Zunehmende Zahl an Blitzeinbrüchen: „Das sind Profis“

Auf dem Überwachungsvideo ist gut zu erkennen, wie die Nebelsicherheitstechnik funktioniert.

Scheeßel - Oft ist es nur eine Notiz in der Meldungsspalte der Zeitung: Einbrecher überfallen Tankstelle und erbeuten Zigaretten in fünfstelligem Wert. Einer, der ein Lied davon singen kann, ist der Scheeßeler Frank Evers. Bereits drei Mal wurde innerhalb eines Jahres in seine Tankstelle an der Harburger Straße eingebrochen, das letzte Mal vor einer Woche. Der Betreiber der „Beeke-Tank“ erzählt, wie so ein Einbruch abläuft und warum Polizei und Tankstellenbesitzer schlechte Karten haben.

Mit diesem Gullydeckel warfen die Einbrecher die jetzt provisorisch abgedeckte Glasscheibe von Frank Evers ein. 

Wir treffen Evers in seinem Büro beim Sichten der Videos der Überwachungskameras. 26 Stück sind es, die das Gelände mit Waschanlage überwachen. Der Besitzer hat aufgestockt: Seit den Einbrüchen des Vorjahres, zwei innerhalb von zehn Tagen, hat er mehr als 20 .000 Euro in neue Sicherheitstechnik investiert. Wie gut er daran tat, werden gleich die Videosequenzen zeigen. Beim Zuschauen muss man allerdings schnell sein. „Nicht umsonst heißt es Blitzeinbruch“, sagt Evers.

Aus verschiedenen Perspektiven lässt sich das gerade mal einminütige Geschehen der Dienstagnacht erschreckend genau verfolgen. Die eingeblendete digitale Uhrzeit: 2.20 Uhr. Ein Pkw fährt vor, zwei der schwarz maskierten Insassen heben einen Gullydeckel aus dem Boden und werfen ihn in eine Seitenscheibe. Fast zeitgleich geht die Alarmanlage los; zwei Sekunden später ist der Wachdienst informiert; zehn Sekunden später die Polizei. Und auch bei Evers klingelt das Telefon auf dem Nachttisch: „Da wusste ich sofort: Es geht wieder los!“ Während er und seine Frau sich auf den Weg machen, sind die Einbrecher – dieses Mal vier – schon längst in den Verkaufsraum eingedrungen.

„Arbeit gegen die Zeit“

Immer wieder spielt Evers die Videos vor und zurück und meint zwischendurch fast gequält: „Es ist kaum zum Ansehen!“ In der Tat: Die Zielgerichtetheit, mit der die insgesamt vier dunkel gekleideten Gestalten ohne eine Sekunde zu zögern im Laufschritt den Zigarettenschrank hinter dem Kassentresen ansteuern, um wie bei den letzten Malen möglichst viele Stangen begehrter Marken in die mitgebrachten Bettbezüge zu schaufeln, ist erschreckend.

„Die sind gut organisiert“, weiß Evers. „Einer hält den Beutel, der andere schaufelt hinein.“ Dies ist allerdings eine Aufnahme aus dem vorigen September; nur zehn Tage nach dem ersten Einbruch wurde die Tankstelle erneut Zielscheibe eines Blitzeinbruchs. Die Beute: 200 Stangen Markenzigaretten, der Verkaufswert zirka 10 .000 Euro. In der kurzen Abfolge vermutet Evers Kalkül: „Das sind Profis – die wissen, dass eine Notverglasung leichter nachgibt.“

Ein Schild an der Seite der Tankstelle weist auf die Sicherung durch eine Nebelanlage hin – übersahen es die Einbrecher?

