Ina Petersen und Autor Hein Benjes über den Stellenwert des Vorlesens

„Die alten Zaubertricks funktionieren noch“

Fast eine Stunde lang fesselte Hein Benjes die Eis- und Braunbären mit Gestik, ausdrucksvoller Stimme und der Einladung zum Mitmachen. - Foto: Heyne

Jeersdorf - Vorlesen ohne Buch – geht das? Schon, zumindest, wenn man den Experten Hein Benjes zu Besuch hat, wie am Dienstag der Kindergarten Jeersdorf. Aus Termingründen ein paar Tage nach dem offiziellen „Deutschen Tag des Vorlesens“, hatte der Autor einiger Kinderbücher und Gedichtbände bei seinem Besuch der „Rappelkiste“ sehr wohl eines seiner Werke im Gepäck – allerdings, um es schon bald zur Seite zu legen und frei zu erzählen.

Wache Augen, eine bewegte Stimme, nebenbei eingeflochtene Erklärungen, lebhafte Gesten: das packte die Kinder, die die Einladungen zum Mitsprechen oder zu eigenen Beiträgen gern annahmen. Der ehemalige Schulleiter einer Grundschule weiß, wie man Kinder begeistert. So beschworen die Drei- bis Sechsjährigen gemeinsam mit Benjes den Schnee, der da bald fallen soll und ließen sich entführen in die Welt der Märchen.

Die im Grunde profane Geschichte vom Underdog, der mit Bescheidenheit und Fleiß das große Los zieht – sie zieht noch immer. Wenn Benjes in den Köpfen der Kinder die verzauberte Welt voller Katzen heraufbeschwört, die „Katzenwäsche“ demonstriert und von silbernen Kutschenbeschlägen und funkelnden Kronen spricht, dann springt die eigene Begeisterung über. Klug hat er vorher zwischen Mitmach-Gedicht, Lustigem und Besinnlichem gewechselt – und als nach einer dreiviertel Stunde beim Abschied einige nimmermüde Kinder flehen: „Nur noch eine Geschichte, bitte!“, lächelt der Hellweger altersmilde: „Ich kann ja mal wiederkommen!“

Im Gespräch verraten Kindergartenleiterin Ina Petersen und Autor Hein Benjes, welchen Stellenwert Vorlesen heute hat.

Frau Petersen, Herr Benjes, wird in den Elternhäusern überhaupt noch vorgelesen oder ist das total out?

Ina Petersen: Es gibt Beides: Familien, in denen vorgelesen wird und Eltern, die das Ipad anstellen. Wir bieten den Eltern kostengünstig Literatur an, das wird supergut angenommen. Und unsere Kindergartenkinder bringen immer wieder Bücher mit, die ihnen beim Vorlesen gut gefallen haben. Hein Benjes: Ich habe mein Leben lang frei erzählt. Wenn man als Kind erfahren hat, wie schön das ist, dann will man es auch weitergeben.

Heutzutage könnte man aber doch auch auf gute Hörbücher zurückgreifen?

Petersen: Könnte man, und solche Medien haben ja auch ihre Berechtigung. Aber es ist nicht das Gleiche: Die Nähe, sich rankuscheln – wenn wir hier vorlesen, hat man auch 1-2-3 ein Kind auf dem Schoß, zwei an der Seite, eins am Arm–, die Interaktion: Man darf zwischendurch auch mal eine Frage stellen. Die Geschichten werden viel lebendiger.

Trotzdem ist Vorlesen ja auch eine Art der Berieselung. Welche Fähigkeiten schult es überhaupt?

Benjes: Es ist eine Grundübung in Aufmerksamkeit. Die Kinder kommen aus ihrem sonstigen Geflacker raus, entwickeln eigene Bilder im Kopf, werden zu mehr Fantasie angeregt. Im Fernsehen sind die Bilder ja vorgefertigt. Ich rate Eltern und Großeltern mit zappeligen Kindern immer: Erzählt doch mal von früher. Das ist eine wunderbare Brücke zwischen den Generationen.

Apropos früher: Bemerken Sie beim Vorlesen Unterschiede zu früher?

Petersen: Heute ist es schon schwieriger. Zu vielen Klassikern haben Kinder durch Filme und Fernsehen vorgefertigte Bilder im Kopf. Und in den „alten“ Geschichten passiert nicht so viel – heute wird viel mehr „Action“ verlangt. Heute heißt es Ritter Kokosnuss statt Räuber Hotzenplotz. Aber man kriegt die Kinder auch noch mit Vorlesen – es dauert bloß etwas länger, sie zu fesseln. Benjes: Ich war 25 Jahre raus aus der Grundschule und bin jetzt durch eine Plattdeutsch-AG wieder drin. Zuerst war ich sehr überrascht, wie sich die Welt geändert hat. Die Kinder sind unbekümmerter, lebendiger, aber auch weniger respektvoll. Da könnte anstelle des Lehrers auch ein Kleiderständer stehen. Aber die alten Zaubertricks funktionieren noch: Erzählen, Bewegung, was machen. Beim Binsenflechten waren es wieder die Kinder von früher. Höchstens ein bisschen ungeschickter. Und plötzlich sind auch die alten Tugenden – Selbstdisziplin, anderen helfen – wieder da. Ipads sind die großen Verführer. Bis zum Grundschulalter haben sie aber in Kinderhänden nichts zu suchen – die Kinder müssen wahrlich wieder lernen zu begreifen.

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