„Achimer Sterneneltern“ ist die Totgeburt ihres Kindes widerfahren

Sie arbeiten ihr Trauma auf und sprechen über das Tabu

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Achimer Sterneneltern mit Kindern, v.li.: Kerstin und Lene Flato, Frauke, Alexander und Kai Lukas Stoll sowie Stefanie Gerbers.

Achim - Von Manfred Brodt. Ein totes Kind zu bekommen, gehört sicher zum Schlimmsten, was Menschen widerfahren kann. Diesen Schicksalsschlag verschweigen die Betroffenen oft und können kaum mit jemand darüber reden. Das ist für einige anders geworden, seit sich vor einem Jahr die Gruppe „Sterneneltern in Achim“ gegründet hat.

Eltern von Sternenkindern, die vor, während oder nach der Geburt gestorben sind. Sie fanden sich in Achim nicht nur zusammen, um über ihr Trauma und das Tabu sprechen zu können, sondern sie „outeten“ sich auch in Form eines sehr ins Persönliche gehenden Artikels im Achimer Kreisblatt.

Die Resonanz war für die Gruppe überwältigend, wie jetzt Gruppenmitglieder ein Jahr danach im Pressegespräch erzählen. Sie erhielten nicht nur Anrufe und Mails, sondern wurden auch auf der Straße angesprochen: „Sie waren das doch mit den Sternenkindern.“ Und das Überraschende für die Sterneneltern: Viele berichteten, dass es sie auch betrifft beziehungsweise sie ähnliche Fälle im Verwandten- und Bekanntenkreis kennen. „Jeder kannte mindestens drei oder vier Beispiele“, sagt eine Sternenmutter.

Diese überwiegend sehr positiven Reaktionen lassen auch die dummen Bemerkungen vergessen, die sie sich anhören mussten wie die des Arbeitgebers, der die Mutter fragte, ob demnächst noch ein weiteres Kind auf die Reise geschickt werde, die der Arbeitskollegen, die dem Vater sagten, es sei doch nicht seine Totgeburt, oder die Sprüche: „Wer weiß, wofür es gut ist“ und „Ihr habt doch noch andere Kinder.“ Eine Sternenmutter: „Ein schwacher Trost, denn man sagt doch auch nicht: Du hast doch noch eine zweite Oma.“

Wohltuend, da die ganz anderen Reaktionen, wenn die Freundin den Geburtstag des Sternekindes mit Kuchen und Geschenk mitfeiert, die närrischen Kolleginnen der Prinzengarde spontan spenden und die Nachbarn einen letzten mit Geld unterfütterten Gruß senden nach dem Motto: „Wenn wir zusammen feiern, können wir auch zusammen trauern.“

So gleich das niederschmetternde Ergebnis ist, so unterschiedlich sind die Einzelerlebnisse der Sterneneltern. Mal zeichnete sich früh eine heimtückische, Leben kaum ermöglichende Krankheit des Kindes ab, mal hörte das Herzchen auf zu schlagen oder die Totgeburt kam einen Monat nach der Hochzeit.

Richtig nachempfinden kann das sicher nur, wer solches selbst erlebt hat. Die Sterneneltern, die sich an jedem ersten Montag in geraden Monaten um 19.30 Uhr im Bürgerzentrum, Magdeburger Straße, treffen, zünden zu Beginn jeder Sitzung eine Kerze nach der anderen an, jeder spricht an, was ihn bewegt, und andere können mitfühlend darauf eingehen, Informationen und Literarturtipps geben. Ein Gruppenmitglied erlebte sogar vor 45 Jahren eine Totgeburt und konnte so lange mit niemand darüber reden.

Doch die Gruppentreffen sind keine todtraurigen Veranstaltungen. Alexander Stoll zum Beispiel hatte vor seinem ersten Gruppentreffen gesagt: „Sobald ich das Gefühl habe, da ist nur Trauer, bin ich weg. Ich brauche nicht Leute, die mich runterziehen.“ Seine Ängste waren unbegründet. Es geht auch lustig zu, wenn sie zum Beispiel über ihre Kinder, das Wetter oder Werder sprechen. Am 7. Dezember ist das nächste Treffen der Sterneneltern. 30 Personen aus nah und fern gehören jetzt der Gruppe an. Wer sich ihr anschließen beziehungsweise sich an sie wenden möchte, erreicht sie unter Telefon: 04202/7650542 und

sternenelternachim@ gmail.com

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