Holocaust-Überlebender steht Eichenschülern Rede und Antwort

„Aussöhnung ist der einzige Weg“

Der bewegende Diskurs mit dem Holocaust-Überlebenden Leslie Schwartz: Für Schüler wie Schulleiter Christian Birnbaum (l.) einen Vormittag lang gelebte Vermittlung deutscher Geschichte jenseits der Bücher. - Fotos: Heyne

Scheeßel - Eigentlich war es ein Wunder, dass Leslie Schwartz, vormals Laslo, vor knapp 300 Schülern im Theatersaal der Eichenschule von seinem Leben berichtete – oder eher: drei Wunder. Denn mindestens so oft war der Holocaust-Überlebende knapp dem Tod entgangen. Seine Geschichte nimmt sich so wundersam aus, dass nicht nur die Elft- und Zwölftklässler staunten, die den Besuch des 86-Jährigen erleben durften, sondern auch die Filmschaffenden in Hollywood: Dort hat man sich die Rechte an der Verfilmung von Schwartz‘ Jugend gesichert – im kommenden Jahr soll sein Leben mit Ben Kingsley in der Hauptrolle in die Kinos kommen.

Schwartz war als ungarischer Jude im Alter von 14 Jahren nach Auschwitz deportiert worden. Von dort ging es ins Arbeitslager Birkenau, anschließend ins Konzentrationslager Dachau, später nach Mühldorf am Inn. Dort wurde er mit anderen Gefangenen in einen 600 Meter langen Zug mit zirka 60 Waggons, jeder voll mit 80 Juden, gepfercht. Im „Todeszug von Mühldorf“, von Alliierten für einen Munitionstransport gehalten und bombardiert, wurden die verhungernden Zwangsarbeiter nach einem Tag im Waggon ohne Wasser, Essbarem oder Notdurft entkräftet, krank oder sterbend freigelassen, während sich die Soldaten ihrer Uniformen entledigen, bevor sie das Weite suchten.

Als sich das vermeintliche Kriegsende als Ente erwies, wurden viele von ihnen zusammengetrieben und exekutiert. Schwartz, der gerade auf einem Bauernhof ein Stück Brot bekommen hat, wird dabei angeschossen. Er hat Glück, wie so oft: Die Kugel, die ihn in den Nacken traf, tritt zur Wange wieder aus. Er überlebt.

Der Schrecken des Holocaust manifestiert sich in den konkreten Details, die der vorab gezeigte Dokumentarfilm des Bayerischen Rundfunks von 2010 minutiös nachzeichnete. In der Dokumentation, in der Schwartz nach 60 Jahren in bewegenden Momenten auf einige seiner Unterstützer trifft, hatten sich vier bayrische Gymnasiasten auf Spurensuche über den „Todeszug“ in ihrer Nähe gemacht.

Besonders betroffen macht die Schüler, das verdeutlicht die anschließende Fragerunde, der „Verlust der Menschlichkeit“: Auf die Frage nach Freundschaften oder einer Art Gemeinschaft im KZ antwortet Schwartz: „Der Hunger macht selbstsüchtig. Es ging nur ums Essen – und damit ums Überleben.“

„Welcher Gott lässt so etwas zu?“

Aufgeworfen wurde auch die Frage nach dem Glauben. Der in den USA lebende ehemalige Drucker hat ihn fast verloren: „Als wir sahen, wie sie Säuglinge in die Gaskammern steckten, haben wir uns gefragt: Welcher Gott lässt so etwas zu?“ Umso entschiedener glaubt der lebensbejahende Mensch an Bestimmung: „Ich habe überlebt, um heute hier vom Holocaust erzählen zu können und so dem Vergessen vorzubeugen!“ Das empfindet er als „Heilungsprozess““, den er nach eigenem Bekunden beim Erzählen vor deutschen, aber auch schwedischen und amerikanischen Schülern erfährt.

Lange war Schwartz‘ Vergangenheit ein Tabu: „Als ich als 16-Jähriger 1946 in Los Angeles von Verwandten aufgenommen wurde, hieß es: Behalte deine Geschichten für dich. Jetzt bist du hier in den USA und hast ein wunderbares Leben.“

Erst im Alter von 80, von einem dänischen Freund und Journalisten gefragt, ob er seine Geschichte publik machen würde, fing er an, die Öffentlichkeit zu suchen – mittlerweile 1000 Schulen allein in Deutschland hat er inzwischen besucht. Die Auseinandersetzung mit Jugendlichen ist für ihn gelebte Aussöhnung: „Es gibt keinen anderen Weg!“ Für die Eichenschüler war der intensive Diskurs mit einem Zeitzeugen nahegebrachte Zeitgeschichte jenseits der Geschichtsbücher. - hey

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