Schäferei „Wümmeniederung“ startet Spendenaktion zum Erhalt ihres Betriebes

Mit Crowdfunding aus dem Finanzloch?

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Rieisge Flächen im Dreieck Scheeßel-Tostedt-Schneverdingen umfasst das Revier der Schäferei – so auch das Naturschutzgebiet in der Vareler Heide. 

Westerholz - Von Lars Warnecke. Holger Benning und seine Frau Nicole brauchen Geld. Ganz viel Geld sogar. Dafür sind sie zu Bittstellern wider Willen geworden. Unlängst hat das Schäfer-Ehepaar im Internet eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Denn: Für den Erhalt ihrer Schaf- und Ziegenherde, mit der die Westerholzer Flächen im Dreieck Scheeßel-Tostedt-Schneverdingen zwecks Natur- und Landschaftspflege beweiden lassen, fehlt es in finanzieller Hinsicht mittlerweile an allen Ecken und Enden.

Nicole Benning sitzt am Küchentisch. Sie sieht müde aus. Gleich, sagt sie, wolle sie nochmal rausfahren, um nach den Heidschnucken zu sehen. Beinahe 50 Kilometer muss sie dafür zurücklegen – so weit erstreckt sich das Revier ihrer Schäferei mit dem Namen „Wümmeniederung“. 

Nicole Benning bei der Arbeit. Für die 47-Jährige ist ihr Job als Schäferin eine Herzenssache.

Es wäre an diesem Tag schon Bennings dritter Außeneinsatz. Für die 47-Jährige, die der Schäferei – wie ihr Mann auch – im Nebenerwerb nachgeht, ist das normaler Alltag, quasi rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Aber sie macht das gern. Draußen zu sein, mit den Hütehunden – und das, obwohl nicht wenige bürokratische Hürden das Leben des Paares nicht einfacher machen. Manchmal, erzählt die Westerholzerin, komme sie sich vor wie der Romanheld Don Quijote. „Es ist ein immerwährender Kampf gegen Windmühlen.“ Was die Schäferin damit zum Ausdruck bringen will: Seit Jahren schon fordern sie und ihr Mann eine faire Bezahlung für das, was sie tun – dafür treten die Bennings auch regelmäßig an die Öffentlichkeit. „Wenn die Flächeneigentümer, die die Beweidung in Anspruch nehmen, diese auch bezahlen würden, dann hätten wir keine Probleme mehr.“ Eigentümer, das seien sowohl Träger der öffentlichen Hand, darunter die Landkreise Rotenburg und Harburg sowie das Land Niedersachsen, als auch Privatleute.

„Es darf aber auch nichts kaputt gehen“

Für deren Flächen, laut Nicole Benning handele es sich dabei oft um nasse Areale, die für den intensivbewirtschaftenden Landwirt gar nicht attraktiv seien, müsste die Schäferei teilweise auch Pachten zahlen. „Die Eigentümer erzählen uns immer, dass sich die Einnahmen über die Agrarsubvention generieren ließen.“ Dem sei aber aufgrund eines komplexen, eng an Landwirtschaftsreformen gekoppeltes Zahlungsanspruchmodells nicht so. „Fakt ist: Mit dem, was die Herden bisher erwirtschaften, sind wir bisher annähernd kostendeckend über die Runden gekommen – es darf aber auch nichts kaputt gehen oder unter den Tieren eine Krankheit ausbrechen.“

Eine weitere Sache, die eigentlich Geld einbringen könnte, es aber aufgrund gesetzlicher Vorgaben nicht tut: Seit drei Jahren ist die Schäferei ein Bio-Betrieb nach EG-Öko-Verordnung. Benning: „Toll, haben wir uns gedacht, dann bekommen wir ja jetzt eine Bioprämie!“. Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Schließlich würden Flächen der öffentlichen Hand, die schon mit EU-Mitteln angekauft worden sind, aus dem Prämienmodell herausfallen, erläutert sie. Da 80 Prozent der beweideten Flächen genau in dieses Raster fielen, profitiere man nur in winzigem Maße von derartigen Zahlungen.

Kein Gewinn

Und auch mit Blick auf die Fahrtkosten drücke der Schuh, sagt sie. „Bei rund 50 .000 Kilometern im Jahr kommt einiges zusammen; wir als Schäfer erhalten im Gegensatz zum normalen Landwirt aber keine Agrardieselrückerstattung.“ Selbst mit dem Verkauf von Schlachttieren habe sich in den vergangenen Jahren kein Gewinn machen lassen, berichtet die 47-Jährige. Schließlich habe man jedes einzelne Tier gebraucht, um die größer werdenden Flächen adäquat zu beweiden. „Mit den Einnahmen, die wir jetzt haben, können wir die Herde auf Dauer zumindest nicht unterhalten.“

Einen Ausweg aus der Misere sieht die Schäferin in bezahlten Beweidungsprojekten. Ihrer Auskunft nach würde zwischen den Vertragspartnern darin exakt vereinbart werden, in welchen Zeiträumen die Flächen von den Tieren beweidet werden sollen. „Seit Februar stehen wir mit verschiedenen Flächeneigentümern in Verhandlung“, sagt Benning, „darunter die Stadt Hamburg, die niedersächsische Landesstraßenbehörde und weitere Landkreise in der nördlichen Lüneburger Heide.“ Zwar habe das Paar schon mündliche Zusagen bekommen, in trockenen Tüchern sei aber noch nichts. Das werde noch dauern.

Sie brauchen 35. 000 Euro

So lange wollen sie und ihr Mann aber nicht mehr warten, das heißt: Sie können nicht. 35. 000 Euro, haben sie ausgerechnet, seien nötig, um ihren Betrieb im kommenden Jahr aufrecht zu erhalten. In seiner Verzweiflung hat das Paar eine Crowdfunding-Kampagne initiiert. „Um die Herde bis zum Start der Projekte erhalten zu können und um zu verhindern, dass tragende Muttertiere in letzter Konsequenz zum Schlachter gebracht werden müssen, benötigen wir dringend finanzielle Unterstützung“, heißt es dort. Auf der Website www.leetchi.com können Wohltäter einen Beitrag leisten. Immerhin: 4 551,50 Euro waren bis Montagabend für die Schäferei zusammen gekommen. Opimistisch, sagt Benning, dass die Endsumme erreicht wird, sei sie allerdings nicht. „Man wird sehen.“ Spricht‘s, und ist schon wieder auf dem Sprung. Die Herde ruft.

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