Nach Fristende

Mutter einer notorischen Schulschwänzerin wandert vorerst nicht ins Gefängnis

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Corinna Brecht bleibt stur. Die 48-Jährige weigert sich weiterhin, das Bußgeld zu zahlen. In Erzwingungshaft muss sie erstmal aber nicht.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Das Telefon von Corinna Brecht steht nicht still. Heute nicht, gestern nicht und am Tag davor auch nicht. Eine Handvoll Fernsehsender ist inzwischen auf die Scheeßelerin aufmerksam geworden. Dazu einige überregionale Printmedien. „Dass sich so viele um meine Geschichte reißen, das habe ich nicht erwartet“, sagt sie.

Eine Mutter, die wegen ihrer notorisch schulschwänzenden Tochter lieber hinter schwedische Gardinen wandert, anstelle in dieser Angelegenheit ein Bußgeld zu zahlen – für die Presse ist das offenbar ein gefundenes Fressen. Ob Brecht jedoch tatsächlich ins Gefängnis muss, scheint nach gegenwärtigem Stand fraglich.

Ein kalter, verregneter Herbstmorgen. Ostlandsiedlung. Corinna Brecht öffnet den Briefkasten und zieht einen Brief hervor. Ihr Blick wandert über den Absender. Es ist die KGS Sittensen – jene Schule, deren Hauptschulzweig Jasmin (Name von der Redaktion geändert), die Tochter, besucht. Brecht bleibt gelassen. Es ist nicht das erste Mal, dass sie, die Erziehungsberechtigte der 17-Jährigen, Post von der Schule bekommt. Dieses Mal soll sich Jasmin unerlaubt vom Schulgelände entfernt haben. Mal wieder. Die Scheeßelerin schüttelt den Kopf. „Dabei ist doch überhaupt gar nicht in der Schulordnung festgelegt, wo das Gelände aufhört und wo es beginnt“, sagt sie.

Das Verhältnis zwischen ihr und der KGS, es ist angespannt. So sehr, dass ihr Fall schon längst die Schulverwaltungsbehörde des Landkreises beschäftigt. Die fordert von Brecht ein Bußgeld über exakt 273,50 Euro Euro ein (wir berichteten). Der Vorwurf: Selbst nach mehrmaliger Aufforderung soll die 48-Jährige nicht ausreichend Sorge dafür getragen haben, dass die sich in psychologischer Betreuung befindliche Teenager-Tochter ihrer Schulpflicht in geordneten Bahnen nachkommt. Dass Jasmin das in der Vergangenheit nicht tat, belegen unzählige unentschuldigte Fehltage. Das Geld will ihre Mutter aber partout nicht zahlen – selbst unter Androhung einer Erzwingungshaft nicht.

Brecht hat ihre Gründe. Nur so, sagt sie, könne man auf den „behördlichen Irrsinn“ aufmerksam machen, der ihr gerade widerfahre. „Warum auch soll ich für etwas zur Rechenschaft gezogen werden, an dem ich nichts ändern kann?“, stellt sie sich die Frage.

„Wie weltfremd sind die vom Amt eigentlich?“

Der Zahlungsaufforderung ist sie bisher nicht nachgekommen. Ums Geld, sagt Brecht, geht es ihr dabei nicht. Inzwischen ist auch die Frist abgelaufen, die ihr der Kreis zur Zahlung gesetzt hat. Ins Gefängnis muss die Mutter aber nicht – noch nicht. Beide Lager hätten sich nun doch erstmal darauf verständigt, „den Ball flach zu halten“, erzählt Kurt Bankowski. Er ist der Lebensgefährte von Corinna Brecht – und nicht der leibliche Vater von Jasmin. 

Zufrieden ist Bankowski dennoch nicht. Ganz im Gegenteil. Es sei von Seiten der Behörde einmal mehr geäußert worden, dass die Mutter nicht alles Menschenmögliche dafür tue, dass das Mädchen regelmäßig am Unterricht teilnimmt, empört er sich. „Stattdessen heißt es, Corinna müsse sich schon neben sie auf die Schulbank setzen.“ Dass Brecht mittlerweile so gut wie jeden Tag ihre Tochter von Scheeßel nach Sittensen fahre und selbst der ältere Freund der jungen Frau ein Auge darauf habe, dass sie nicht wieder die Schule schwänzt, werde nicht gewürdigt, moniert er. 

