Stefan Dohrmann und Lutz Schröder im Interview

„Feuerwehr immer mehr Mädchen für alles“

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Stefan Dohrmann war 16 Jahre lang Ortsbrandmeister in Uesen. Warum er das gemacht hat? „Man muss irgendwie verrückt sein.“

Achim - Von Michael Mix. Stefan Dohrmann und Lutz Schröder haben sich in hervorragender Weise für die Allgemeinheit engagiert. Wenn es im Stadtgebiet brannte oder anderen Alarm gab, übernahmen sie häufig das Kommando. Dohrmann (49), Architekt von Beruf, stand 16 Jahre an der Spitze der Freiwilligen Feuerwehr Uesen. Schröder (41), Disponent in der Feuerwehr- und Rettungsleitstelle des Landkreises Verden, war 15 Jahre Ortsbrandmeister in Baden. Im Interview mit dieser Zeitung berichten die beiden Familienväter, was die ehrenamtlichen Führungsposten für sie bedeutet haben und warum jetzt Schluss damit ist.

Was hat Sie dazu bewogen, das Amt des Ortsbrandmeisters aufzugeben? Sind Sie erleichtert, nach so langer Zeit in dieser Spitzenfunktion nun nicht mehr in der Verantwortung zu stehen?

Dohrmann: Vor zwei Jahren wollte ich bereits aufhören, doch da war der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen. Nun hatte ich im April einen recht heftigen Fahrradunfall, wo ich sehr viel Glück hatte. Aber ich musste die Leitung der Feuerwehr für mehrere Monate an meinen Stellvertreter Hans Hoffmann übertragen. Durch den Unfall habe ich eine andere Sicht auf das Leben erhalten und gemerkt: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um das Amt abzugeben. Rückwirkend merkt man erst, wie zeitintensiv das Amt für die Familie und den Beruf war.

Schröder: Durch einen beruflichen Wechsel wurde es zunehmend schwerer, Familie, Beruf und die Tätigkeit als Ortsbrandmeister unter einen Hut zu bringen. Ich konnte das deutlich an meinen Kindern merken. Hinzu kommt sicherlich eine Amtsmüdigkeit nach so langer Zeit – gerade auf der politischen Ebene stellte ich mir immer öfter die Frage: Warum tue ich mir das eigentlich an? Eine Erleichterung ist deutlich zu spüren. Meine Familie hat mir das bereits mehrfach bestätigt.

Wie sind Sie überhaupt zur Feuerwehr gekommen – über Familienangehörige oder Freunde mit diesem Hobby? Wie alt waren sie damals? Und was hat dazu geführt, dass Sie all die Jahre „bei der Stange“ geblieben sind?

Dohrmann: 1981, als ich 14 Jahre alt war, wurden mehrere Klassenkameraden und ich vom Schulhausmeister und Feuerwehrmann Willy Behnken angesprochen, und ich ging in die Uesener Jugendfeuerwehr. 1991 wurde ich dann Jugendwart und 2000 Ortsbrandmeister.

Schröder: Ich habe 1988 als 13-Jähriger mit einem Freund mal bei einer Übung der Jugendfeuerwehr Baden zugesehen, wurde dort freundlich angesprochen und eingeladen mitzumachen. Wir sind beide noch bis heute dabei. Die Badener Feuerwehr als solches ist schon irgendwie gefühlt etwas besonderes. Es hat vom ersten Tag an Spaß gemacht, die Feuerwehr aktiv mitzugestalten. Alle Mitglieder haben immer hinter mir gestanden und wir haben gemeinsam sehr viel erreicht.

Was hat Sie daran gereizt, eine ehrenamtliche Führungsaufgabe bei der Feuerwehr zu übernehmen? Welche Qualitäten sollte jemand für das Amt des Ortsbrandmeisters mitbringen?

Dohrmann: Als Ortsbrandmeister mit einer starken Wehr konnte man vieles zusammen erreichen, wie zwei Feuerwehrhaus-Erweiterungen und Anschaffungen von Fahrzeugen. Das hatte sein Reiz. Welche Qualitäten man braucht? Ich glaube, man muss auf irgendeine Art verrückt sein!

