Hurrikan "Matthew"

Scheeßeler Steve Krömer mitten im Notstandsgebiet

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Scheeßel/Orlando - Von Ulla Heyne. Auf seinem Weg durch die Karibik hat Hurrikan "Matthew" auf Haiti eine Schneise der Zerstörung hinterlassen. US-Präsident Barack Obama verhängte den Notstand für Florida. Der Scheeßeler Steve Krömer befindet sich gerade mitten im Sturm-Gebiet.

Es sollte ein ganz normaler Urlaub werden, mit Besuchen der Freizeitparks und bei Freunden. Gegenwärtig erwartet der Lehrer der Fintauschule Steve Krömer in Orlando die Ankunft von Hurrikan „Matthew“. Wir telefonierten in der Nacht zu Freitag mit dem Scheeßeler, solange die Verbindung noch verfügbar war.

Herr Krömer, es ist kurz vor zwei Uhr morgens in Scheeßel, 20 Uhr Ortszeit in Orlando. Wie stellt sich die Situation dar?

Steve Krömer

Wir sind quasi im Auge des Sturms. Ich bin zu Besuch bei Freunden, die etwas weiter von der Küste entfernt wohnen. Die Küstenregion ist bereits heute Morgen evakuiert worden. Bis jetzt äußert sich „Matthew“ durch Sturm und Regen: Wenn man nach draußen geht, ist es, als ob ein großer Hund einen zieht – stärker, als ich es von Norddeutschland her kenne. Die Ungewissheit besteht darin, dass sich trotz großer Erfahrung mit Wirbelstürmen nicht genau vorhersagen lässt, wohin „Matthew“ ziehen wird. Und: Das Wetter ändert sich wahnsinnig schnell. Mal pfeift es, Sekunden später ist es ruhig. Es ist völlig unklar, wo er ankommt, wie und in welcher Stärke.

Macht das Angst?

Bei den Touristen natürlich eher, allerdings bin ich gerade bei Freunden. Die Bereiche an der Küste wurden bereits evakuiert, wir sind etwas weiter entfernt und haben bis jetzt nur Ausläufer abbekommen – auch, wenn wir laut Wetterradar bald mitten im Zentrum sind. Viele Urlauber haben versucht, schnell noch abzureisen – nicht leicht, da es nur noch einen Abendflug nach Deutschland gab. Inzwischen ist der Flughafen auf unbestimmte Zeit geschlossen. Ich selbst bin schon etwas unruhig… Wenn man sieht, wie Kirchen als Notunterkünfte hergerichtet und mit Vorräten ausgestattet werden – das ist schon krass. Der Verkehr ist praktisch zum Erliegen gekommen.

Wie gehen die Einheimischen mit dem nahenden Sturm um?

Zwei Männer in Florida vernageln ihr Haus, um es vor "Matthew" zu schützen.

Die sind natürlich erfahren: Die Supermärkte sind leergekauft, Taschenlampen liegen bereit, Lebensmitteldosen sind gebunkert, die vielen Vergnügungsparks hier geschlossen. Viele Menschen hier haben ihre Fenster zugenagelt, andere sind in den Norden gefahren, zu Verwandten oder ins Hotel. Meine deutschen Freunde, die hier ein Softwareunternehmen haben, hoffen wie viele andere, dass der Bürgermeister nicht evakuieren lässt – schon, um ihr Heim zu schützen. Beim letzten Hurrikan 2006 gab es Plünderungen.

Wie informieren sich die Menschen?

Noch funktioniert das über Fernsehen und Internet. Vor allem der Wetterkanal hat Konjunktur. Allerdings wird von den Medien auch viel Panik verbreitet; die drastischen Bilder von 2006 sollen dafür sorgen, dass den offiziellen Anordnungen Folge geleistet wird.

So fortschrittlich die Amerikaner in einigen Bereichen sind – als Lehrer durfte ich das im Rahmen einer Hospitation Anfang der Woche miterleben -, so rudimentär verhält es sich hier in anderen Bereichen. Das Grundwasser ist hier so hoch, dass praktisch alle Stromleitungen nicht unterirdisch, sondern an Masten aufgehängt sind, oft schlampig. Es ist realistisch, dass wir in wenigen Stunden keinen Strom mehr haben, wenn ein Baum eine Stromleitung trifft. Bei der Wiederherstellung der Stromversorgung werden Krankenhäuser, Feuerwehr und Polizei natürlich zuerst bedacht. 2006 waren einige Haushalte zwei Wochen lang ohne Strom.

Auch der Bau der Häuser ist zum Teil eine Katastrophe: Viele sind aus Holz, bei den Ziegeln wird viel Plastik verbaut. Da wird viel wegfliegen….

Wie wird sich „Matthew“ auf den Verlauf Ihres eigenen Urlaubs auswirken?

Wie die nächsten zwei Tage verlaufen, ist völlig offen. Vielleicht machen die Parks Samstag schon wieder auf; vielleicht ist der Flughafen solange gesperrt, dass mein Rückflug am Montag sich verschiebt. Nach den Todesopfern auf Haiti hoffen wir, dass es hier glimpflich verläuft.

+++UPDATE, Samstag, 8. Oktober +++

"Wie stellt sich die Situation nach der vergangenen Nacht dar?

Es war angekündigt, dass der Hurrikan gegen sechs Uhr morgens hier ankommt. Aber wie gesagt: Das ändert sich ständig. Jetzt um neun Uhr ist es noch relativ friedlich. Man hört das Pfeifen des Windes, etwa, wie ein heftiger Herbststurm, und die Wände wackeln. Das liegt aber daran, dass die Häuser hier zum Großteil aus Holz gebaut sind.

… also keine schlaflose Nacht?

Ganz und gar nicht. Ich habe bis eben tief und fest geschlafen. Zuerst sind das Wackeln und die Geräusche durch den Sturm und die Regenmassen etwas ungewohnt, aber irgendwann gewöhnt man sich daran.

Wie sind die Prognosen?

Wie es jetzt aussieht, soll der Sturm kurz vor Orlando abdrehen, sodass wir wohl nur die Ausläufer abbekommen und das Zentrum von „Matthews“ nicht über uns hinweggeht. Bis jetzt haben wir noch keine Windgeschwindigkeiten von 100 Stundenkilometern oder darüber erreicht, ab denen es kritisch würde. In der Lokalpresse gibt es stündliche Updates, die sich wohltuend von der allgemeinen Panikmache der großen Medien abheben. Letztere bringen Horrorbilder vergangener Naturkatastrophen und verbreiten auflagenträchtige Slogans nach dem Motto „Müssen wir alle sterben?“ "

Lesen Sie auch: Hurrikan "Matthew": Obama erklärt Florida zum Notstandsgebiet

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