Blogger Steve Krömer 

„Die Leute sind auf mich fixiert“

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Steve Krömer aus Scheeßeler hat sich mit seinem Videospiel-Blog in ganz Deutschland einen Namen gemacht. 

Scheeßel - In vielen Städten und Subkulturen gang und gäbe, auf dem Land eher selten: Die Finanzierung von Projekten durch „Crowdfunding“. Der Scheeßeler Steve Krömer, in der Gamer- und Bloggerszene seit mehr als einem Jahrzehnt unter dem Namen „Stevinho“ einer der bekanntesten PC-Spieler (Gamer) Deutschlands, hat gerade erfolgreich sein jüngstes Projekt, den Umzug und Betrieb seines Video-Studios in Scheeßel, über die alternative Form des Spendensammelns abgewickelt. Wie er in wenigen Wochen mehr als die angepeilten 8 000 Euro zusammenbekommen hat und wohin die Trends in der Gaming-Szene gehen, verrät er im Interview.

Herr Krömer, wie sind Sie auf Crowdfunding zur Finanzierung Ihrer Newsplattform für die Gaming-Szene und Videoblogs gekommen?

Steve Krömer: Wir haben vorher jahrelang mit klassischer Bannerwerbung auf unserer Website gearbeitet. Das war in der Blütezeit des Computerspiels „World of Warcraft“ (WoW). Mit der WoW-Nacht, quasi einer Interaktiven Radioshow zum Spiel, haben wir Gaming-Geschichte geschrieben. Quasi das Aktuelle Sportstudio in einem Computerspiel – das gab es bis dahin nicht. Wir hatten keine Sorgen um Sponsoren. Irgendwann waren diese Zeiten vorbei, weil immer mehr Leute Adblocker (Programm, das Werbung unterdrückt, Anm. d. Red.) benutzen. Das macht es für kleine Plattformen nötig, über alternative Finanzierungsformen nachzudenken.

Das ist nicht Ihre erste Crowdfunding-Kampagne?

Krömer: Richtig, das müsste schon die vierte oder fünfte sein. Die erste Aktion war das Finale von „Allimania“, einem Hörspiel mit Figuren aus WoW. Das hatte sich die Gaming-Szene lange gewünscht. Bis dahin war das alles ehrenamtlich, auch für die Sprecher. Dabei hatten wir auch Synchronstimmen, die sonst Hollywood-Schauspieler nachsprechen. Wir haben dann in einer Woche mehr als 20 000 Euro eingenommen, das Ziel sind 18 000 gewesen. So haben wir dann auch die nächsten Jahre die Studiomiete zuerst in Bremen und dann in Scheeßel finanziert.

Warum geben Ihre Fans Geld? Ist es das Gefühl, bei einer großen Sache dabei zu sein oder eher, weil sie eines der „Dankeschöns“ haben wollen?

Krömer: Das ist wohl unterschiedlich. Viele Crowdfunder sind enorm kreativ und betreiben einen enormen Aufwand. Für jede Staffelung von Beträgen kriegst du irgend etwas als Dank, sodass du dazu gepusht wirst, immer noch mehr zu spenden – ab zehn Euro das T-Shirt, ab 20 das Spiel, ab 1 000 Euro wird ein Gegenstand im Spiel nach dir benannt. Ich hatte aber nie Lust darauf. Das habe ich am Anfang einmal gemacht, dass hängt mir heute noch nach mit 8 000 DVDs, die ich noch verschicken muss. Bei mir ist die Motivation der Spender jetzt, dass sie das, was ich tue, ein weiteres Jahr konsumieren können.

Geht es dabei um die Sache oder um die Person, die dahintersteht?

Krömer: Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Und in Ihrem Fall?

Krömer: Da geht es wohl bei vielen um die Person. Viele sind mit mir aufgewachsen. Das klingt jetzt vielleicht selbstverliebt, aber ich bekomme immer noch viele Rückmeldungen: „Du warst meine Kulturkonstante, mein Benjamin Blümchen.“ Die Leute sind auf mich fixiert. Und sind dann auch nicht traurig, wenn sie kein T-Shirt bekommen.

