Aus für Alphabetisierungskurse befürchtet

Wenn es einem die Sprache verschlägt

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Sylvia Doberenz-Tews und Paul Göttert zeichnen ein düsteres Szenario, sollten professionell duchgeführte Alphabetierungskurse für Flüchtlinge nicht mehr stattfinden. 

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Sprache ist der Schlüssel für Integration. Dies ist ein oft gesagter Satz, wenn es um die Integration von Flüchtlingen geht. Doch was ist, wenn für Sprachkurse urplötzlich der Geldhahn zugedreht wird? Sylvia Doberenz-Tews und Paul Göttert, beide in der Scheeßeler Flüchtlingsarbeit tätig, befürchten genau das. Mittel zur Fortsetzung von Alphabetisierungskursen, sagen sie, würden wohl nicht mehr bereitgestellt. „Dabei haben wir uns darauf verlassen.“

Ein trüber Oktobertag, es regnet in Strömen. Draußen vor der Flüchtlingsunterkunft ist das Internatsgrundstück verwaist. Nur zwei, drei Bewohner trotzen dem Schietwetter und ziehen unter dem Vordach an ihren Zigaretten. Sylvia Doberenz-Tews, die für die Betreiberfirma als Sozialarbeiterin in der Einrichtung wirkt, und Paul Göttert, Chef des Scheeßeler Flüchtlingsvereins, sitzen im Büro. Sie wollen sich heute den Frust von der Seele reden. Erst vor kurzem haben sie erfahren, dass es kein Geld mehr geben soll. Das habe zumindest der Landkreis signalisiert, sagen sie.

Ein Mädchen, sie ist im Grundschulalter, klopft an die Tür. Sie und ihre Eltern kommen aus Syrien. In der Hand hält sie ein Formular. „Was müssen Mama und Papa damit machen?“, fragt sie in die Runde. Ihr Deutsch ist hervorragend – und das, obwohl sie erst vor wenigen Monaten mit ihrer Familie. ins Land gekommen war Mama und Papa, sie stehen nicht an der Tür. Aus gutem Grund, wie Göttert sagt. „Die Sprache wird in der Familie einfach nicht gefestigt, viele Erwachsene scheuen deshalb die Kommunikation.“ Das Mädchen hingegen würde – wie seine Altersgenossen – in der Schule große Fortschritte machen.

Dabei sei man aus Sicht von Doberenz-Tews schon auf einem guten Weg gewesen, jene Flüchtlinge, die mit anderen Schriftsystemen aufgewachsen sind und darum das lateinische Alphabet nicht beherrschen, an die deutsche Sprache heranzuführen. Noch vor wenigen Wochen bot die Volkshochschule in den Räumen des Scheeßeler Sportlerhauses einen Alphabetisierungskurs an. „Die Nachfrage war enorm“, berichtet die Sozialpädagogin. Nachdem dieser im August ausgelaufen war, herrscht Ruhe. Anträge auf Wiederaufnahme des Angebotes habe die Gemeinde beim Kreis zwar gestellt, „genehmigt wurde für Scheeßel bisher aber nur ein A1-Sprachlevelkurs“, sagt sie. „Unser Kenntnisstand aus den Gesprächen mit der VHS ist, dass Alphabetisierungskurse aufgrund von Geldmangel hier nicht mehr mehr stattfinden sollen.“

Dabei würden die Flüchtlinge schon jetzt die Folgen fehlender Sprachförderung zu spüren bekommen, erzählt Göttert. „Alles, was sie gelernt haben, liegt jetzt wieder auf dem Boden.“ Viele hätten bereits nachgefragt, wann sie wieder hin können. Frustration mache sich breit. Mitunter sogar psychische Erkrankungen, hat Doberenz-Tews im täglichen Umgang mit den Bewohnern der Unterkunft festgestellt. „Einige neigen mittlerweile schon zu Aggressionen gegen sich selbst und gegen andere, sie werden zunehmend gewalttätiger, weil sie im Alltag keine Aufgabe mehr haben.“ Das, sagt sie, sei mit dem Alphabetisierungskurs noch anders gewesen, hätten die Menschen so doch wenigstens einen strukturierteren Tag verleben können. „Aus der Lethargie, in der sie sich befinden, bekommt man sie jedenfalls nur ganz schwer wieder raus.“

Noch im vergangenen Jahr lag die Sprachförderung hauptsächlich in der Hand von Ehrenamtlichen aus der Scheeßeler Kirchengemeinde. Später wurde sie an öffentliche Träger wie die VHS übergeben. „Zum Glück“, sagt Göttert, schließlich könnten solche Angebote auf Dauer nicht ehrenamtlich aufgefangen werden. „Wir haben von dieser Seite immer Unterstützung angeboten, indem wir zum Beispiel Nachhilfe geben – das kann aber nur ergänzend sein.“

Sinkende Bereitschaft zur Kommunikation

Keine qualifizierte Sprachförderung, keine Integration, bringen es die beiden auf die simple Formel. „Wie soll denn jemand, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist, überhaupt eine Arbeit aufnehmen?“, wirft Doberenz-Tews die Frage auf. Paul Göttert pflichtet ihr bei. „Das Problem ist ja auch die Kommunikationsbereitschaft der Deutschen mit den Flüchtlingen.“ Seinen Erfahrungen nach würde die im Alltag kaum stattfinden – selbst im Café Refugium nicht, dem wöchentlichen Begegnungsangebot im Meyerhof, das sein Verein zur Kommunikation einmal ins Leben gerufen hatte. „Bis auf wenige Einheimische findet sich dort keiner mehr ein.“

Dass notfalls die in der Gemeinde lebenden Asylbewerber nun auf Sprachkurse in anderen Kommunen ausweichen müssten, sei nach Einschätzung der beiden gar nicht erst vorstellbar. „Wenn man die Frauen mit Kindern in den Familien mit hereinnehmen will, brauchen wir auf jeden Fall Ortsgebundenheit“, betont Göttert. Gerade jetzt in der kalten Jahreszeit würden viele es scheuen, weitere Strecken zurückzulegen. „Sie kommen halt aus einer warmen Region und frieren hier daher schnell“, sagt er. Mit der Art, sich zweckmäßig zu kleiden, seien die meisten jedenfalls gar nicht oder kaum vertraut.

Es klopft erneut an die Tür.. Einer der Bewohner meldet sich ab. Er wolle gleich ins Fitnessstudio nebenan, sagt er im schüchternen Tonfall. „Zum Pumpen.“ Immerhin: Dieses Wort kann der junge Mann inzwischen einwandfrei aussprechen.

Am Tag danach können Sylvia Doberenz-Tews, Paul Göttert und ihre Mitstreiter aufatmen. Entgegen allen Befürchtungen sollen nun definitiv Gelder für die Alphabetisierungskurse zur Verfügung gestellt werden, heißt es aus der Chef-Etage im Scheeßeler Rathaus. Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele (CDU) klärt auf. So habe man ihrer Auskunft nach Ende Juli schon die Bewilligung drei weiterer Sprachkurse beim Kreis beantragt – „aber nur ein A1-Kurs ist unmittelbar genehmigt worden“, sagt die Verwaltungschefin. Was die beiden Alphabetisierungskurse anbelangt, hätten die benötigten Mittel dafür zunächst bereit gestellt werden müssen, habe es damals aus dem Kreishaus geheißen. Mehrfach habe sie beim Landrat seitdem auf die Dringlichkeit hingewiesen – „jetzt endlich kann es weitergehen“, bestätigt die Bürgermeisterin auf Nachfrage.

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