Umweltminister besucht Verpressstelle / Förderplätze sollen untersucht werden

Ortstermin im Erdgaskreis: Wenzel verspricht Kontrollen

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Die Sorgen der Bürgerinitiativen über die Folgen der Verpressung von Lagerstättenwasser und der Erdgasförderung mittels der umstrittenen Fracking-Methode hörte sich gestern Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Mitte r.) an der RWE-Verpressanlage Grapenmühlen bei Wittorf an.

Rotenburg - Von Michael Krüger und Jens Wieters. Dass sich Stefan Wenzel an diesem Montag für vieles rechtfertigen muss, was dem Grünen-Politiker ganz offensichtlich widerstrebt, ist das Problem des Regierens. Doch der Landesumweltminister muss bei seiner Stippvisite im Landkreis Rotenburg die Zwänge anerkennen und sich in politischen Erklärungen winden, weil auch er noch Antworten sucht auf erhöhte Krebszahlen in der Samtgemeinde Bothel, auf die Fracking-Problematik und den Umgang mit giftigem Lagerstättenwasser.

„Früher hat man bei der Erdgasförderung nicht so genau hingeschaut“, gibt Wenzel am Nachmittag während eines Ortstermins an der RWE-Verpressanlage für Lagerstättenwasser in Grapenmühlen bei Wittorf unumwunden zu. Dass das heute ganz anders ist, machen Vertreter von Bürgerinitiativen (BI) mehr als deutlich: „Wir wollen eine enkeltaugliche Umwelt“, formuliert Andreas Rathjens dem Minister vor vielen Kameras und Mikrofonen als Arbeitsauftrag.

Rathjens ist einer von vielen, die – aufgeschreckt durch Krebsfälle und andere Erkrankungen im Bereich der Erdgasförderfelder – Sturm laufen gegen die vielen Bohrlöcher, in denen per Fracking „mit giftigen Substanzen Gas gefördert wird“, und gegen die vier Verpressstationen im Landkreis, „wo das Gift in nur 1000 Metern Tiefe vor unseren Haustüren in der Erde endgelagert wird“.

Wenzel verspricht, dass er alles in Bewegung setzen wird, dass sich das Bergrecht ändert, betont aber auch, dass dafür der Bund mit ins Boot geholt werden muss. Erste Vorschläge seien im Kanzleramtsministerium zunächst gestoppt worden. „Der Gesetzentwurf liegt dort, wann er das Licht der Welt erblickt, ist noch offen.“ Das Land selbst plane aber schon im Frühjahr mit einem Erlass „an die Grenzen dessen zu gehen, was das Landesrecht hergibt“, sagt er am Abend im Rotenburger Kreishaus vor Kreistagsabgeordneten, Vertretern von BIs und Mitgliedern der Arbeitsgruppe Erdgas- und Erdölförderung. Diesbezüglich zu behaupten, wie es auch von vielen ehemaligen Mistreitern der Umweltbewegung getan wird, dass Fracking damit erst erlaubt werde, sei falsch: „Unser Erlass schränkt die gängige Praxis ein.“

Wenzel zur Seite steht den Tag über Andreas Sikorski, neuer Chef des Landesbergamts. In seinem Haus ist die Aufsicht über die Förderstellen angesiedelt, er soll Sicherheit garantieren. Und er verspricht: Das Ziel aller Bemühungen sei der Ausstieg aus der gängigen Praxis der derzeitigen Verpressung von Lagerstättenwasser. Genau das scheint nämlich das drängendste Problem, wird im Laufe des Tages immer wieder deutlich: Wohin mit dem anfallenden Giftcocktail aus der Tiefe? Wenzels Alternativen: Entweder oberirdisch reinigen oder wenigstens dorthin, wo es herkam. Also Schluss mit der oberflächennahen „Verklappung“. Es könne nicht sein, dass das Lagerstättenwasser nur 900 bis 1000 Meter in die Erde gepresst werde. Das Landesbergamt sei im Augenblick auch angesichts der erhöhten Krebsfälle in der Samtgemeinde Bothel dabei, umfangreiche Prüfprogramme umzusetzen. „Das kann auch schon mal eine Stilllegung zur Folge haben“, unterstreicht der Minister. Bei rund 450 aktiven Förderstellen in Niedersachsen werde die Kontrolle aber dauern: mindestens vier Jahre. „Keineswegs akzeptabel“, kritisiert im Kreishaus der Sprecher der Kreistag-Mehrheitsgruppe, Bernd Wölbern (SPD). Und auch Kathrin Otte vom Gemeinnützigen Netzwerk für Umweltkranke gibt sich nicht mit den Versprechen aus Hannover zufrieden: „Die Gesundheitsproblematik duldet keinen Aufschub.“ Dem Umweltminister, der sagt, „jede Menge Informationen mit nach Hannover“ zu nehmen nach diesem Tag, gibt sie auf den Weg: „Es sind viele Versuche, in ihrem engen Rahmen Lösungen zu finden, aber es glaubt doch niemand, dass das reicht.“ Immer wieder wird an diesem Tag mehr Vernetzung gefordert – unter den Ministerien und allen Beteiligten, um voranzukommen anstatt sich um Kompetenzen zu rangeln.

Klaus Hoins, ehemaliger Wittorfer Bürgermeister und aktives Mitglied der Initiative „Wittorfer für Umwelt und Gesundheit“ (WUG), erinnert den Grünen daran, dass gerade das Lagerstättenwasser früher sehr verharmlost und bei den Bohrungen in Grapenmühlen „mal eben“ ein Salzwasserreservoir durchstochen worden sei. Es dürfe nicht sein, dass der „Boden vergiftet wird, aus dem wir unser täglich Brot erzeugen“, so Hoins. Hans-Joachim Euhus, Eigentümer der Fläche, auf der die Verpressanlage steht und direkter Nachbar, berichtet beim Ortstermin, dass in früheren Jahren dort bis zu „acht Kubikmeter stark quecksilberhaltige Substanzen in eine Tiefe von 2800 Metern in Plastik eingeschweißt“ versenkt worden seien. „Leider habe ich das erst jetzt herausgefunden, früher wurde mir erzählt, dass Lagerstättenwasser völlig harmlos sei.“ Die laufenden Verträge seien auch aktuell das Problem, betont Wenzel: „Es gibt ein Reihe von uralten Genehmigungen, und die können wir nicht einfach so kippen.“ In Zukunft komme man an Konflikten mit den Konzernen nicht vorbei. Denn eines müsse klar sein: „Die Gesundheit der Menschen geht vor den Förderzins.“

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