„Quadro Nuevo“ macht Wassermühle zu einmaligem Konzert-Schauplatz

Leidenschaft mit dem Bandoneon

Erotik pur: Roberto Herrera und Laura Legazcue ließen es im „neuen alten“ Sägewerk knistern. - Foto: Heyne

Scheeßel - Die Niedersächsischen Musiktage stehen 2017 vor einem veritablen Problem: Mit der diesjährigen, nunmehr 30. Auflage der Veranstaltungsreihe mit der die Sparkassenstiftung hochkarätige Künstler jenseits der Metropolen auf die Bühnen ungewöhnlicher Spielorte holt, haben die Organisatoren die Messlatte so hoch gehängt, dass sie nur schwer zu toppen sein wird. Klingt übertrieben? Bei der Beschreibung dessen, was knapp 200 Besucher in der schon seit Wochen ausverkauften Wassermühle beim Auftritt von „Quadro Nuevo“ gute zweieinhalb Stunden erleben durften, kommt selbst der kritischste Geist nicht um eine Reihe von Superlativen herum.

Das fing mit einer überaus stimmigen Location in urigem Ambiente der Scheeßeler Wassermühle an, von professioneller Beleuchtung eindrucksvoll in Szene gesetzt. „Tolle Akustik, leicht schmutziges Ambiente, und sehr gute Zuhörer“, gab sich Bassist D.D. Lowka im Anschluss angetan. Schon hierin hat das Konzert Exklusivstatus: Der neue Anbau am Standort des ehemaligen Sägewerks ist gerade mal drei Tage vorher fertiggestellt worden, „das letzte Brett haben wir Donnerstag verlegt“, so Eigentümer Jan Müller-Scheeßel. Und auch wenn sich der Saal förmlich nach der Nutzung für weitere Konzerte schreit, wird das heutige in der Großzügigkeit des charmanten Raums einmalig bleiben: „Bald wird die Küche zum Café eingebaut.“

Im Mittelpunkt des Konzerts steht natürlich die Musik. Und welche Musikrichtung könnte das übergeordnete Motto der Musiktage „Leidenschaft“ besser verkörpern als der Tango? Und den lotet „Quadro Nuevo“ (der Name ist ein Tribut an den „Tango Nuevo“ von Tango-Erneuerer Astor Piazzolla) in all seinen Facetten aus: Mal traditionell der Stilistik der 30er Jahre folgend, dann so intensiv und leidenschaftlich, wie es den Altmeistern Piazzolla, aber auch Alfredo La Perra oder Carlos Gardel eigen ist.

Jenseits ausgetretener Pfade wie mit dem fast obligatorischen „Oblivion“ boten die vier Musiker, was sie im Rahmen eines Aufenthalts in Buenos Aires an Inspiration getankt hatten, und das bis zum Anschlag: Eigenkompositionen wie die quirlig-hektische Hommage an die argentinischen Taxifahrer, oder die von Stilbrüchen geprägten Medleys aus klassischer Tango-Literatur und Ausflügen in den Jazz. „Wir wollten die wilden Auswüchse in den Hinterhöfen jenseits des ‚Vorzeigetangos‘ aufspüren“, so Mulo Francel, der am Saxophon und Bassklarinette immer wieder wunderschön gehauchte Akzente setzte. Und das gelang. „Die kommen wirklich alle aus Deutschland?“, wunderten sich denn auch Stephan Orth und Dieter Niemeyer als Vertreter der lokalen Musikszene über so viel Authenzität.

Niedersächsische Musiktage in Scheeßel

Als wäre der Superlative noch nicht genug, hatte die Sparkassenstiftung für die drei deutschen Konzerte des Quartetts eine ihrer „Straßenbekanntschaften“ einfliegen lassen. Die Tänzer Roberto Herrera und Laura Legazcue setzten die Leidenschaft der Musik zwischen Verlangen, Ekstase und Melancholie formidabel in Bewegung um – und in einen optischen Genuss. Für die Akteure war der gemeinsame Auftritt eine Premiere – seit ihrem Kennenlernen in Buenos Aires vor zwei Jahren hatten die Künstler nicht mehr zusammen gespielt; Bassist Lowka: „Die haben die Stücke von unserer CD eingeübt, aber wir spielen sie inzwischen ganz anders und jeden Abend sowieso wieder neu. Sie sind Profis genug, das umzusetzen.“ Die Kombination, sie befeuerte noch einmal zusätzlich; nicht nur Musiker, sondern auch das nach zweieinhalb Stunden ziemlich beseelte Publikum. 

hey

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