Ausgrabungsstätte in Wittorf

Mehr als 400 Tote im Wittorfer Sand entdeckt

+
Die Archäologen Jan Bock (v.l.), Stefan Hesse und Franka Höppner untersuchen ein Körpergrab mit Oberschenkelknochen. 

Wittorf - Von Wieland Bonath. Einer der ersten Herbsttage des Jahres: Ein steifer Wind weht über die große Kuhle am Rande von Wittorf und wirbelt den feinkörnigen „Wüstensand“ über eine der bedeutendsten archäologischen Ausgrabungsstätten im Landkreis Rotenburg. Dort wurde jetzt ein sogenanntes Körpergräberfeld entdeckt. Eine wichtige Etappe des wissenschaftlichen Weges, der vor 26 Jahren begann und von zwei Schülerinnen aus dem Ort eingeleitet wurde, als sie bei einem Spaziergang überraschend auf Keramikscherben alter Urnen stießen.

Fachgerecht verpackt: Kreisarchäologe Stefan Hesse mit einem Teil der etwa 300 Urnen.

Die Kreisarchäologie, damals unter der Leitung von Wolf-Dieter Tempel, leitete eine Notgrabung ein, um die Reste der Vergangenheit zu retten. Inzwischen ist die Ausgrabung Wittorf mit einer Gesamtfläche von mehr als 60. 000 Quadratmetern deutschlandweit ein Begriff. Freigelegt und gesichert wurden bisher ein großer Urnenfriedhof aus der Bronze- und Eisenzeit. Darüber hinaus eine eisenzeitliche Befestigung aus der Zeit von 500 bis 400 vor Christus, bei der es sich um die nördlichste Wehranlage dieser Epoche in Niedersachsen handelt. Außerdem fand man neben dem Gräberfeld aus der gleichen Periode eine sächsische Siedlung aus dem Frühmittelalter.

An diesem Frühherbsttag werden die beiden Archäologen Jan Bock und Franka Höppner vom Archäologiebüro Nordheide aus Buchholz (Kreis Harburg), die in Wittorf unter der Fachaufsicht der Rotenburger Kreisarchäologie mit ihrem Chef Stefan Hesse mit den Ausgrabungen betraut sind, besonders gefordert. Kaum haben sie die Funde freigelegt, werden diese vom feinkörnigen Sand wieder verdeckt. Eine Schubkarre wird gedreht und schützt die entdeckten menschlichen Knochen vor dem Sand.

Überraschendes Ergebnis

Der aktuelle, unerwartete Fund des Körpergräberfeldes gleich neben der Siedlung ist das überraschende Ergebnis dieser Ausgrabungsphase. Es gibt Skelettteile aus dem siebten bis achten Jahrhundert und damit ist es eines der frühesten Körpergräberfelder. Bisher wurden rund 80 Gräber, vereinzelt mit Beigaben, entdeckt. Bis auf wenige Ausnahmen sind sie nach Westen ausgerichtet.

Jan Bock, der seit mehreren Jahren erfolgreich mit seinem Fachbüro für Archäologie, eines von fünf in Niedersachsen, mit der Kreisarchäologie Rotenburg zusammenarbeitet: „Wir gehen davon aus, dass das Gräberfeld mindestens 400, wenn nicht sogar 500 Bestattungen umfasst. In ganz Norddeutschland gibt es nur vereinzelt Friedhöfe dieser Zeit, die ähnlich umfangreich dokumentiert sind.“

Die jetzige Ausgrabung bei Wittorf wird noch bis etwa Mitte dieses Monats dauern. Dann geht es an die Restaurierung und die genaue wissenschaftliche Bearbeitung der zahlreichen Fundstücke. Ähnlich wie bei den rund 300 gefundenen Urnen, die in akribischer Arbeit soweit wie möglich zusammengefügt wurden.

Ausgrabungen sollen an Universitäten

Kreisarchäologe Hesse, der die Abteilung seit 2003 leitet, will nach Abschluss der Arbeiten die Gesamtauswertung der Ausgrabung Wittorf den Universitäten anbieten: „Zum Beispiel Göttingen, Kiel und Hamburg.“

Längst nicht jeder Landkreis leistet sich wie Rotenburg eine Kreisarchäologie, obwohl die Bodendenkmalpflege eine gesetzliche Pflichtaufgabe ist. Desinteresse, Probleme wegen des zu schmalen Haushalts? Wie auch immer: Der Wümmekreis steht schon seit vielen Jahren für seine gesellschaftliche Verantwortung ein, die Tür zu seiner Vergangenheit nicht zu verschließen.

Von einer grundsätzlichen Sorge wird die Archäologie jedoch überall geplagt: Seit Jahrzehnten vernichten oder schädigen Oxidation und gefährliche Umwelteinflüsse Eisenfundstücke. Längst läuten die Alarmglocken. Mit seinen zirka 250 .000 Jahren hat es der Faustkeil von Scheeßel besser. Denn Stein hält „ewig“.

Lesen Sie auch:

Römische Goldmünzen bei Ausgrabungen entdeckt

Mehr zum Thema:

Jubiläum der Grundschule Horstedt

Jubiläum der Grundschule Horstedt

Nikolaus im Kindergarten Stuckenborstel

Nikolaus im Kindergarten Stuckenborstel

Werder-Training am Donnerstag

Werder-Training am Donnerstag

500 Zivilisten in Aleppo getötet

500 Zivilisten in Aleppo getötet

Meistgelesene Artikel

„Vollbremsung für das Diako“

„Vollbremsung für das Diako“

Schlägerei an der Sporthalle: Junge weiter im Krankenhaus

Schlägerei an der Sporthalle: Junge weiter im Krankenhaus

Während des OSZE-Gipfels herrscht in Lauenbrück Flugverbot

Während des OSZE-Gipfels herrscht in Lauenbrück Flugverbot

Kommentare