Die gute Orientiertheit solcher Diebesbanden sei kein Zufall: „Die schicken Späher aus, die die Gegebenheiten genau auskundschaften.“ So sei auch der gezielte Einbruch über das Dach in einen Supermarkt im Ort vor einigen Monaten zu erklären; während einige Banden mit geklauten Nummernschildern vorfahren, gehe die Dreistigkeit zum Teil noch weiter: „Andere klauen ein Auto und fahren damit ins Schaufenster.“ Dagegen hilft auch das Rolltor nicht, das Evers am Eingang installiert hat. „Irgendwie kommen sie immer rein. Man kann nur mit dem Faktor Zeit arbeiten.“ Selbst hat er auch schon solche „Späher“ in seinen Räumlichkeiten bemerkt – unternehmen kann er dagegen nichts.

Als der Diplom-Ingenieur an diesem Morgen um 2.26 Uhr – also sechs Minuten später – vor Ort eintrifft, kurz darauf gefolgt von drei Wagen der Polizei, kann er wie immer nur noch Scherben aufkehren und die Scheibe notdürftig sichern. Spuren werden die Beamten auch dieses Mal kaum finden – die Profis benutzen Einmalhandschuhe. Eine frustrierende Erfahrung. Die Einbrecher sind zu diesem Zeitpunkt vermutlich längst auf dem Weg zur Autobahn.

Selbst wenn die Täter einmal erwischt werden, wie nach einer Verfolgungsjagd im Vormonat in Unterstedt, verschafft das nicht unbedingt Genugtuung: „Die Täter, ein 29-jähriger Libanese und ein 24-jähriger Syrer, konnten einen festen Wohnsitz nachweisen und waren noch am selben Tag wieder auf freien Fuß“, so Evers.

Nebelanlage vereitelt Beute

Dass es an diesem Morgen anders kommt als die beiden Male zuvor, wo ein Gesamtschaden von jeweils rund 20 000 Euro entstand, ist der eingebauten Nebelanlage zu verdanken. Die wird bei Auslösen des Alarms aktiviert und verwandelt den Verkaufsraum innerhalb einer halben Minute in eine weiße Wand. Die Videoaufnahmen zeigen, wie die Männer irritiert von ihrem Ziel ablassen: Der Zigarettenschrank ist komplett im Nebel verhüllt. Einer flankt über den Verkaufstresen, doch zu spät, ein anderer tritt beim Rückzug eine Glasvitrine mit Spirituosen ein und lässt zwei Flaschen Whisky mitgehen – „wohl aus Frust“, vermutet Evers –, ein dritter schmeißt auf der Flucht eine Dose Tabak weg. Nach 60 Sekunden ist der Spuk vorbei.

Was bleibt, ist ein Schaden von rund 2.000 Euro, den Evers aus Angst um seinen Versicherungsschutz wohl aus eigener Tasche begleichen wird, ebenso wie den Wachdienst, bis die Notverglasung ersetzt ist. „Ich will nicht jammern, sondern nur zeigen, was hier abgeht, nachts, wenn Deutschland schläft“, meint er mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Resignation. Auch die Einrichtung einer 24-Stunden-Tankstelle hat er in Erwägung gezogen, „aber das könnte auch die Brutalität des Vorgehens der Banden auf ein neues Level heben“ so seine Befürchtung.

Evers weiß: „Das passiert jede Nacht dutzendfach irgendwo in der Republik. Und genau wie er werden auch die Kollegen die „Nächte danach“ schlecht schlafen und sich fragen, wenn sie vor dem Zu-Bett-gehen ihre Dinge auf dem Nachttisch für den schnellen Aufbruch zurechtlegen: „Wie lange bis zum nächsten Mal?“ Angst hat der Geschäftsführer nicht: „Wenn wir vor Ort sind, sind die längst weg.“ Falls nicht, würde er jedoch auf keinen Fall aus dem Auto aussteigen, höchstens den Fluchtwagen verfolgen. „Den Helden spielen zu wollen, bringt nichts.“ Was bleibt,ist Frust, und: „Das macht auf Dauer mürbe.“ 

hey

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