Landkreis Rotenburg sucht Bereitschaftspflegeeltern

Zuhause auf Zeit

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Wenn es eine Krisensituation in einer Familie gibt, können Kinder kurzfristig Schutz bei Bereitschaftspflegeeltern finden.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Mitten in der Nacht kann es soweit sein: Das Telefon klingelt, dann geht es los zum Jugendamt oder zu einer bestimmten Adresse. Ein Kind – manchmal sind es auch mehrere – muss vorübergehend aus einer schwierigen familiären Situation geholt werden. Das gehört zu den Aufgaben von Bereitschaftspflegeeltern.

Im Landkreis Rotenburg sind sie selten geworden: Es gibt in der Region nur noch ein Elternpaar in der Bereitschaftspflege. Deshalb ist die Landkreisverwaltung händeringend auf der Suche nach Verstärkung. Manchmal ist es notwendig, ein Kind kurzfristig aus einer Familie zu nehmen, um es zu schützen und abzuwägen, wie es weitergehen soll. Dann gibt es Menschen wie Susanne und Hans. 

Seit Mai 2009 standen sie als sogenannte Bereitschaftspflegeeltern auf Abruf bereit, wollen deswegen anonym bleiben. Manchmal kam der Anruf tatsächlich mitten in der Nacht. „Da ist man dann zum Jugendamt gefahren und hat sich gefragt: Was erwartet mich?“, sagt Susanne rückblickend. Viele Kinder aus teilweise zerrütteten Familienverhältnissen haben sie und ihr Mann in den zurückliegenden siebeneinhalb Jahren betreut: drei Monate war das Jüngste alt, das Älteste hat seinen 13. Geburtstag bei ihnen gefeiert. 

Kinder aus akuter Krisensituation herausholen

Bis zu zwölf Jahre alt dürfen die Kinder sein, für die Bereitschaftspflegeeltern zuständig sind. Das erklärt Ulrike Helle, Leiterin der Sozialen Dienste und stellvertretende Leiterin des Jugendamtes beim Landkreis Rotenburg. Sie weiß: „Manchmal ist es wichtig, Kinder aus einer akuten Krisensituation herauszuholen.“ Dann seien Schutz, Diagnostik und Klärung der Perspektive wichtig. Zehn Kinder seien in diesem Jahr deshalb bisher schon kurzfristig so untergebracht worden. „Im Durchschnitt sollen die Kinder eigentlich nicht länger als drei Monate bleiben.“ Manchmal bleiben sie aber deutlich länger.

Diese Erfahrung haben auch Susanne und Hans gemacht: Bis zu sieben Monate waren einige schon bei ihnen. Eine lange, möglicherweise prägende Zeit. So erkennt das ein oder andere Kind Susanne noch heute, wenn sie zum Beispiel einkaufen geht. „Ein Kind hat mich dann mal angestrahlt und gesagt: ,Bei dir habe ich mal gewohnt‘“, sagt sie. Für die 53-Jährige schöne Erinnerungen. Zu manchen Kindern hat sie bis heute den Kontakt gehalten. Trotzdem fragt sie aber nicht mehr beim Jugendamt nach, was aus ihnen geworden ist. „Aus Selbstschutz“, sagt sie. Wenn Susanne daran denkt, was die Kinder bei ihr und Hans gelernt haben, und hinterher ist alles wieder wie vorher – kein schönes Gefühl.

Landkreis Rotenburg: nur ein Elternpaar

Da sowohl Susanne und Hans als auch ein weiteres Pflegeelternpaar nun ausscheiden, gibt es im Landkreis Rotenburg nur noch ein Elternpaar für den Krisenfall. Zu wenig, denn auch Bereitschaftseltern haben Recht auf Urlaub und freie Wochenenden. „Es ist kein pädagogisches Know-how notwendig“, klärt Helle auf. Trotzdem werden Eltern, die sich für die Bereitschaftspflege entscheiden, vom Jugendamt überprüft. Das soll dabei helfen, diejenigen auszusieben, die nur auf der Suche nach einer Einnahmequelle sind.

Bereitschaftspflegeeltern arbeiten selbstständig. Trotzdem sind sie nicht auf sich allein gestellt. „Der Landkreis gibt fachliche und finanzielle Unterstützung“, so Helle. Es gebe beispielsweise eine Pauschale für die Bereitschaftszeit, auch wenn keine Kinder aufgenommen werden. „Außerdem beteiligt sich der Landkreis an der Altersversorgung“, so Helle.

Wichtig sind Toleranz, Offenheit, Erfahrung mit Kindern und Belastbarkeit, erläutert die Landkreismitarbeiterin. Darüber hinaus werde das polizeiliche Führungszeugnis verlangt. Auch die Wohnung komme auf den Prüfstand – schließlich muss kurzfristig Platz für bis zu drei Kinder sein  –, und das Jugendamt befragt auch die leiblichen Kinder.

Susanne und Hans haben sich vorher ebenfalls mit ihren zwei Töchtern über ihre Pläne unterhalten. „Es müssen alle dahinter stehen, sonst klappt es nicht“, sagt Susanne. Ihre eigenen Kinder hätten die Pflegegeschwister so gut wie möglich in den Alltag mit eingebunden: „Und wenn die Chemie mal nicht gestimmt hat, ging die Tür halt zu.“

Für sie waren die vergangenen sieben Jahre eine spannende Erfahrung. „Ein Kind meinte mal zu mir: Ich habe dich ganz doll lieb, Susanne.“ Das seien die schönsten Momente als Bereitschaftspflegeeltern. Sie weiß: „Man kann nicht die Welt retten. Die Kinder können nichts dafür, in welche Familie sie geboren werden.“ Trotzdem haben sie und ihr Mann vielen Kindern kurzfristig ein sicheres Zuhause, geregelte Mahlzeiten und einen strukturierten Tagesablauf geboten.

Wer Interesse hat, selbst als Bereitschaftspflegeeltern tätig zu werden, und weitere Informationen möchte, kann sich mit Ulrike Helle unter 04261/ 9832520 in Verbindung setzen.

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