„Als normal tickender Mensch denkt man sich: Wie weltfremd sind die vom Amt eigentlich?“ Und noch etwas wurmt Bankowski: „Die wollen vom Kinderpsychologen jetzt nähere Auskünfte über Corinnas Tochter haben – und eine Bescheinigung, dass sie in Behandlung ist.“ Für ihn und seine Partnerin eine Forderung unmoralischen Ausmaßes. „Das verstößt eindeutig gegen den Datenschutz!“

Auch mit dem Jugendamt steht die Familie im Kontakt. „Die wollten meine Tochter schon in die ,Geschlossene’ einweisen, damals hat der aufnehmende Psychologe ihr aber nur entgegnet, sie sei dort völlig Fehl am Platz“, berichtet Brecht. Das, sagt sie, sei zu einer Zeit gewesen, in der ihre Tochter mitunter schon einmal zwei Wochen am Stück wie vom Erdboden verschluckt war. „Ich bin ja schon froh, dass sie wenigstens jetzt immer Zuhause ist.“

„Nur selten geht jemand wirklich ins Gefängnis“

Wieso aber die junge Frau immer noch in großem Stil die Schule schwänzt – allein im vergangenen Schuljahr soll sie an 41 Tagen dem Unterricht ferngeblieben sein –, das können oder wollen Brecht und Bankowski nicht sagen. „Man kommt ja an das Mädchen überhaupt nicht heran“, behaupten beide. Nur eines wollen sie definitiv wissen: „Wenn die Schule bescheinigen würde, dass Corinna alles macht, wäre das Thema vom Tisch“, sagt Kurt Bankowski.

Darauf wartet das Paar aber bis heute. Die KGS ist auf Nachfrage unserer Zeitung zu keiner Stellungnahme bereit. Man wolle die Persönlichkeitsrechte der Schülerin wahren, heißt es von Seiten der Schulleitung. Ähnlich äußert sich der Landkreis. „Zum konkreten Fall können wir natürlich aus Datenschutzgründen nichts sagen“, meint dessen Sprecherin Christine Huchzermeier.

Nur so viel gibt die Öffentlichkeitsbeauftragte preis: „Allgemein ist festzuhalten, das bei Problemen wie Schule schwänzen vorab von Seiten des Landkreises Gespräche mit den Eltern und Jugendlichen stattfinden, um die Situation einzuschätzen.“ Soweit im Einzelfall geboten, würden unterstützende Hilfen angeboten. Oberstes Ziel des Landkreises ist es ihrer Auskunft nach, die Schüler und Eltern zu unterstützen, so dass – im Fall von Unterrichtsversäumnis – die Schüler die Schule regelmäßig besuchen, einen Abschluss machen und einen guten Start für ihren weiteren Lebensweg haben.

Huchzermeier: „Führen diese unterstützenden Hilfestellungen für Eltern und Schüler nicht zum Ziel, kann beziehungsweise muss der Landkreis als letztes Mittel ein Bußgeld erheben. Wird dieses trotz Zahlungsaufforderung und Vollstreckungsversuch nicht bezahlt, wird in der Regel Erzwingungshaft beim Amtsgericht beantragt.“ Das Gericht, erklärt sie weiter, schreibe dann die betroffene Person nochmals unter einer Zahlungsfrist an. „Es besteht dann die Möglichkeit, durch Zahlung die Erzwingungshaft abzuwenden. 

Spätestens wenn der Hafttermin festgelegt ist, wird dies in der Regel dann auch von den Betroffenen genutzt. Nur selten geht jemand wirklich ins Gefängnis.“ Das Amtsgericht könne Jugendliche alternativ auch zur gemeinnützigen Arbeit verpflichten, um das Bußgeld abzuarbeiten. „Bei Erwachsenen ist die Erzwingungshaft aber kein Ersatz für das Bußgeld, sie müssen trotz Haft das Geld bezahlen.“

Eines steht für Corinna Brecht nach wie vor fest: „Dann gehe ich halt in den Knast.“ Sie wird unterbrochen. Wieder läutet das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldet sich der Redakteur eines privaten TV-Senders. Er möchte ihre Geschichte im Frühstücksfernsehen senden. Die Scheeßelerin wiegelt ab. „Wer weiß schon, wie die mich nachher darstellen ...“

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