Lutz Schröder leitete 15 Jahre die etwas größere Stützpunktfeuerwehr Baden. Nun hat er mehr Zeit für die Familie.  

Schröder: 2001 kamen zeitgleich sehr viele große Projekte auf die Ortsfeuerwehr zu. Ich bin da eigentlich eher unter dem Aspekt, einer muss es ja machen, reingerutscht. Heute sollte man sich schon genau überlegen, was einen da so erwarten kann. Sicherlich sollte man viel Fein- und Fingerspitzengefühl mitbringen, gerade der Umgang mit Ehrenamtlichen und die Einstellung zum Ehrenamt hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Man darf sich nicht alles zu Herzen nehmen. Ferner sollte man die Bürotätigkeiten nicht unterschätzen – das macht einen Großteil der Arbeit aus.

Die Tätigkeit bei der Freiwilligen Feuerwehr an sich gilt wegen der zahlreichen Übungsabende und Lehrgänge als zeitintensives Hobby. Als Ortsbrandmeister mussten Sie wahrscheinlich noch sehr viele extra Stunden dranhängen? Wie hoch war der Aufwand? Wie haben Sie es überhaupt geschafft, das neben den Verpflichtungen in Beruf und Familie hinzubekommen?

Dohrmann: Seitdem ich 1991 das Amt des Jugendwartes übernommen hatte, war die Feuerwehr immer präsent und so mussten die Familie und die berufliche Selbstständigkeit oft zurückstecken. Sehr zeitintensiv waren Telefonate zum Organisieren aller Belange.

Schröder: Ich hatte immer sehr große Unterstützung von meinem damaligen Arbeitgeber, dem DRK-Kreisverband Verden. Da ich im Schichtdienst gearbeitet habe, konnte ich viele Termine etwas flexibler planen. Neben den Dienstabenden, Lehrgängen und Besprechungen lag die Haupttätigkeit im Büro. Was den Aufwand angeht: Da hat man nicht wirklich mitgezählt, es dürften aber drei bis fünf Stunden in der Woche gewesen sein, die man nur am Schreibtisch verbracht hat. Im Laufe der Jahre hat sich das gesteigert. Anstrengend fand ich hauptsächlich die Erwartungshaltung von allen, dass der Ortsbrandmeister irgendwie immer erreichbar sein muss. Und immer alles sofort erledigt werden muss. Das hat auch meine Familie so empfunden – kein Tag ohne Anruf, Mail oder Kurznachricht. Und wenn mal nichts ist, löst garantiert der Funkmelder aus.

An welche Einsätze erinnern Sie sich besonders? Gab es dramatische Situationen, vielleicht auch mit ungutem Ausgang? Und Augenblicke, in denen Sie Menschen aus größter Gefahr retten konnten? Die sich dann auch dankbar gezeigt haben?

Dohrmann: Schon lange her, aber sehr prägend war ein Reetdachbrand in Uesen. Die Dankbarkeit der Bürger, zum Beispiel bei Unwettereinsätzen, war immer sehr hoch.

Schröder: Besonders erinnere ich mich an einen Wohnungsbrand neben der Schule im Winter, bei minus 18 Grad. Dabei hatten wir kurzzeitig einen Atemschutznotfall. Ich hatte noch nie in meinen Leben so viel Angst um meine „Jungs“ wie in diesem Moment. Gott sei Dank ist alles gut ausgegangen. 2002 konnten wir erfolgreich eine Person bei einem ausgedehnten Wohnungsbrand aus einem Mehrparteienhaus retten. Die Person hat sich dann zehn Jahre später mal bei mir bedankt.

Wie sehr hat Sie derlei Geschehen belastet? Haben Sie in manchem Fall für die seelische Verarbeitung psychologischen Beistand benötigt?

Dohrmann: Ich hatte Glück, dass ich nie so schlimme Situationen erleben musste.

