.

Ob sie Angst habe, fragte eine Zuhörerin? Nein, sie habe sehr viele Rassisten kennengelernt und sei deshalb inzwischen ruhiger geworden. Mit ihren Erzählungen liefert Mo Asumang einen bestürzenden Blick in die rechte Szene und gleichzeitig ein Mut machendes und mitreißendes Beispiel, wie man selbst eigene Ängste überwinden kann und sich zur Wehr setzt. Und nach zwei Stunden waren tatsächlich viele Besucher bereit, sich mit Rassisten zu unterhalten.

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