Heiner Wellenbrock über den Sinn des Volkstrauertags

„Die Vergangenheit greifbar machen“

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Auch an den Kriegerdenkmälern im Scheeßeler Rathauspark findet morgen eine Kranzniederlegung statt. Dann wird der Opfer der beiden Weltkriege gedacht. Heiner Wellenbrock vom VDK wird auch dabei sein. Ihm liegt dieser Tag besonders am Herzen. 

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Vor 71 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. In den Kriegsjahren sind Soldaten, Zwangsarbeiter und Zivilisten ums Leben gekommen. Sie kämpften an der Front, arbeiteten sich zu Tode oder verhungerten. Es sind Schicksale, die heutzutage kaum noch greifbar sind. Damit aber eben diese Schicksale nicht in Vergessenheit geraten, gibt es Menschen wie Heiner Wellenbrock. Er ist Geschäftsführer des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK) in Scheeßel. Warum es so viele Jahrzehnte nach dem Krieg noch wichtig ist, an die Historie zu denken und warum vor allem auch junge Generationen diese Geschehnisse niemals vergessen sollten, darüber hat der 50-Jährige mit uns im Interview gesprochen.

Herr Wellenbrock, morgen ist Volkstrauertag. Welche Bedeutung hat ein solcher Gedenktag mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in der heutigen Gesellschaft?

Heiner Wellenbrock: Eine große. Denn wie damals, während und nach dem Krieg, fliehen auch heute Millionen von Menschen vor Mördern, Unterdrückern und Kriegstreibern. Sie verlassen ihre Heimat, um bei uns Schutz vor Diktatoren und fanatisierten Terrormilizen zu finden. Noch vor wenigen Jahren konnte man annehmen, dass es sich bei der Thematik Flucht und Vertreibung eher um Stoff für Historiker handele, aber wir wurden eines Besseren belehrt. Vor 70 Jahren ertranken Abertausende auf der Flucht über das Haff oder in der Ostsee. Heute ertrinken verzweifelte Menschen auf ihrer Flucht im Mittelmeer. Seit dem Jahr 2000 sollen es mindestens 23 000 gewesen sein. Nein, der Volkstrauertag ist durch die zahlreichen Krisen und Konflikte auf der Welt aktueller denn je. Nie sind mehr Menschen auf der Flucht vor Terror und Gewalt gewesen als heute. Er bietet die Möglichkeit, sich bewusst zu werden, wie wertvoll der Frieden ist.

Gibt es noch weitere Aspekte, die im Laufe der Zeit hinzugekommen sind?

Wellenbrock: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist stark in der Jugend- und Bildungsarbeit aktiv. Als weltweit einziger Kriegsgräberdienst betreibt er eine eigene schulische und außerschulische Jugendarbeit sowie eigene Jugendbegegnungs- und Bildungsstätten. Gefördert wird die Begegnung und die historisch-politische Bildung an den Kriegsgräberstätten. In den Workcamps, den Begegnungs- und Bildungsstätten regt der Volksbund zur Auseinandersetzung mit historischen und aktuellen Ereignissen an. Hierbei sind die Schulen und Träger der politischen Bildung wichtige Ansprechpartner. Bei dieser Bildungsarbeit vermittelt der Volksbund Werte von Menschenrechten, Demokratie und Frieden und setzt sich mit Extremismus, Nationalismus, Rassismus und willkürlicher Gewalt auseinander. Diese Arbeit ist ein Dienst am Menschen – und natürlich ein Dienst am Frieden.

In welcher Form engagieren Sie sich für den Volksbund ?

Wellenbrock: Die Aufgaben sind recht vielfältig. Im Vorfeld des Volkstrauertages schreibe ich fast alle Firmen und die meisten Vereine in Scheeßel an. Mit diesem Anschreiben lade ich zur Teilnahme an der Gedenkfeier am Volkstrauertag ein und bitte auch um eine Spende für den Volksbund. In diesem Jahr waren das 165 Briefe. Die Zusendung dieser Einladungen und Spendenaufrufe hat zumindest hier in Scheeßel eine sehr lange Tradition. Eingeführt wurde dies wenige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg durch Oswald Fischer, meinem Vorgänger. Aus dieser Zeit entstammt auch die Tradition, dass jährlich ein Verein stellvertretend für alle Vereine ein Kranz niederlegt. In diesem Jahr wird der Kranz durch die Original Scheeßeler Trachtengruppe niedergelegt.

Warum haben Sie offenbar einen besonderen Draht zu diesem Thema? Sind sie familiär vorbelastet?

Wellenbrock: Das kann man wohl sagen. Meine beiden Großväter waren im Krieg und zwei Brüder meiner Schwiegermutter sowie ein Bruder meines Schwiegervaters. Dieser Onkel meiner Ehefrau ist halbseitig gelähmt aus dem Krieg zurückgekehrt. Er musste mit gerade 18 Jahren an die Ostfront. Mein Vater war erst drei Jahre alt, als er zusammen mit seiner älteren Schwester auf dem Weg zu einem Erdbunker zweimal von einem Tiefflieger mit Maschinengewehrsalven angegriffen wurde. Meine Heimatstadt Rheine war durch Bomben nahezu zerstört und mein Elternhaus hat einen Bombeneinschlag nur um etwa zehn Meter überstanden. Meine Mutter erinnert sich noch heute, als wäre es erst gestern gewesen, an die vielen unzähligen Stunden in Bunkeranlagen als Kleinkind. Die Angst der Menschen, die Gerüche, das Weinen der Kinder und die Geräusche und Erschütterungen, wenn Bomben ortsnah einschlugen, ist immer noch präsent. Meine Mutter ist heute 76 Jahre alt und hat nach dieser langen Zeit immer noch ein Problem, unseren Keller zu betreten.