Dem Crowdfunding haftet ja auch ein bisschen der Nimbus des „Schnorrens“ an …

Krömer: Man hat am Anfang ein schlechtes Gewissen bei der Sache. Ich hatte jahrelang einen Sponsor, sodass ich mir über Geld nie Gedanken machen musste. Und ich bin ungern von jemandem abhängig, insofern kam es für mich nie in Frage. Das Problem: Bis vor fünf oder sechs Jahren konnte man mit seiner Website gut überleben, dann kamen die Adblocker. Mittlerweile haben 70 Prozent einen. Nach der ganzen „Nach uns die Sintflut“-Einstellung, die sich im Netz breit gemacht hat, ist es unheimlich schwierig, sich selbst zu finanzieren. Es musste ein anderes Finanzierungsmodell her.

Trotzdem klingt es in Ihren Videos mitunter so, als müssten Sie sich rechtfertigen …

Krömer: Das kommt darauf an – manche brauchen eine Rechtfertigung, andere nicht. Die ganz Großen stellen sich hin und machen ihr Ding – da werden gewaltige Summen gezahlt. Vor kurzem wurden versehentlich Spenden veröffentlicht – die verdienen um die 30 000 Euro im Monat. Das wird oft unterschätzt, wie viel man im Mikrokosmos Gaming verdienen kann, wenn man zu den Besten gehört. Noch extremer ist das in Asien – im Korea läuft E-Sports (professionelles Computerspielen, Anm. d. Red.) samstagabends zur Primetime im Fernsehen. Das hat fast schon Volkssportdimensionen.

Ist man mit 41 Jahren nicht zu alt als Identifikationsfigur für Jugendliche?

Krömer: Das sind auch Gedanken, die ich mir mache. Vor zehn Jahren war das einfach, als ich noch Student war. Ich bin ein bisschen aus der Sache rausgewachsen und muss mich von überall dafür rechtfertigen, dass ein Lehrer Computerspiele spielt. So Sätze wie „Benimm dich doch mal deinem Alter entsprechend“ hagelt es ständig. Ich habe es mir bewahrt, einfach das zu machen, wozu ich Lust habe. Das Problem im Computerspielbereich ist ähnlich wie in Hollywood, dass es keine neuen Ideen mehr gibt.

Aber „Pokémon Go“ war doch mal was Neues …

Krömer: Genau – deswegen war es auch so mega-erfolgreich. Da hat man mal was Innovatives gemacht.

Aber der Erfolg war kurzlebig 

Krömer: Das ist aber die Schuld vom Hersteller Niantic, weil die das Spiel zu früh rausgebracht haben und nichts in der Hinterhand hatten. Aber da sieht man mal, welches Potenzial Computerspiele heute noch haben, wenn man mal etwas macht, was es vorher noch nicht gab. Niantic hat im ersten Monat 220 Millionen Euro gemacht. So wie Hollywood nur noch Remakes und Superheldenfilme rausbringt, ruht man sich auch in der Gaming-Szene auf seinen Lorbeeren aus und greift auf Bewährtes zurück. Das hat mich irgendwann gelangweilt. Deshalb probiere ich jetzt viel Neues aus – ich blogge, mache Lifestyle. Das ist auch der Grund, warum wir das Studio aufgegeben haben.

Täuscht der Eindruck, dass gerade bei Video-Bloggern immer mehr Persönlichkeit gefragt ist, und die Menschen möglichst viel vom Alltag sehen wollen?

Krömer: Das kommt darauf an, womit man bekannt geworden ist. Ich habe die Zuschauer immer sehr an meinem Leben teilhaben lassen, wenn ich eine verrückte Idee hatte. Das habe ich mit vielen Dingen so gemacht und zu Videos verarbeitet; wo ich Sachen ausprobiere – Grillen, Reiten, Drohne – das mögen die Leute am liebsten. Auch wenn es mir ab und zu vorgeworfen wird: Meine Arbeit basiert schon auf einem gewissen Personenkult. Das hat sich einfach so entwickelt.

