Szenische Lesung in Kostümen der Kaiserzeit

Poesie zwischen Schnittmustern und Corsagen

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Silvia Bierbaum (l.) und Anita Brandt überzeugen als Schneidermeisterin und angestellte Näherin.

Stuckenborstel - Von Heidi Stahl. Die „Kleidermacherin“ Silvia Bierbaum aus Stuckenborstel hat sich gemeinsam mit ihren Freundinnen Margarita Weiß, Anita Brandt und Nadine Balke einen Traum erfüllt. Gemeinsam haben sie Gäste zu einem voradventlichen Abend in die kleine Nähstube in der weißen Fabrik eingeladen.

Dort, wo Silvia Bierbaum normalerweise maßgefertigte Kleidung im „shabby Chic-Stil“ nach den Wünschen ihrer Kunden schneidert, schwelgen die Frauen in den naiv-frivolen Texten von Julie Schrader, einer „Poetantin“, wie schreibende Frauen um die vorletzte Jahrhundertwende genannt wurden.

In stilgerechten Kostümen der Kaiserzeit mit geschnürten Korsagen und den Po betonenden Turnüren der langen Trippelröcke versetzen sie das Publikum in Atmosphäre und Attitüde dieser Epoche. Da begrüßt ein Dienstmädchen (Nadine Balke) mit weißer Schürze und Schleife im Haar ganz stilgerecht die ankommenden Gäste und weist ihnen in der kleinen Stuckenborsteler Nähstube Plätze auf einem Sammelsurium von Stühlen und Sofas an, wie im Salon der „Gnädigen“.

Dicht gedrängt sitzt gut ein Dutzend gespannter Zuhörer inmitten der kleinen Werkstatt, die mit vielen Antiquitäten liebevoll dekoriert ist. Margarita Weiß nimmt im androgynen Hosenanzug am Piano Platz und begleitet die Lesung mit zum Text passender Salonmusik. Anita Brandt, als devote Näherin, lässt die Nähmaschine immer wieder leise schnurren, wenn die Meisterin und gnädige Frau, Silvia Bierbaum, im rostroten voluminösen Turnüren-Kleid aus Briefen der Julie Schrader vorliest.

Eine einfache Rahmenhandlung haben die vier Frauen sich ausgedacht: Julie, die in Bremen bei „Konsuls“ im Dienst steht, sendet ihrer Schwester „Silvchen“ ein Adventspaket. Während die Näherin noch an der Maschine das Hochzeitskleid für des Kommerzienrats Töchterlein vollendet und das Dienstmädchen der Gnädigen schon einmal den Adventspunsch reicht, liest diese aus dem Brief der Schwester all die naiv-frivolen Geschichten, die sich bei Konsuls bei Empfängen oder abendlichen Diners mit zeitgenössisch bekannten Persönlichkeiten ereignen, vor. Der Zuhörer ist hautnah dabei, sitzt fast mit am Schneidertisch.

Wenn bei vielen Schrader-Veröffentlichungen auch umstritten ist, ob die Texte wirklich von ihr oder nicht doch zum Teil von ihrem Großneffen Berndt W. Wessling stammen, so tut das dem Vergnügen beim Zuhören keinen Abbruch.

Diese „Poetantin“ ist unbestritten eines der größten komisch-naiven Talente vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie hat Kitsch und Zweideutiges mit ironisch geknickter Feder geschrieben, und man ist sich nicht immer sicher, ob sie wirklich so naiv war oder alles mit einem klugen Augenzwinkern notiert hat. Sicher ist jedenfalls, dass sie in ihren Versen eine ganze Epoche parodiert und die Bildungsbeflissenheit, die preußische Kaisertreue, die Korsettmentalität des Bürgertums und seine „Gartenlauben“ Sentimentalität und Romantik schonungslos beschreibt.

All das kam an diesem Abend in dem burlesken Stuckenborsteler Atelier so authentisch rüber, dass der Zuhörer sich automatisch in die Epoche versetzt fühlt. Die vier Frauen, die alle Laien in Sachen Schauspielkunst sind, haben mit ihrer eigenen Begeisterung für diese Art der Nostalgie alle Zuhörer in ihren Bann gezogen.

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