Sind es vielleicht auch diese Schicksale, die die Geschichte des Krieges am Leben halten?

Wellenbrock: Natürlich. Diese Aussagen über Krieg und Gewalt meiner engen Verwandten, aber auch der vielen anderen Menschen, mit denen ich spreche durfte, führen letztlich alle zu dem mahnenden Aufruf: „Nie mehr sollen Menschen etwas so Grausames, so Erschütterndes wie die Weltkriege erleben müssen!“. Die vergangenen Jahrzehnte – vor allem auch die aktuellen kriegerischen und terroristischen Formen von Gewalt und Verfolgung – zeigen, dass die Menschen nichts verstanden haben. Dennoch und aus diesem Grunde möchte ich im Kleinen meinen Beitrag zur Mahnung an den Frieden leisten.

Irgendwann wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Wird der VDK dann noch wichtiger?

Wellenbrock: Nicht nur der VDK, mit seiner wie ich finde ausgesprochen guten Jugend- und Friedensarbeit, wird wichtiger. Wir alle, die Deutschen, Franzosen, Briten, Polen und viele weiteren Nationen, müssen sich aktiv für den Frieden und die europäische Zusammenarbeit einsetzen. Dabei darf es nicht bei einer bloßen Forderung bleiben, sondern die Zusammenarbeit muss auch gelebt und institutionalisiert werden. Von den Anfängen der im Jahr 1952 gegründeten Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die übrigens eine direkte Antwort auf die verheerenden Weltkriege war, bis zur heutigen Europäischen Union ist schon ein guter Weg gegangen. Die Briten werden sich ganz gewiss, auch wenn sich das Vereinigte Königreich entschlossen hat, die EU in den kommenden Jahren zu verlassen, weiterhin aktiv für den Frieden und die Demokratie einsetzen.

Warum sollten sich eigentlich auch junge Menschen mit dem Volkstrauertag befassen und sich eventuell auch für eine Mitgliedschaft im Volksbund interessieren?

Wellenbrock: Für den Volksbund aktiv zu sein, bedeutet aktive Friedensarbeit. Junge Menschen die zum Beispiel an einem der angebotenen Workcamps teilgenommen haben, berichten immer von wunderbaren neuen Erfahrungen. Sie haben zusammen mit jungen Menschen anderer Nationen zusammengearbeitet, gewohnt und ihre Freizeit verbracht. Menschen, die sich zu Beginn fremd waren, machen neue Bekanntschaften, aus denen sich oftmals echte Freundschaften entwickeln. Die Erinnerungen und Geschichten, die sie erlebt haben, werden für immer bei ihnen bleiben. Dieses intensive Kennenlernen trägt dazu bei, Vorurteile gegenüber anderen Nationen abzubauen. Die jungen Menschen erleben gemeinsame Friedensarbeit, die sie auch in ihre Schule oder ihre Vereine mit hineintragen.

Die Bundeswehr unterstützt die Arbeit des Volksbundes. In fast allen Ländern der Erde, in denen Kriegsgräber gepflegt werden, helfen Soldaten mit. Welche Rolle spielt diese Unterstützung?

Wellenbrock: Ohne die Hilfeleistungen der Bundeswehr könnte der Volksbund einen Teil seiner Aufgaben in der bisherigen Weise, die in der Öffentlichkeit Anerkennung und Zustimmung findet, nicht wahrnehmen. Die Bundeswehr und der Reservistenverband unterstützen den Volksbund durch Arbeitseinsätze auf in- und ausländischen Kriegsgräberstätten, in den Workcamps und bei Gedenkveranstaltungen

Dazu zählen ja auch die traditionellen Haus- und Straßensammlungen, die in jedem Herbst durchgeführt werden. Der Volksbund ist auf diese Spenden angewiesen – wie ist da die Entwicklung?

Wellenbrock: Ich kann hier nur für meinen Verantwortungsbereich sprechen. In Scheeßel sind die Ergebnisse der Sammlung gleichbleibend sehr gut. Die Soldaten werden vielerorts schon erwartet und man freut sich über ihren Besuch und ihren Einsatz. Auch beteiligen sich durch ihre Spenden sehr viele Vereine und Unternehmen. So kann ich jedes Jahr ein hervorragendes Sammelergebnis an den Bezirksverband nach Lüneburg melden.

Einige kritisieren, dass der Volkstrauertag das Soldatentum verherrlicht. Wie stehen Sie dazu?

Wellenbrock: Zu dieser Frage darf ich einen Teilauszug der Grundsätze des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge anführen: „Wir trauern um die Millionen Tote n und nehmen Anteil am Leid aller Menschen, die unter den Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft leiden.“

Warum sollte man denn morgen auf jeden Fall zu den Gedenkveranstaltungen kommen?

Wellenbrock: Ganz einfach: Am Volkstrauertag bringen wir unsere Verantwortung für Frieden und Freiheit zum Ausdruck. Wir setzen ein Zeichen für Menschlichkeit und Versöhnung und mahnen für den Frieden.

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