Hermann Bartelt: „Trainiert, indoktriniert, durch den Wolf gedreht und zerfetzt“

Ergreifende Erinnerungen eines Hitlerjungen

Hermann Bartelts präsentiert faszinierende Erinnerungen.
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Hermann Bartelts präsentiert faszinierende Erinnerungen.

Achim - Von Manfred Brodt. Der 83-jährige Achimer Hermann Bartelt ist emeritierter Professor für Kommunal-Politik und in Achim kein Unbekannter auch, weil er als ehemaliger SPD-Ratsherr Anfang der 80er Jahre die Fraktion verließ und einer CDU-Mehrheitsgruppe zu einer neuen historischen Mehrheit im roten Achim verhalf. Aber nicht deshalb referierte er jetzt im Hotel Gieschen während einer Veranstaltung der Achimer Geschichtswerkstatt. Vielmehr berichtete er über seine Zeit als Pimpf und Hitlerjunge in Ostfriesland, im Landkreis Leer.

Ein Gebiet, wie Bartelt sagte, in dem man mit beiden Armen „Heil Hitler“ grüßte, allerdings im katholischen Teil die Nazis kaum ein Bein auf die Erde bekamen. In Bartelts Familie gab es Nazis, eine religiöse Mutter und einen Betriebsratsvorsitzenden als Opa, der vorübergehend auch im Konzentrationslager interniert war.

Motive für die Begeisterung für die Nazis gibt es viele. Bartelt nannte einige: die schmerzende Demütigung durch die Sieger nach dem Ersten Weltkrieg, den Bankrott der Weimarer Demokratie mit der Regierungsunfähigkeit der zerstrittenen Parteien, die Chance für Unqualifizierte, durch die NS-Gesinnung sozial aufzusteigen und Macht über andere Menschen auszuüben. War der SS-Mann linientreu, durfte er im Kreis Leer auch schon einmal ein Verhältnis und Kind mit einer 14-Jährigen haben. Ihm geschah gar nichts, und das Kind kam in den NS-Lebensborn.

Der junge Pimpf und Hitlerjunge war von den Angeboten der Nationalsozialisten fasziniert. Mehrmals traf man sich die Woche, genoss die Gemeinschaft, die Natur, auch bei Sport, körperlicher Ertüchtigung, Zelten und Lagerfeuer, hörte über den Volksempfänger Propagandareden von NS-Größen oder den erstunkenen und erlogenen Bericht der Wehrmacht oder erlebte „Helden des Ersten Weltkriegs“ und SS-Führer. Indoktrination und paramilitärische Ausbildung waren beabsichtigt. Zwar war die Mitgliedschaft in der HJ später Pflicht, aber kaum jemand musste dazu gezwungen werden.

Besonders faszinierend waren für die jungen Leute die Sondereinheiten der Hitlerjugend zum Beispiel für Motor, Marine, Fliegen. Reiten oder Gebirgsjäger. Auch der junge Hermann war begeistert vom Segelfliegen in der Rhön.

Die Nazis wussten, wie wichtig es ist, die Jugend zu gewinnen. Das taten sie, und so distanzierten sich manche Hitlerbuben von ihren Eltern, die noch dem alten demokratischen System nachtrauerten.

„Junge strahlende Helden“ durften in die Eliteeinheit Panzerdivision-HJ. Von 10 000 blieben 600 am Leben. Bartelt: „Trainiert, indoktriniert, durch den Wolf gedreht, zerfetzt und für das System gestorben“

Der ostfriesische Hitlerjunge wusste nach seiner Aussage bis zum Kriegsende nichts von den Gräueln im KZ. Erst als zum Kriegsende Insassen des KZ Esterwegen im Emsland wie Gerippe durch den Ort liefen und Menschen ihnen Brot zuwarfen, habe er das Ausmaß des Grauens begriffen, berichtet Hermann Bartelt unter Tränen.

Er hielt nach dem Krieg Kontakt zu Verfolgten des Naziregimes und half mit, das Bundesverdienstkreuz für einen zum Landrat gewordenen Ex-Nazi zu verhindern, aber geblieben ist bei ihm, der noch seinen HJ-Dolch besitzt und von den Entnazifizierern als „Beteiligter“ eingestuft wurde, doch einiges: Der Hass auf die Bomberpiloten, deren Opfer sie mit dem Spaten ausgraben mussten, und das bei der HJ erworbene handwerkliche Geschick. Und aus dem Hitlerjungen, der mit der Fanfare spielte, ist auch ein gefragter Jazz-Musiker geworden.

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