Haupt- und Realschüler sehen Film „Freistatt“

Drangsal unter Dach der Kirche

Moderator Wolfgang Mundt besprach den Film nach der Vorführung mit den Schülerinnen und Schülern.
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Moderator Wolfgang Mundt besprach den Film nach der Vorführung mit den Schülerinnen und Schülern.

Achim - Harter Stoff, aber ein Stück deutscher Geschichte ist „Freistatt“. Regisseur Marc Brummund erzählt in dem gleichnamigen Kinofilm das erschütternde Los des 14-jährigen Wolfgang, der 1968 in der abgelegenen kirchlichen Fürsorgeanstalt im Kreis Diepholz landet und dort unglaublich drangsaliert wird. Gestern lief „Freistatt“, eine unterhaltsam gestaltete Produktion von 2015 mit dem toll aufspielenden jungen Louis Hofmann in der Hauptrolle, bei den niedersächsischen „Schulkinowochen“ im Kasch, wo die drei neunten Klassen der Achimer Liesel-Anspacher-Hauptschule und die R10a der Realschule Oyten versammelt waren.

Die Schülerinnen und Schüler bekamen zusammen mit ihren Lehrkräften ein Grauen vor Augen geführt, das es so ähnlich tatsächlich in dem von der Diakonie der evangelischen Kirche betriebenen Heim für „schwer erziehbare“ oder elternlose Jugendliche gegeben hat. Denn Brummund orientierte sich bei der Produktion des Films am Schicksal von Wolfgang Rosenkötter, der Anfang der 60er Jahre in Freistatt untergebracht war und der sich bis heute dafür einsetzt, dass Kirche und Staat für die an Körper und Seele Gequälten Wiedergutmachung leisten.

Der Zeitzeuge wollte den Schulklassen im Kasch gestern eigentlich als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Aber er musste einen anderen wichtigen Termin wahrnehmen. Für Rosenkötter leitete Moderator Wolfgang Mundt die Filmbesprechung. Dabei zeigten sich die Schüler weitgehend sprachlos.

Das Heim mit seinen verschlossenen Türen, vergitterten Fenstern und militärischem Drill sei wie ein Gefängnis gewesen, arbeitete Mundt als ein wesentliches Merkmal von „Freistatt“ heraus. „Schwarze Pädagogik“ habe dort vorgeherrscht: Druck, Gewalt, Unterdrückung – „die jungen Menschen sollten geformt, genormt werden“.

Der autoritäre „Oberbruder“, dargestellt von Alexander Held, der die Anstalt seit 25 Jahren leitete, sei in der NS-Zeit ausgebildet worden und dieser Ideologie verhaftet geblieben, stellte Mundt weiter fest. Da nutzte es überhaupt nichts, dass es sich um eine Einrichtung der Kirche handelte, die bekanntlich Nächstenliebe für das höchste christliche Gut hält. Als ein homosexuelles Verhältnis, das ein Heimmitarbeiter mit einem Schützling angefangen hatte, bei der Weihnachtsfeier ans Licht kommt, sagt der Pastor nur: „Und nun singen wir ein Lied.“

Filmheld Wolfgang, der von seinem Stiefvater unter Duldung der Mutter nach Freistatt geschickt worden war, musste nicht nur zusammen mit den anderen Heimbewohnern bis zur Erschöpfung im nahen Moor malochen. Der Rebell mit seinem unbändigen Freiheitsdrang wurde dort zigfach gefoltert, zum Beispiel fast ertränkt und sogar lebendig begraben, um seinen Willen zu brechen.

Bei all dem hat die Kirchenleitung, anders kann man es nicht sagen, konsequent weggeschaut. Mundt: „Das Geschehen wurde tabuisiert.“

„Und warum gibt es erst jetzt, so spät, einen Film darüber?“, wollte ein Schüler wissen. „Eine gute Frage“, lobte der Moderator und antwortete: „Die Aufarbeitung hat gedauert.“

mm

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