Flüchtlingsheim-Betreiber engagiert Klinikclowns / Unbeschwerte Stunden für oft traumatisierte Kinder

Zauberpuste macht Mut

Bei den Besuchen im Flüchtlingsheim geht es nicht um eine perfekte Show, sondern um Nahbarkeit. - Foto: Heyne

Scheeßel - Ein Nachmittag im Flüchtlingsheim am Helvesieker Weg: Aus dem freundlichen Raum mit Mickey Maus und Pluto an den Wänden dringt vielstimmiges Kinderlachen. Keine Selbstverständlichkeit, sind vermutlich viele der jungen Bewohner und ihre Familien durch die Flucht traumatisiert. Und genau deshalb sind heute Erich Hauptmann und Henriette Hansen, die heute „Enrico“ und „Brezel“ heißen und rote Clownsnasen und Ringelshirts tragen, hier.

„Wir gucken, wo die Kinder aus sich rausgehen können“, so der ausgebildete Klinikclown. In der „neutralen Person des Clowns, der ja ein wertfreies Wesen ohne Vorurteile mit hohem Empathiewert ist“, wie Kollegin Hansen erklärt, kommen die beiden sensiblen Spaßmacher nicht nur in Krankenhäusern, Hospizen oder Seniorenheimen zum Einsatz, sondern neuerdings im Auftrag des Betreibers „Human Care“ auch in Flüchtlingsheimen. Ein Pilotprojekt – seit drei Wochen sind die beiden im Südhamburger Raum unterwegs, wie heute erstmals in Scheeßel. Ein festes Programm gibt es nicht. Es wird improvisiert: „So kann man besser darauf reagieren, wie sie drauf sind, was an dem bestimmten Tag geht“, so Hauptmann.

Beim „Konzert“ auf Kazoo und Melodica geht erstmal nicht viel: 20 Minuten dauert es, bis endlich „Bruder Jakob“ ertönt – Brezel hat Lampenfieber und verwechselt gern mal die Songs. „Gerettet“ wird es von einem etwa zehnjährigen Afghanen in der ersten Reihe, der stolz auf Kommando ein Glöckchen läutet. Auch diese Methode hat sich bewährt: Wenn der Zaubertrick misslingt, bis eines der Kinder ihn mit „Zauberpuste“ rettet. „Wenn Kinder etwas besser können als die Großen und die Kontrolle übernehmen – das gibt Mut!“, weiß der Hamburger.

Für ihn unterscheiden sich die Besuche bei kleinen Klienten, die des Deutschen nicht mächtig sind, gar nicht so sehr von anderen Einsätzen: „Jeder Tag ist eh anders, jede Situation. Wir stellen uns individuell auf die Kinder ein – was brauchen sie gerade, was lassen sie zu?“ So würde auch Hansen niemals einem Kind einen Willen überstülpen. Etwa, als sie den Kindern den Seifenblasenpuster anbietet: „Den letzten Schritt machen die Kinder selbst, wenn sie wollen. Wir machen nur Angebote“ , sagt Hauptmann, der im Mini-Van das Equipment für einen kleinen Mitmachzirkus hat. Hier geht es nicht um eine perfekte Show, sondern darum in Kontakt zu treten, zu interagieren – denn wenn das Pilotprojekt fruchtet, kommen Enrico und Brezel schon bald wieder. Das Angebot richtet sich mitnichten nur an die Bewohner des Flüchtlingsheims am Helvesieker Weg, sondern „auch an die „externen“ Flüchtlinge im Beeke-Ort, aber auch an andere Kinder der Umgebung. Denn: „Integration ist das A und O“, erklärt Heimleiter Stephan Volckmer. So richtet sich auch die reguläre Kinderbetreuung durch sieben Scheeßeler Frauen aus dem Umfeld der Lions, von denen zwei jeweils dienstags und donnerstags von 15 bis 17 Uhr mit den Kindern (und manchmal auch deren Eltern) spielen und basteln, explizit auch an alle einheimischen Interessierten.

Und auch an diesem Nachmittag sind weit mehr als die sieben Jungen und Mädchen, die hier wohnen, anwesend. Immer wieder winken die beiden Clowns Neuankömmlinge mit ihren Kindern auf dem Arm oder an der Hand herein.

Interaktion findet eher non-verbal statt

Als die beiden ein Geduldsspiel aus Holz für alle verteilen, versteckt ein Mädchen seine Schachtel hinter dem Rücken und streckt die andere Hand noch einmal aus. Andere wollen wissen, was sich in den Koffern der beiden lustigen Besucher verbirgt. Als Brezel einen kleinen roten Regenschirm über ihrem ausladenden Körper aufspannt, lachen die Kinder. Eine Mutter mit Kopftuch steckt ihr Handy weg, mit dem sie, wie viele andere Eltern, das Geschehen festgehalten hat und meint wie selbstverständlich: „Kleiner Koffer, kleiner Schirm“.

Ansonsten findet die Interaktion eher non-verbal statt. „Nicht alle kennen das Konzept des Händeschüttelns oder möchten das“, weiß Hauptmann. Als Brezel einem jungen Mann die Hand entgegenstreckt, der seinen Kopf aus dem Vierbettzimmer im ersten Stock gesteckt hat, schüttelt der den Kopf. Dann lacht er und zeigt auf den Putzlappen in seiner Hand. An diesem Nachmittag passiert viel zwischen den Menschen – das meiste ohne Worte. Und so gut wie alle hoffen, dass das nette Paar mit den komischen Nasen bald wiederkommt und den Alltag für einige Zeit wieder unbeschwert macht. - hey

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