Schröder: Durch meinen Beruf sind mir solche Situationen nicht fremd. Ich kam eigentlich immer sehr gut damit zurecht. Ferner haben wir in Baden einen sehr guten Kontakt zum Pastor. Herr Behr ist eigentlich sofort da, wenn die Feuerwehr ihn braucht.

Ist eine Freiwillige Feuerwehr heutzutage noch zeitgemäß? Gibt es ausreichend Nachwuchs und Arbeitgeber, die bereit sind, Beschäftigte im Alarmfall für die Brandbekämpfung oder Unfallrettung freizustellen?

Dohrmann: Ich glaube, ohne die Freiwilligen Feuerwehren kann man den Brandschutz nicht sicherstellen und finanzieren. Aufgrund der Kinder- und Jugendfeuerwehr sieht es noch gut mit dem Nachwuchs in Uesen aus. Man sollte nur jetzt anfangen, die Freiwilligkeit zu fördern, etwa durch eine Zusatzrente für Feuerwehrleute. Bei Alarmen tagsüber, wenn fast alle arbeiten, gibt es nur eine Lösung, um genügend Kameraden schnell vor Ort zu haben: Es müssen, wie in anderen Gemeinden schon lange praktiziert, zwei Wehren zugleich alarmiert werden.

Schröder: Ich denke, das System der Freiwilligen Feuerwehr ist alternativlos. Wenn es dennoch anders kommen sollte, würde es sehr teuer, kaum bezahlbar. In Baden sieht die Situation momentan sehr zufriedenstellend aus. Bei den Aktiven konnten wir die Mitgliederzahl in meiner Amtszeit fast verdoppeln, die Kinder und Jugendfeuerwehr kann sich auch über reichlich Zulauf erfreuen. Arbeitgeber sind immer weniger bereit, Kräfte freizustellen. Allerdings kann man es ihnen teilweise auch nicht verübeln, da die Feuerwehr leider immer mehr „Bauhof-Tätigkeiten“ übernimmt und als Mädchen für alles herhalten muss. Das „Ästchen“, was die Straße blockiert, oder ein Ölfleck, der beseitigt werden muss, sind ja mittlerweile Alltag geworden. Wenn wirklich eine ernste Lage war, bei der man die Rauchsäule weit sehen konnte, gab es selten Probleme.

Aus der Politik, aber auch aus der Feuerwehr selbst gab es Vorstöße, die Anzahl der Feuerwehren im Achimer Stadtgebiet von sechs auf drei zu verringern und damit Kosten zu sparen. Aktiventruppen in Achim, Baden und Uphusen würden doch ausreichen und könnten überall schnell am Einsatzort sein? Was spricht dagegen, zum Beispiel die Ortsfeuerwehren Baden und Uesen zusammenzulegen?

Dohrmann: Man findet jetzt schon sehr schwer Führungspersonal. Wer soll denn eine Feuerwehr nebenbei mit über 100 Kameraden leiten?

Schröder: Die Stadt Achim hat einen externen Gutachter mit einem Brandschutzgutachten beauftragt, die Situation zu prüfen. Im Gutachten steht jetzt genau geschrieben, wie viel Feuerwehren die Stadt Achim braucht. Damit sollte der Vorstoß vom Tisch sein.

Bleiben Sie weiterhin in der Feuerwehr aktiv? Was machen Sie mit Ihrer gewonnenen Freizeit?

Dohrmann: Ich bleibe Feuerwehrmann. Nun hat man mehr Zeit für die Familie und den Job.

Schröder: Ich bleibe als normaler Feuerwehrmann in der Badener Feuerwehr. Ich bin durch meinen Umzug nach Thedinghausen aber auch in der Ortsfeuerwehr Thedinghausen aktiv. Momentan arbeite ich die Dinge auf, die in den letzten Jahren durch meine Aufgaben als Ortsbrandmeister teilweise liegen geblieben sind. Und natürlich genieße ich die Zeit mit meiner Familie.

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