Setzt einen das unter Druck, jede Woche etwas Abgefahrenes machen zu müssen? Sie haben doch bestimmt auch Wochen, wo Sie am liebsten einfach nur auf dem Sofa sitzen würden?

Krömer: Ja schon, gerade wenn man Nachmittagsunterricht hatte. Wenn man das so lange macht wie ich, ist das so ein Automatismus, dass es keine große Belastung ist. Es macht ja Spaß, sonst könnte man damit ja aufhören. Und man hat auch eine Menge Vorteile: Überall, wo man hinschreibt, bekommt man Produkte geschickt. Vor einem Jahr war ich auf einer Messe in den USA und der Lufthansastreik lief gerade. Da saßen wir zwei Tage am Flughafen. Und ich schreibe in meinen Blog: Gibt es da draußen irgendjemanden bei der Lufthansa, der uns umbuchen kann? Innerhalb weniger Stunden hatten wir unseren Flug.

Ist bei Produkten nicht auch die Verpflichtung da, die geschickten Produkte drei Mal zu erwähnen und öffentlich gut zu finden – ist das nicht eine Abhängigkeit?

Krömer: Man muss sich eine gewisse Authentizität bewahren, dass die Leute einem vertrauen, dass man sich nicht kaufen lässt. Natürlich wird man ein geschicktes Produkt, was man hinterher behalten kann, nicht völlig verreißen – es sei denn, es ist wirklich der letzte Dreck. Ich habe Produkte verrissen, die wirklich schlecht waren. Dann kann ich auch darauf verzichten, mehr davon zu bekommen.

Verkommen die Videos da nicht schnell zur Produktplatzierung?

Krömer: Den Vorwurf gibt es immer wieder; mir wirft man eher vor, dass ich zu kritisch bin. Ich teste halt nur Sachen, die mich persönlich interessieren. Einige Große machen das ja richtig penetrant, und sind direkt am Umsatz beteiligt, wenn über ihren Link bestellt wird. Das mache ich nicht.

Wo geht die Reise hin? Wird es noch ein weiteres Jahr Crowdfunding geben?

Krömer: Ich bin mir da nicht so sicher. Es wird halt alles kleiner von Jahr zu Jahr. Ich bin es über die Jahre einfach gewohnt gewesen, einer der größten deutschen Gamer zu sein. Und wenn man dann merkt, dass man nach und nach wieder da ankommt, dass einen keiner mehr kennt, macht man sich schon Gedanken. Durch die gewaltige Konkurrenz und dadurch, dass ich schon älter bin und sich die ganz Jungen nicht mehr mit mir identifizieren können, wird es immer schwieriger. Ich habe mir jahrelang Gedanken gemacht: Werde ich jetzt Lehrer oder machst du den anderen Kram? Mittlerweile sehe ich das nicht mehr so eng. Wenn man ganz oben war und jetzt nur noch ein kleines Licht ist – damit muss man erstmal klarkommen. Vom Gaming-Superstar zu „einem unter vielen“ zu werden, das fiel mir erstmal sehr schwer. Charakterlich hat mir das allerdings sehr geholfen.

Inwiefern?

Krömer: Ich bin sehr daran gewachsen. Wenn du auf eine Messe kommst und einem alle Anwesenden auf die Schulter klopfen – da wird man ein Arschloch. Das bleibt nicht aus. Es gab zwar keine fliegenden Höschen wie bei den Backstreet Boys – aber wir waren Popstars! Fotos, Autogramme, Leute, die ausgerastet sind … ich glaube, ich habe viele von denen nicht gut behandelt, so nach dem Motto: „Ich bin der große Stevinho, und du hast die große Ehre umsonst für mich zu arbeiten. Ich höre von meinem Kollegium, dass ich ein ganz Netter geworden bin aufgrund des menschlichen Reifeprozesses. 

hey

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